Wenn Warren Buffett plötzlich anklopft
Anfangs Juli hat Urs Horat seine Firma Compona, die er aufgebaut und die ihm 38 Jahre lang gehört hatte, verkauft. Genauer: Seine Kinder, ausgestattet mit der entsprechenden Vollmacht, haben die Verträge unterschrieben.
Horat weilte in dieser Zeit mit seiner Frau ferienhalber in der Arktis. «Auch wenn ich weit weg war, war es ein emotionaler Moment», sagt der 75-Jährige aus Pfäffikon. «Aber wir hatten so lange verhandelt, dass ich schlussendlich froh war, als alles unter Dach und Fach war.» Die Compona AG und ihre deutsche Tochterfirma Cosy Electronics sind Spezialdistributoren für Steckverbindungen.
Deal mit Milliardär
Verkauft hat Horat an niemand Geringeren als den amerikanischen Grossinvestor Warren Buffett, beziehungsweise an dessen Firma TTI, Inc. «Sie kamen im August 2017 auf uns zu, weil sie in Deutschland in ihrer Firma eine Abteilung haben, die im gleichen Bereich tätig ist wie die deutsche Tochter von Compona.» Da es schwierig sei, in diesem Bereich Fuss zu fassen, wollte man unbedingt eine Firma zukaufen.
«Sie kamen im August 2017 auf uns zu.»
Urs Horat, Compona-Besitzer aus Pfäffikon
Urs Horat ist in Sattel SZ aufgewachsen und machte ursprünglich eine Lehre als Feinmechaniker. Mit 20 ging er nach Genf, um einen Sprachaufenthalt zu machen und zu arbeiten. «Ich war einer der wenigen, die das Dorf verliessen», sagt er. «Das war zu dieser Zeit sehr ungewöhnlich.»
Erst Schmuckbusiness, dann Schlosser
Schon früh reiste er viel, war zwei Jahre lang in Südafrika, arbeitete dort im Schmuckbereich, aber auch mal als Schlosser, weil gerade keine andere Arbeit vorhanden war. Zudem heuerte er in dieser Zeit drei Monate bei der South African Mercant Navy als Junior Engineer an und fuhr nach England und Irland.
«Die Leute dachten, wir seien Athleten, gross und blond wie wir waren.»
Urs Horat
Anschliessend reiste er mit einem Kollegen durch ganz Süd- und Mittelamerika bis nach New York. Auf dem Weg erlebte er 1968 die Olympischen Spiele in Mexiko. «Die Leute dachten, wir seien Athleten, gross und blond wie wir waren», erinnert er sich.
1971 lernte er seine heutige Frau Hedi beim Skifahren in Sattel kennen. «Es war verrückt. Ich reiste um die halbe Welt, und schlussendlich traf ich die Frau meines Lebens vor meiner Haustür.» Sie habe viel zum späteren Erfolg der eigenen Firma beigetragen.
Klein angefangen – in Dübendorf
Zurück in der Schweiz arbeitete Horat bei der Kurt Hirt AG in Zürich, wo er als Verkaufsleiter Bauteile verkaufte und seinen späteren Geschäftspartner Pierluigi Fiore kennenlernte. «Ich hatte schon immer den Wunsch, etwas Eigenes zu machen», erzählt er. «An einer Elektronikmesse in Basel kam dann ein Vertreter auf uns zu, den wir kannten, und bot uns an, die Schweizer Vertretung für die Firma zu übernehmen, für die er mittlerweile als Exportmanager arbeitete.»
Die Firma stellte Präzisions- IC-Sockel für Steuerungen her. Horat und seine Frau wohnten zu dieser Zeit in Benglen. «Da standen wir vor der Entscheidung: eigenes Haus oder eigene Firma. Wir entschieden uns für die Firma.»
«Ich hatte schon immer den Wunsch, etwas Eigenes zu machen.»
Urs Horat
Sie starteten am 1. Mai 1980 in Dübendorf, zwei Jahre nach der Geburt des ersten und ein Jahr nach der Geburt des zweiten Kindes. Pierluigi Fiore Fiore bearbeitete die Westschweiz und das Tessin, Urs Horat die Deutschschweiz – mit zwei Angestellten und Hedi, «die für Gottes Lohn arbeitete.»
Sie besassen zwei Büros, ein Lagergestell, zwei Pulte und eine alte Schreibmaschine. «Abends nahm ich die handgeschriebenen Lieferscheine nach Hause und Hedi schrieb zwischen dem Windelwechseln die Rechnungen.»
