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Der Zeremonienmeister, der Unsichtbares näher bringt

Mit 19 Jahren wanderte Manfred Meister für ein Jahr nach Indien aus und fand die ersten Wegweiser zur gesuchten Spiritualität. Heute gibt er seine Erfahrungen an andere weiter und hat in Wetzikon mit «Homa» seine eigene Firma gegründet.

Mandali Meister während einer Feuerzeremonie im Tempel. (Bild:Daniel Lopez-Paullada), Während einer Zeremonie begibt sich Mandeli Meister in andere Spähren. (Bild:Daniel Lopez-Paullada)

Der Zeremonienmeister, der Unsichtbares näher bringt

Wenn man beim ehemaligen Hare Krishna Mönch Manfred Meister in die Wohnung kommt, steht da kein in Tücher verhüllter Typ der nach Räucherstäbchen riecht, sondern ein normal gekleideter Familienvater und Ehemann, der offenbar ein gewöhnliches Leben führt. Nur die unzähligen indischen Gottesfiguren fallen direkt ins Auge. «Eigentlich waren wir Hippies, nur mit mehr Disziplin», meint der Wetziker, der sich «Mandali» nennt. Der 55-Jährige hat ein bewegtes Leben mit Höhen und Tiefen hinter sich. «Noch heute verehre ich den Gott Krishna, doch ich bin ein wenig ruhiger geworden». Ein radikaler Glaubensbruder sei er ohnehin nie gewesen.

Eine Ausbildung gegen die Prinzipien

«Nach meiner Schulzeit hatte ich Probleme einen bestimmten Weg einzuschlagen und wusste nicht recht wohin mit mir. Dann bot mir eine Metzgerei die Möglichkeit, eine Lehre als Metzger zu absolvieren, was rückblickend ein völliger Schlag gegen meine Prinzipien war», sagt Meister. Obwohl Indien heute der grösste Lederexporteur der Welt sei und die Verehrung der Kühe nicht mehr so ernst nehme, sind diese Tiere in der Kultur der Hare Krishnas doch nach wie vor zu ehren. «Zum Glück bin ich erst nach meiner Ausbildung Vegetarier geworden, sonst hätte es mit der Metzgerlehre wohl nicht geklappt.»

Vom Suchenden zum Mönch

Wie die meisten jungen Menschen machte sich Meister als Mittzwanziger Gedanken über den Sinn des Lebens. Er suchte eine Aufgabe und einen Weg, der nicht vorgegeben war. «Ich dachte viel über Armut und Reichtum nach und setzte mich mit dem Karma auseinander – ich bin überzeugt davon, dass es so etwas gibt.» Das Spirituelle habe ihn schon immer angezogen. «Früh verspürte ich eine Affinität für Energien und interessierte mich vor allem für die Dinge der Welt, die nicht sichtbar sind», so Mandali Meister.

Seine etwas ältere Schwester führte zu dieser Zeit eine Beziehung mit einem «Hippie», der eine Affinität zu den Hare Krishnas hatte. «Ältere Geschwister haben einen grossen Einfluss auf jüngere. So war es auch bei mir.» Er war fasziniert von der scheinbar unbeschwerten Lebensweise, den speziellen Kleidern, den Ritualen und der Erweiterung des Bewusstseins. «Eines Tages konnte ich zu Besuch in den Hare Krishna Tempel am Zürichberg und hatte mein erstes, wie auch prägendstes ‹Aha-Erlebnis› meines Lebens.» Die Gesellschaft im Tempel sei wie eine grosse Familie zusammengestanden und habe jeden Neuankömmling herzlich aufgenommen.

Da er sich keine Karriere als Metzger vorstellen konnte, wagte «Mandali» Meister Mitte der 80er Jahre einen grossen Schritt und wurde hinduistischer Mönch im Hare Krishna Tempel. «Das Leben im Tempel ist ein paralleles und hat kaum etwas mit dem zivilen Leben gemein. Die Mönche gehen früh schlafen und stehen dafür jeden Tag um 4 Uhr morgens auf, dann geht es zum Gebet und Tanz. Der Tagesablauf beinhaltete Rituale, Predigten, Vorlesungen und den Unterhalt der Villa. Dieses Prozedere füllte im Grunde den ganzen Tag bis wir abends um 9 Uhr oder spätestens 10 Uhr wieder ins Bett gingen.»

Keine volle Askese

Für Mönche gelten die strengen Regeln: Kein Alkohol, kein Fleisch und als oberstes Gebot gilt die Enthaltsamkeit. Bei Priestern hingegen sei es wünschenswert, wenn sie eine Ehe führen.

