Politik

Wenige Möglichkeiten zur Bodenaufwertung im Oberland

Der Kanton will fruchtbaren Boden, der auf Baustellen abgetragen wird, zur Aufwertung von landwirtschaftlichen Böden wiederverwenden. Wo diese zu finden sind, hat er in einer Evaluation ermittelt. Das Oberland stellt die meisten Flächen – fast alle sind jedoch ungeeignet.

Schwere Maschinen sind bei der Bodenaufwertung im Isenriet im Einsatz. (Foto: David Marti), Schwere Maschinen sind bei der Bodenaufwertung im Isenriet im Einsatz. (Foto: David Marti)

Wenige Möglichkeiten zur Bodenaufwertung im Oberland

Mit der Bautätigkeit im Kanton Zürich falle nach wie vor sehr viel Bodenmaterial an, welches vorwiegend in Kiesgruben und Deponien entsorgt werde, schreibt das Amt für Landschaft und Natur (ALN) in seiner «Standortevaluation für grossflächige landwirtschaftliche Bodenverbesserungen». Das Ziel: Für jede Planungsregion mindestens einen grossflächigen Standort zu lokalisieren, der für Bodenverbesserungen geeignet ist. Damit sollen die knappen Fruchtfolgeflächen erweitert werden und auch die Transportwege für die Aufwertungen verkürzt werden (siehe Box).

«Die Lastwagen bringen Lärm und eine Gefahr für die Schulkinder.»

Annemarie Beglinger, Gemeindepräsidentin Mönchaltorf

Die langen Transportwege bestätigt auch Ferdi Hodel, Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbandes. «Bis jetzt ist man mit dem zum Teil wertvollen Bodenmaterial  weit gefahren. Verschiedentlich wurde der Humus in Deponien im Aargau als Abfall entsorgt» Der Bauernverband stehe deshalb voll und ganz hinter den Plänen des Kantons.

Kanton muss für genügend Fruchtfolgeflächen sorgen

Der Kanton Zürich verfügt über rund 44'500 Hektaren Fruchtfolgeflächen und liegt somit nur knapp über dem Mindestumfang der rund 44'400 Hektaren, die vom Bund vorgegeben werden. Als Fruchtfolgeflächen bezeichnet man das qualitativ bestgeeignete ackerfähige Kulturland. Der Kanton will damit den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und die Ernährungssicherung im Krisenfall sichern. Eigentlich müsste er bei Einzonungen und bei Bauarbeiten ausserhalb der Bauzonen, Fruchtfolgeflächen schonen, doch das sei oft nicht möglich. Dies schreibt das Amt für Landschaft und Natur in seiner «Standortevaluation für grossflächige landwirtschaftliche Bodenverbesserungen». Mit der Evaluation wird kantonal nach minderwertigen landwirtschaftlichen Böden gesucht, die zu Fruchtfolgefläche aufgewertet werden können.

Die Liste des Scheiterns

Bei den untersuchten Gebieten war die Region Zürcher Oberland mit 17 Standorten am stärksten vertreten – hatte aber auch die meisten Ausschlüsse zu verzeichnen. Nur gerade das Riet in Hittnau erfüllte die Voraussetzungen, neun wurden ausgeschlossen und sieben zurückgestellt, die bei Bedarf nachrücken können. Die meisten scheitern an einem oder mehreren der sechs verschiedenen Kriterien, die zu einem Ausschluss eines Standortes führen: Landwirtschaft, Bodenschutz, Landschaftsschutz, Naturschutz, Gewässerschutz und Hochwassersicherheit sowie Räumliche Lage.

«Bauprojekte, wie zum Beispiel das der Oberlandautobahn, dürfte Fruchtfolgeflächen kosten.»

