30'000 Menschen stürzen sich auf Armeematerial
Der Parkplatz vor der Eishalle in Wetzikon ist kurz nach 10 Uhr schon halb voll. Eine Frau in gelber Weste gestikuliert ein Auto nach dem anderen in die Lücken. Vor wenigen Minuten hat die 11-tägige Grossliquidation von Armeematerial eröffnet. Vor dem Eingang hängen an einer aufgestellten Palette kurze Hosen in Tarnfarben, ein dunkelgrüner Stahlhelm, ein Rucksack, braune Ledertaschen, zwei Beile und ein orangefarbener Gehörschutz. Das ist ein winziger Vorgeschmack auf das, was einen im Innern erwartet. Ein winziger.
Die Eishalle betritt man durch einen blechernen Rundbogen, an dem eine Schweizer Flagge hängt. Ein grosses weisses Schild mit der Aufschrift «Rundgang» weist den Weg. «Wäh, da stinkst nach Militär», sagt ein junger Mann. Er steht vor zwei offenen Koffern, die mit weissen und grünen Sturmmasken gefüllt sind. «Kopfpariser: 5 Franken.» Ein Mann mit weissen Haaren hantiert ein paar Meter weiter mit der Schnalle eines braunen Ledergürtels, der ihm viel zu eng um den Bauch liegt. «Jetzt bring ich den Seich nicht mehr auf.»
16 Überlandlastwagen, 500 Pallette
Es hat alles. Wirklich alles, was man sich im Zusammenhang mit den Worten Militär, Camping, Outdoor und praktisch vorstellen kann. Auf mehr als 1500 Quadratmetern sind hier über 500 Produkte in Kisten, auf Regalen und an Kleiderständern verteilt. Stechgabeln: 15 Franken, Jacke olive: 15 Franken, Absperrpfosten: 2 Franken, Gipsbinden: 3 Franken, Kissenbezug: 5 Franken, Fliegengitter: 3 Franken, Shorts beige: 25 Franken, Armeetaschenlampe: 7 Franken, Pistolenholster Leder: 25 Franken. Grosse rote Körbe auf Rädern stehen neben mit Einkaufswagen mit der Aufschrift Dicks Armyshop.
Fritz Dick, der Organisator der Liquidation, ist am Natel. «Keine Ahnung, ich bin auch erst seit heute Morgen hier, schauen Sie mal ganz hinten nach.» 1988 hat der ehemalige Exportleiter seine Firma gegründet. Heute sei sein Verkauf schweizweit der grösste dieser Art. 30’000 Menschen werden die Messe während den 11 Tagen besuchen. Wie viel Umsatz er macht, sagt Dick nicht. «Es sind 16 grosse Überlandlastwagen Ware, 500 Palette.» Zusätzlich zum Material aus dem Schweizer Militär verkauft der Berner mittlerweile auch Produkte aus 12 ausländischen Armeen.
«Als ich die riesige Menge an Ware und Qualität sah, dachte ich: Das mache ich selbst.»
Fritz Dick, Organisator der Liquidation von Armeematerial
Verena Steiner aus Rüti schiebt einen grossen Einkaufswagen durch den Gang. Auf dem Kopf trägt sie einen riesigen, auffälligen Hut in maritimem Motto. Ein grosses Segelschiff ist auf die Krempe geleimt. Daneben kleben kleinere Boote, Muscheln, Perlen und ein Rettungsring. «Ich suche spezielle Hüte», sagt sie. Sie stelle die selbst her. «Und zwei grosse, lange Kochlöffel für den Garten.» Sie setzt sich auf einen grossen Sessel, der mit einem Bezug in Tarnfarben bezogen ist. «Bequem», sagt sie anerkennend.
Die Liquidation in Wetzikon findet bereits zum vierten Mal statt. Dass er seine Ware einst in der Schweiz verkaufen würde, hätte Fritz Dick zu Bgeinn nicht gedacht. «Eigentlich wollte ich exportieren.» Ende der 80er-Jahre habe ihn die Armee angefragt, ob er Interesse am überflüssigen Material habe. Damals war Dick als Exportberater tätig und hatte gerade ein Mandat in einen afrikanischen Land. Die grosse Armeereform stand kurz bevor, die Armee sollte von 800’000 auf 250’000 Mann reduziert werden. «Als ich die riesige Menge an Ware und Qualität sah, dachte ich: Das mache ich selbst.»
27 Blachen für 1000 Franken
Er habe dann versuchsweise mit ein paar Kollegen einen Kleinverkauf organisiert. Das Armeematerial stellten sie unter einem Vordach aus. Schweres Werkzeug, Seile, Wagenheber, Beile, Äxte, Kleider. «Der Ansturm war gigantisch, unkontrollierbar.» Dick dachte also, er könne die Ware nach Afrika exportieren und dort verkaufen. «Ich habe mich getäuscht. Die Menschen dort wollten neue Sachen, keine gebrauchten.» In Kalifornien hingegen, wo Dick seine Firma Swisslink gründete, war das Material beliebt. «Die Sachen gingen weg wie frische Weggli.» So habe er das Geschäft weiterentwickelt. «Seit 2008 läuft das Business auch in der Schweiz wie geschmiert.»