Nach 13 Jahren voller Verzicht und Enthaltsamkeit zog Meister einen Schlussstrich. Mit der Zeit sei ihm die Routine zu viel geworden und in ihm sei das Bedürfnis gewachsen, eine Familie zu gründen. Eine längere Laufbahn als Priester kam für ihn auch nicht in Frage. Er legte das offizielle Mönchsleben im Tempel ab und distanzierte sich für einige Zeit von der täglichen Routine der Hare Krishnas. «Diesen Schritt habe ich nie bereut und ich kann auch so weiterhin ein Leben mit Bezug zum Spirituellen führen.» Jeden zweiten Sonntag stattet er der Gemeinschaft im Tempel einen Besuch ab.

Um den Lebensunterhalt zu finanzieren, jobbte Meister nach dem Leben als Mönch in Büros, bis er unerwartet an der Multiplen Sklerose (MS) erkrankte. Die Multiple Sklerose ist eine Krankheit, bei der die eigene Nervenisolierschicht des Betroffenen vom eigenen Immunsystem angegriffen und abgebaut wird. «Wenn Menschen an einer Krankheit leiden, suchen sie eher den Weg zu Gott oder einer bestimmten Religion. Durch die vielen Erholungsphasen, die ich bis heute brauche, hatte ich wieder mehr Zeit, mich mit dem Gott Krishna auseinanderzusetzen.»

Zudem kam in ihm der Wunsch auf, seine Erfahrungen mit der Spiritualität und die Hilfe durch die Kraft Gottes an andere Menschen weiterzugeben. Meister bekräftigt: «In unserer Religion hat Gott eine Form, er ist dem Menschen ähnlich und hat Stärken und Schwächen. Natürlich soll man unseren Gott ehren, doch es dreht sich nicht so viel um Schuld und Sühne, sondern eher um positive Energien und das Erkunden der spirituellen Dinge, die uns täglich umgeben.»

Mandali Meister ist der Meinung, dass spirituelle Dinge im digitalen Zeitalter viel zu kurz kommen und wenn Menschen psychische Schwächen zeigen, werde allzu schnell nach Medikamenten gegriffen, ohne überhaupt an die Wurzel der emotionalen Probleme zu gehen. «Alles im Leben eines Hare Krishna Anhängers dreht sich um das Karma», meint Meister.

Mandeli‘s Feuerzeremonien

«Bei christlichen Festen zum Beispiel, wird unglaublich viel konsumiert und verschenkt. Für den Weihnachtsbraten muss ein Tier sein Leben lassen und auch der Weihnachtsbaum muss erst getötet werden, bevor er im Wohnzimmer glänzen kann», sagt Meister. Für die Zeremonien der Hare Krishnas müssen keine Opfer gebracht werden. «Alles bleibt lebendig und niemand muss einen Preis dafür bezahlen», so Meister.

Bei Feuerzeremonien sitzen die Teilnehmer im Kreis, in der Mitte steht eine Feuerschale, umgeben von Pflanzen – Reis, Kuhdung und Butter werden «Krishna» als Gabe offeriert, im Zentrum steht das Element Feuer. «Feuer ist das einzige der fünf Elemente, welches direkt nach oben steigt und Gott somit am nächsten kommt.» In Indien wird die Feuerzeremonie als «Agnihotra» bezeichnet. Agni bedeutet Feuer, Hotra steht für Opfer. Die Tradition dieser Zeremonie geht bis in die Zeiten vor der Geburt Christi zurück. Eine Feuerzeremonie kann 30 Minuten bis zu drei Stunden dauern.

Eine Form von Reinigung

Anlässe zu einer Zeremonie geben Hochzeiten, Taufen, Einschulungen oder auch ungewöhnliche Zeremonienereignisse wie ein Haarschnitt. «Haare sind täglich Gerüchen und Verschmutzungen ausgesetzt. Drogen zum Beispiel sind in den Haaren noch jahrelang nachweisbar und mit einer Feuerzeremonie wird demzufolge eine Art Reinigung vorgenommen», sagt Meister.

Die Zeremonien werden von indischer Musik und verschiedenen Mantras begleitet. «Viele Zeremonien führe ich noch immer im Tempel durch, aber meistens gehe ich zu den Leuten nach Hause, wo sie sich wohler fühlen und tiefer auf mich einlassen können», sagt Meister. Vor kurzem habe ihn eine Sterbebegleiterin um Hilfe gebeten: «Sie hatte das  Gefühl, von den Seelen der Sterbenden umgeben zu sein und litt unter schlaflosen Nächten. Nachdem ich sie durch eine Zeremonie begleitete, schwanden ihre Schlafprobleme.» Bei solchen Zeremonien absorbiere er den eigenen Geist und lasse keine anderen Dinge mehr an sich heran, denn nur so könne er weitere Kraftfelder erkunden, um anderen Menschen zu helfen.

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