Stefan Reimann, Geschäftsfeldleiter Hochbau und Vermessung Stadt Uster

Vogel gewinnt gegen Lastwagen

Im Gebiet Walderen Mönchaltorf war es die Beeinträchtigung des Naturschutzes, die den Standort für das Einbauen mit Humus ungeeignet machte. Genauer gesagt war es ein Vogel: Der Kiebitz, eine national prioritäre Art, welche in der Schweiz gemäss Roter Liste vom Aussterben bedroht ist, findet hier schweizweit einen seiner letzten Lebensräume. Der Kiebitz sei auf grosse, zusammenhängende, offene und feuchte Flächen angewiesen, schreibt der Kanton in der Bewertung zum Walderen. Gemeindepräsidentin Annemarie Beglinger sagt zum Entscheid des Kantons: «Das ist in unserem Sinn. Der Kiebitz ist ein Bodenbrüter, für seinen Schutz wird in Mönchaltorf auch landwirtschaftliche Fläche eingezäunt.» Das Land des Bauern liege dann zwar brach, aber dieser erhält dafür eine Entschädigung.

Die Aufwertung sieht Beglinger durchaus kritisch: «Die Lastwagen bringen Lärm und eine Gefahr für die Schulkinder. Zudem fehlt es oft an den geeigneten Strassen für die schweren Maschinen.» Oft dauere eine Aufwertung auch sehr lange, sagt Beglinger.

«Der Eingriff ist mir viel zu gross und dauert zu lange.»

Landbesitzer

Uster ohne Bodenverbesserung

Auch im Wüeririet zwischen Uster und Mönchaltorf wurde dem Naturschutz Rechnung getragen und dort auf das Einbringen von fruchtbarem Boden verzichtet. In Uster ist man sich aber bewusst, dass fruchtbarer Boden knappes Gut ist. Baustellen auf Gemeindeboden sind davon aber wenig betroffen, wie Stefan Reimann, Geschäftsfeldleiter Hochbau und Vermessung der Stadt Uster, sagt. Denn: «In sehr wenigen Fällen aller Bauvorhaben in Uster wird tatsächlich Fruchtfolgeflächen aufgerissen.» Dass der Kanton jetzt vermehrt versuche, landwirtschaftliche Zonen aufzuwerten, habe auch mit Versäumnissen der Vergangenheit zu tun, so Reimann. «Früher wurde unter wirtschaftlichem Überlegungen viel gebaut und der Rückgang der Fruchtfolgeflächen deutlich zu wenig ernst genommen.» In Uster werden diese wohl kaum unter Druck kommen: «Bauprojekte, wie zum Beispiel das der Oberlandautobahn, dürfte Fruchtfolgeflächen kosten. Solche auf Ustermer Boden werden dabei aber kaum tangiert», sagt Reimann.

«Pseudo-Aufwertung»

Es ist aber auch möglich, dass sich der Eigentümer gegen die Bodenveränderung stellt. So geschehen bei der Fläche Moos in Wetzikon an der Bachtelstrasse. «Der Eingriff ist mir viel zu gross und dauert zu lange. Man kann auch nicht von einer Aufwertung reden – eher einer Pseudo-Aufwertung. Zuerst wird der gesamte gewachsene Boden zerstört, um ihn danach über Jahrzehnte wieder künstlich aufzubauen», sagt der Besitzer der grössten Teilfläche, der nicht namentlich genannt werden will. Das Nachsehen hat sein Grundstücksnachbar: «Ich wäre für die Aufwertung gewesen, aber als mein Nachbar sich dagegen entschieden hat, ist die Sache gestorben», sagt der Landwirt.

Grundsätzlich sollte aber Wetziker Humus nicht in Kiesgruben und Deponien landen, wie Martina Buri, Stellvertretende Stadtschreiberin, bestätigt. Denn: «Die Entsorgung von Bauabfällen ist Aufgabe der jeweiligen Bauherren. Im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens muss die Bauherrschaft Auskunft zur Entsorgung von Bauabfällen geben.» Auch sorge man dafür, dass die Transporte beim Abtransport der Bauabfälle bei städtischen Projekten kurz gehalten werden. Dies sei auch im Interesse der Auftragnehmer, so Buri.

Hittnau käme in Frage

Vorerst kommt als einzig verbleibender Standort das Riet, westlich von Oberhittnau in Frage. Dies obwohl der Kanton in seiner Bewertung einräumt: «Das Gebiet liegt grösstenteils in einer schutzwürdigen feuchten Mulde.» Bei der Gemeinde Hittnau wollte man zu der möglichen Aufwertung keine Stellung nehmen.

