Zwischen Extremsituationen und Normalität
Werner Scherler, der Gesamtleiter der Sonderschule Buechweid in Russikon, hat einen turbulenten Monat hinter sich. Ende Mai stand sein Internat unvermittelt im medialen Rampenlicht. «Die Zeitungsartikel haben bei unseren Schülern für grosse Verunsicherung gesorgt», sagt er. Die «NZZ am Sonntag» hatte in einem Artikel zum Fall Isabella T. publik gemacht, dass diese vor einigen Jahren «in einem Internat im Zürcher Oberland» untergebracht war. Die 20-jährige Isabella verschwand im November 2017. Drei Monate später wurde sie in einem Waldstück im Thurgau tot aufgefunden.
Laut ehemaligen Mitschülern, die in dem Artikel zitiert wurden, seien sie in dem Internat, – der Buechweid, wie sich herausstellte – schlecht behandelt worden. Man habe sie angeschrien und zur Strafe in einem Keller eingesperrt oder an Pferdezaumzeug um den See gezogen. Die Leitung der Buechweid distanzierte sich daraufhin im ZO/AvU von diesen Anschuldigungen. «Diese Vorwürfe sind völlig haltlos», sagt Scherler. Im Interview erklären er und andere Mitglieder der Leitung, wie in ihrer Institution mit Konflikten umgegangen wird.
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Schwierige Vergangenheit
Wenn Scherler von seiner Arbeit erzählt, wählt er seine Worte sorgfältig. Nicht, weil er etwas zu verbergen hätte, sondern um die Privatsphäre seiner Schützlinge zu wahren. 75 Kinder zwischen fünf und 17 Jahren gehen in der Buechweid zur Schule – acht besuchen die Tageschule, die anderen wohnen im Internat. «Viele dieser Kinder haben sehr schwierige Situationen erlebt», sagt Scherler. Sie alle sind hier, weil sie in der Regelschule nicht mehr tragbar waren.
«Mit solchen Kindern zu arbeiten, ist anspruchsvoll», sagt Scherler. Sie müssen rund um die Uhr begleitet werden. Das erfordert viel Personal. In der Buechweid gibt es etwa gleich viele Vollstellen wie Schüler. «Die effektive Zahl der Mitarbeiter ist aber höher, denn viele arbeiten Teilzeit», so Scherler.
«Mit solchen Kindern zu arbeiten, ist anspruchsvoll.»
Werner Scherler, Gesamtleiter Buechweid
Tagsüber besuchen die Kinder und Jugendlichen in Kleinklassen den Unterricht. Jede Klasse wird von je einem Lehrer und einem Sozialpädagogen betreut. Die Schule in der Buechweid deckt die gesamte obligatorische Schulzeit ab, vom Kindergarten bis zur neunten Klasse. Jedes Kind arbeitet nach einem individuellen Lehrplan. «Viele unserer Schüler haben aufgrund ihrer Vorgeschichte Lücken im Schulstoff», sagt Scherler.
Jedes Klassenzimmer verfügt über einen Nebenraum, der für individuelles Arbeiten genutzt wird, der aber auch dazu dient, im Falle eines Konflikts die Schüler zu trennen. Wichtiger als das Erreichen schulischer Leistungsziele sei, dass die Kinder in einen normalen Alltag zurückfinden. «Viele sind völlig verunsichert, wenn sie zu uns kommen», sagt Scherler.
«Mit einem stabilen und verlässlichen Umfeld helfen wir ihnen, diese Verunsicherung zu überwinden und wieder Selbstvertrauen aufzubauen.» Das Ziel sei, dass sie nach ihrer Zeit in der Buechweid eine Ausbildung machen und auf eigenen Beinen stehen können. «Leider schaffen wir das nicht bei allen.»
Der Umgang mit Konflikten
Dass der Weg zur Normalisierung nicht einfach ist, zeigt sich auch in den acht Wohngruppen. Hier werden die Kinder den Rest des Tages in einer familienähnlichen Struktur von einem Team aus Sozialpädagogen betreut. Konflikte gehören auch hier zum Alltag. «Es kommt regelmässig vor, dass Kinder anderen gegenüber Gewalt anwenden oder auf die Betreuer los gehen, sie beschimpfen und beleidigen», sagt Scherler. In solchen Extremsituationen einen kühlen Kopf zu bewahren, sei nicht einfach und klappe auch nicht immer.
«Darum ist es extrem wichtig, wie man im Nachhinein damit umgeht.» Dazu gehöre eine konsequente Dokumentation und Aufarbeitung des Geschehenen, sowie Gespräche, Versöhnungsarbeit und eine offene Information gegenüber Eltern und Beiständen. Manchmal seien aber auch Sanktionen nötig. «Heute ist man damit jedoch viel zurückhaltender als früher. Als ich vor 40 Jahren als Betreuer anfing, war der Umgang ein anderer», sagt Scherler, der nächstes Jahr pensioniert wird.
«Wenn ein Kind abhauen will, kann es das tun.»
Werner Scherler, Gesamtleiter Buechweid
Dass man Kinder zum Beispiel einschliesse, komme nicht mehr in Frage. In der Buechweid gebe es grundsätzlich keine abgeschlossenen Türen. «Wenn ein Kind abhauen will, kann es das tun.» Das komme auch hin und wieder vor. Erst kürzlich seien wieder ein paar Jugendliche in der Nacht ausgebüxt. Es sei auch schon vorgekommen, dass Buechweid-Kinder von der Polizei aufgegriffen wurden. «Meistens kommen die Ausreisser aber von selbst zurück.»
Tag der offenen Tür: Mit Transparenz Vertrauen schaffen
Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sei es heikel, gegenüber der Öffentlichkeit zu spezifischen Vorkommnissen Stellung zu nehmen, sagt Scherler. «Unsere beste Möglichkeit uns gegen Vorwürfe wie jene in der NZZ zu verteidigen, ist Transparenz und Offenheit in Bezug auf unsere Arbeit.»
Ein Möglichkeit, auf das die Buechweid in dieser Hinsicht setzt, ist das jährliche Sommerfest mit einem Tag der offenen Tür. Das Nächste findet am kommenden Sonntag, 1. Juli, statt. «Jeder, der sich für unsere Arbeit interessiert, ist eingeladen sich einen eigenen Eindruck von der Buechweid zu verschaffen», so Scherler. Der Anlass dauert von 12 bis 17.30 Uhr.
Weitere Informationen auf der Website der Buechweid.