Philipp Schärli und Fredrik Lennström stehen vor mehreren Holzkisten etwa in der Mitte der Halle. Sie seien im Auftrag ihrer Jungschar hier, sagt Schärli. «Es hiess, wir sollten Plachen kaufen. Sie haben uns 1000 Franken in die Hand gedrückt und gesagt, kauft so viele wie möglich!» Sie seien rein, hätten 27 Blachen gekauft und diese im Auto verstaut, so Lennström. «Jetzt schauen wir noch, ob wir etwas für uns finden.» Mehrere Beile und Seile liegen im roten Korb der beiden Effretiker.
Bei den Jungen verkauften sich momentan Campingausrüstungen besonders gut, sagt Organisator Fritz Dick. «Die nehmen das Zeug dann mit an die Openairs und Festivals.» Einige deckten sich mit Gummistiefeln ein, die bis zu den Knien reichen. «Wegen des Schlamms.» Viele kauften auch ein Zelt, das sie dann stehen lassen könnten. «Ein wasserdichtes Zelt von der Armee kostet 39 Franken.»
«Armeekleider sind eine Nische, sogar in der Modewelt.»
Fritz Dick, Organisator der Liquidation von Armeematerial
Die Armeekleider seien auch sehr beliebt. «Das ist eine Nische, sogar in der Modewelt», sagt Dick. Immer wieder zeigten sich Models und Sänger in Tarnfarben. «Der Trend geht nicht weg.» Am Wochenende sehe man hier beispielsweise viele junge Menschen, die sich mit Accessoires eindeckten.
Kassenschlager Armeeschokolade
Es ist 10.40 Uhr. Die Schlange vor den Kassen wird immer länger. Die Wartezeit beträgt bereits fünf Minuten. Jetzt sucht jemand einen langen Feueranzünder. «Irgendwo in der ersten Hälfte nach den Schuhen», sagt Dick und zeigt in die Halle hinein. «Wir füllen das Material täglich nach», erklärt er. Auch am letzten Tag der Messe sei noch alles erhältlich. «Am besten verkauft sich die Armeeschokolade. Viele junge Mädchen nehmen gleich eine 50er-Schachtel.»
Rolf Walder hält zehn rote Schokoladentafeln in der Hand. «Die bringe ich meinem Kollegen ins Ausland.» Das sei die beste Schoggi, die die Armee habe, sagt Ernst Hitz, der neben ihm steht. «Man kann sie sogar auf den Töff mitnehmen, weil sie nicht so schnell verläuft.» Walders Tochter sagt, die Kleider gefielen ihr nicht. «Ich bin kein Fan von grün», sagt sie. «Einen solchen Lumpen würde ich also auch nie anziehen», sagt ihr Vater und deutet auf einen langen, schwarzen Ledermantel, an dem ein Exhibitionist seine helle Freude hätte.
Stolz auf die Schweiz
Elisabeta Katalinic aus Pfäffikon zieht einen proppenvollen Korb hinter sich her. Er ist voll mit Schuhen, Tarnhosen, Rucksäcken und T-Shirts. «Ich bin noch nicht fertig», sagt sie und lacht. Das trage sie alles im Alltag. «Ich bin keine echte Schweizerin», sagt Katalinic. Sie sei zwar eingebürgert, aber stamme ursprünglich aus Kroatien. «Und trotzdem liebe ich das», sie deutet auf die Militärklamotten. Ihr Sohn habe sogar eine Einladung für die RS bekommen. Die Schweiz sei ihr Zuhause und darauf seien sie sehr stolz. «Jetzt habe ich endlich ein T-Shirt mit Armee-Emblem gefunden.»
Um 11 Uhr windet sich die Schlange bereits um mehrere Regale. Philipp Schärli und Fredrik Lennström von der Jungschar stehen schon seit zehn Minuten in der Reihe. «Wir haben noch einen Campingkocher gefunden», sagt Schärli. «Den kann man immer brauchen.» Auch Verena Steiner mit dem Schiffshut ist fündig geworden. Zwei überdimensionierte Kochlöffel liegen in ihrem Einkaufskorb. «Die sind super. Daran kann ich meine Dahlien hochziehen.»
Die Liquidation des Armeematerials dauert durchgehend vom 1. bis 11. Juni. Die Öffnungszeiten sind von Montag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr, am Samstag von 9 bis 18 Uhr und am Sonntag von 10 bis 18 Uhr.