Aber nicht nur das ALN sucht nach geeigneten Böden für einen Aufwertung, auch Private tun das. Im Gossauer Isenriet ist seit April 2016 eine Bodenaufwertung im Gange, die noch bis Ende Juni dauern soll. Dieses Gebiet wurde nicht vom ALN ermittelt, hier ist der Bauunternehmer Roger Reichmuth federführend. Sein Geschäftsmodell: Reichmuth lässt Aushubmaterial von Baustellen in der Region abtransportierten und deponiert diese auf Flächen, die für Bodenverbesserungen vorgesehen sind. Er erhält von den Transportunternehmen Gebühren, die dafür ihren Aushub loswerden. Mit dem fruchtbaren Material wertet Reichmuth dann Böden zu Fruchtfolgeflächen auf. So wird die Anzahl dieser Flächen erhöht. «Wenn im Kanton Fruchtfolgeflächen verbaut werden, beispielsweise wegen eines Schienenbaus, kann ich den Bauherren Kompensationsrechte anbieten», erklärt Reichmuth. 

Überschwemmungen in Gossau

Eine Aufwertung kann auch gleichzeitig als Sanierung herhalten, wie im Fall des Isenriets, wo der Bertschibach bei starkem Regen für Überschwemmungen sorgte. Weil der Bach öffentliches Gewässer ist, musste auch die Gemeinde Gossau reagieren. Heinrich Wintsch vom Ressort Umwelt sagt: «Das Entwässerungssystem stammt noch aus der Zeit der Weltkriege und funktioniert nicht mehr gut. Dies hatte zur Folge, dass das Wasser bis zu einem halben Meter hoch über dem Feld staute.» Mit der Humus-Aufschüttung sei ein leichtes Gefälle in die Fläche gebracht worden, damit das Wasser wieder abfliessen kann. 

«Der Boden hat nach dem Einbringen von Humus einen höheren Wert für die Bauern», fasst Ferdi Hodel, vom Zürcher Bauernverband abschliessend zusammen. Die Aufwertung sei aber nicht ohne Abstriche zu machen. Es werde ja meist nicht die ganze Fläche auf einmal mit fruchtbarem Boden versehen, sondern in Etappen. «Wegen der Bauarbeiten kann es auch sein, dass mal ein Hektar eine Zeitlang nicht für die landwirtschaftliche Produktion verwendet werden kann.»  

Politischer Widerstand zeichnet sich in Illnau-Effretikon ab          

Anders als bei den oben erwähnten Beispielen ordnet der Kanton den Standort Rosenzil in Illnau-Effretikon zur Planungsregion Winterhur und Umgebung zu. Dort will das kantonale Amt für Landschaft und Natur (ALN) eine Bodenverbesserung vornehmen. Gegen dieses Vorhaben stellt sich der Grünliberale Gemeinderat Andreas Hasler, weshalb er eine Anfrage an den Stadtrat gerichtet hat. Im Vorstoss will Hasler wissen, wie sich der Stadtrat zum «massiven Lastwagenverkehr durch Wohngebiete» stellt. «Das Bodenmaterial müsste während Monaten durch die ruhigen Wohngebiete von Oberillnau gefahren werden», schreibt Hasler in seiner Anfrage. Zudem werde der Weiler «Im Zwei» stark beeinträchtigt.

Auch das ALN entschied sich nicht ohne Vorbehalte zum Gebiet Rosenzil. In seiner Evaluation räumt es ein: «Die Distanz zum Weiler ‹Im Zwei› beträgt weniger als 100 Meter.» Das Amt sieht denn auch die mögliche Beeinträchtigung der Feuchtgebiete, die dort 20 Prozent der Fläche ausmachten, als grösste Schwäche des Projektes. Das ALN will trotzdem bauen unter anderem, weil in der Vergangenheit bereits menschliche Eingriffe in die Landschaft stattgefunden hätten.

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