Erfolg durch Spezialisierung
Die Firma verkaufte als Distributor unter anderem Stecker, LEDs und IC-Sockel. «Anfangs vertrieben wir alles, um Geld zu verdienen. Wir waren ein Gemischtwarenladen. Doch nach fünf Jahren spezialisierten wir uns auf Steckverbindungen.» Das ist bis heute so geblieben. Durch die Spezialisierung hätten sie sich von den Mitbewerbern abgehoben und seien bald zum Marktführer in diesem Bereich geworden.
Im ersten Jahr erzielte die Compona AG einen Umsatz von 600’000 Franken. Hatte Horat vorher als Festangestellter einen Lohn von monatlich 6000 Franken verdient, zahlte er sich in den ersten drei Jahren gerade mal 2500 Franken Lohn aus. «Zuerst war es schwierig zu wachsen, weil es damals keine Arbeitslosen gab. Wir haben dann kleinere Firmen gekauft und deren Arbeiter bei uns integriert.»
90 Angestellte, 40 Millionen Umsatz
Heute macht Compona einen Umsatz von 40 Millionen im Jahr, hat 90 Angestellte, 40 davon in der Schweiz, den Rest in Deutschland. Seit 1991 ist der Geschäftssitz in Fehraltorf. Er sei stolz auf das, was sie erreicht hätten. «15 Firmen, die im gleichen Geschäftsfeld wie wir tätig waren, sind in dieser Zeit verschwunden.»
«15 Firmen, die im gleichen Geschäftsfeld wie wir tätig waren, sind in dieser Zeit verschwunden.»
Urs Horat
Die Compona hingegen habe nur im ersten Jahr 20’000 Franken Verlust gemacht, seither nur noch Gewinne. Dieses Jahr hätten sie schon in den ersten Monaten über 40 Prozent Wachstum erzielt.
Viel Vertrauen in Mitarbeiter
Er habe immer viel Vertrauen in seine Leute gehabt, was sicher zum Erfolg der Firma beigetragen habe. «Ich funktionierte als Arbeitnehmer immer am besten, wenn man mich einfach machen liess. Und so habe ich es auch als Arbeitgeber gehandhabt.» Kontrolliert habe er seine Angestellten kaum. «Wenn man seinen Leuten immer sagt, wie sie etwas machen müssen, dann denken sie am Schluss: ‹Mach es doch selber.›» Auch Angestellte, die mit eigenen Ideen kamen, habe er stets gefördert.
Er habe sich nie als Chef gesehen, sondern eher als Moderator. «Und als ich 50 wurde, entschied ich, dass wir uns ab jetzt alle duzen. Das ist bis heute so.»
«Als ich 50 wurde, entschied ich, dass wir uns ab jetzt alle duzen.»
Urs Horat
Als die Firma grösser wurde, übernahm Horat die Geschäftsleitung, Fiore die Verkaufsleitung. 1995 liess sich letzterer pensionieren und verkaufte ihm seine Aktien. Horat zog sich vor elf Jahren als CEO zurück und amtete seither als Verwaltungsratspräsident.
Mühe mit dem Loslassen
Ein Haus haben Horats dann doch noch gebaut: in Pfäffikon. Nicht nur seine Frau, auch seine zwei Kinder waren ins Geschäft involviert. «Der Verwaltungsrat bestand aus meiner Tochter, meinem Sohn, meiner Frau und mir», sagt er. «Wir hatten also 50 Prozent Frauenquote.»
Sein Sohn, ein Wirtschaftinformatiker, arbeitete ausserdem fünf Jahre in der Compona AG im Marketing. «Ich hätte mir gewünscht, dass er die Firma eines Tages übernimmt», sagt Horat. «Aber es war nicht seine Welt.»
«Inzwischen habe ich mich damit abgefunden.»
Urs Horat
Im ersten Moment sei er enttäuscht gewesen, gibt Horat zu. Gleichzeitig habe er nicht gewollt, dass sein Sohn etwas macht, das er nicht von Herzen will. «Ich habe mir gesagt, dass jeden Tag Firmen verkauft werden. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden.»
Für die Angestellten der Compona werde sich mit dem Verkauf nichts ändern, sagt Horat. Er selbst hat immer noch ein Büro im dritten Stock, wo er ein- bis zweimal pro Woche arbeitet. Dieses aufzugeben, fällt ihm offensichtlich nicht einfach. «Das ist ein bisschen mein Zuhause geworden. Loslassen ist schwer.»