Politik

Sex mit Sandmännchen und CVP-Parteiprogramm im gleichen Text

Die Slam-Poetin Lara Stoll ist am Freitag im Sternenkeller in Rüti aufgetreten und hat den Rütnern unter anderem die Schönheit des Schnarchens nähergebracht.

, Die Slam-Poetin Lara Stoll trat am Freitag im Sternenkeller in Rüti auf. (Foto: André Gutzwiller), Die Slam-Poetin Lara Stoll trat am Freitag im Sternenkeller in Rüti auf. (Foto: André Gutzwiller), Die Slam-Poetin Lara Stoll trat am Freitag im Sternenkeller in Rüti auf. (Foto: André Gutzwiller)

Sex mit Sandmännchen und CVP-Parteiprogramm im gleichen Text

«Der erste Text ist nicht so mega gut», sagt Lara Stoll und faltet das weisse Druckpapier auseinander. Dafür sei der Titel genial. «Der Text heisst: Pfürzgügerigüx.» Stoll starrt dramatisch ins Publikum.

Lara Stoll war Schweizer- und Europameisterin im Poetry Slam, momentan ist mit ihrem neuen Soloprogramm «Krisengebiet 2 – Electric Boogaloo» unterwegs. Am Freitag zeigte sie es im Sternenkeller in Rüti.

Das Programm sei aber mehr «Electric Boogaloo» als Krisengebiete sagt sie zu Beginn. Ein einheitliches Thema gibt es nicht. Stoll liest Texte aus Ihrem Poetry-Slam-Repertoire, jeder ist unabhängig vom anderen. Wenn einem ein Text nicht gefalle, dann gelte: «Don’t Panic», es komme ja wieder ein anderer, sagt Stoll. Die längsten Beiträge dauern circa fünf Minuten, der kürzeste handelt vom Tag, an dem sie keine Spaghetti ass und ist knapp 20 Sekunden lang.

Mit dem Kontrast spielen

Stoll ist klein und schmal, sie trägt Turnschuhe, schwarze Hosen und einen grossen schwarzen Blazer, darunter eine grüne geblümte Bluse. Die blonden Haare hat sie zu einem lockeren Dutt gebunden, zahlreiche Strähnen stehen ihr quer vom Kopf.

«Ich weiss, dass ich jünger aussehe, als ich bin», sagt sie nach dem Auftritt. Tatsächlich würde man Stoll, die Jahrgang 1987 hat, kaum älter als 25 schätzen. «Aber mit der Erwartungshaltung, die durch meine Erscheinung entsteht, kann ich gut spielen.»

«Ich weiss, dass ich jünger aussehe, als ich bin»

Lara Stoll, Slam-Poetin

Stoll schreit, faucht und jodelt ins Mikrofon. Für eine Nummer imitiert sie das Schnarchen ihres Partners. Nicht um sich darüber zu beschweren, im Gegenteil, Schnarchen finde sie etwas Schönes, erklärt sie dem Publikum.

Egal was Stoll am Mikrofon macht, es ist sehr laut und sehr schnell. Mit Vorliebe flucht sie ausgiebig. Im Text «Darf ich das?» fragt sie «Will ich wirklich in einer Schweiz leben, in der ich einem Bündner nicht mehr Murmelificker sagen darf?»

Zum 3. Mal dabei

Das Publikum im gut gefüllten Sternenkeller findet es lustig, jeder Text wird begeistert beklatscht. Bruno und Judith Richle aus Stäfa sind bereits zum 3. Mal an einem Stoll-Auftritt mit dabei. «Wir finden das super, wir würden auch noch ein 4. Mal zuschauen.» Die Schnarch-Nummer gefalle ihnen besonders gut.

Auch mit ihren 31 Jahren ist Stoll deutlich jünger als die meisten Zuschauer. Das sei üblich so, in Rüti sei das Durchschnittsalter noch vergleichsweise tief. Dass Leute vom derben Humor schockiert seien, passiere trotzdem selten, sagt sie. «Nur manchmal, da höre ich ein pikiertes «aso» aus dem Publikum». Tendenziell komme das aber eher vor, wenn sie für Privatanlässe gebucht werde. «An Auftritten wie hier, wissen die Leute meistens ungefähr, worauf sie sich einlassen.»

Guy Parmelin auf der Suche nach Parmesan

«Electric Boogaloo» wird in der Popkultur als Prädikat für abstruse Fortsetzungen verwendet. Der Name ist bei Stoll Programm. Sie erzählt von der Fritteuse neben ihrem Bett und von der verzweifelten Suche ihres «Lieblingsbundesrats» Guy Parmelin nach Parmesan. Stoll schafft es, Sex mit dem Sandmännchen und das Parteiprogramm der CVP im gleichen Text unterzubringen. Stoll erzählt viel Nonsens, der dann doch wieder Sinn macht. Manchmal zumindest. Vor allem ist ihr Nonsens aber lustig.

Stoll liest in ihrem Soloprogramm alle Texte ab, so wie es im Poetry Slam üblich ist. Die Texte selber trägt sie in gestochenem Hochdeutsch vor, dazwischen kommentiert sie sich selber in breitem Thurgauer Mundart.

«Twentysomethings ficken und werden Veganer»

Gegen die Regeln des klassischen Poetry Slam verstösst Stoll hingegen mit zwei Liedern, die sie selber mit der Gitarre begleitet. Das erste Lied sei nett, kündigt sie an. «Aber nicht schön», sagt sie und beginnt, sehr falsch ins Mikrofon zu krächzen.

Wenn sie will, kann sie auch richtig singen und spielen: Das zweite Lied ist das Gegenteil: Schön, aber nicht nett. Teenager sind «kacke, kacke, kacke» und «Twentysomethings ficken und werden Veganer». Das trägt sie in sanfter Stimme zu noch sanfteren Gitarrenklänge vor. Am Ende müssen wir alle sterben, singt Stoll und wirft einen Knallteufel auf die Bühne. Das mache sie, um sich selber aufzuheitern.

Neben ihrer Poetry Slam Karriere macht Stoll Musik in der Band «Pfff» und unter dem Pseudonym Stefanie Stauffacher. 2016 bewarb sie sich mit ihrem Lied «Europa» um die Teilnahme am Eurovision Song Contest.

Die Bewerbung war ironisch. Dasselbe gilt für fast alle ihrer Texte. Mit Vorliebe macht sie sich auch über sich selber lustig. Der Abend endet mit ihrer Erklärung, dass sie sich Poetry Slam eigentlich ganz anders vorgestellt habe und am liebsten Helene Fischer wäre. Denn, so sagt sie einige Minuten nach dem Auftritt mit einem Glas Rotwein in der Hand, «Selbstironie ist immer gut».

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