Politik

Kleine Rebellen mit Ball

Das Ustermer Fussball-Nachwuchsprojekt Footrebel soll jenen Junioren eine Heimat bieten, die Talent haben, jedoch nicht bei einem Spitzenverein spielen können oder möchten. Für die einen ist das Vorhaben eine «hochwertige Ergänzung», für andere überflüssig.

«Footrebel»-Präsident und Trainer Sidney Kavuma (3. v. rechts) instruiert seine Nachwuchskicker. (Foto: zvg)

Kleine Rebellen mit Ball

Wer die Website www.footrebel.com besucht, wird von elektronischer Musik der gröberen Sorte empfangen. Und während der Besucher auf dem Bildschirm nach Lautstärkenregler sucht, wird er nicht nur von einem akustischen, sondern auch von einem optischen Gewitter heimgesucht. Auf einem rosarot-schwarzen Flackerbildschirm liest man den Schriftzug «I am more» («ich bin mehr»). Es folgen schnell geschnittene Videoaufnahmen von Kindern, die elegant dribbeln, im Stile von Profis Fitness-Übungen machen oder cool mit Sonnenbrille und Mütze Schulter an Schulter stehen.

Der Internetauftritt der Footrebels ist ein Stück weit sinnbildlich für ihr Erscheinen auf der Fussballbühne: Sowohl die Initianten als auch die jungen Akteure geben sich selbstbewusst, sorgen für Aufsehen – und polarisieren durchaus. 

Lizenz vom FC Fällanden

Das Projekt hat 2015 in einer relativ unverbindlichen Form seinen Anfang genommen. Auf Wunsch interessierter Kinder und Eltern begann Trainer Sidney Kavuma (37, heute «Footrebel»-Präsident), ambitionierte Junioren einmal pro Woche auf dem Fussballplatz des Schulhauses Wüeri in Nänikon zu trainieren – zusätzlich zum Training in deren angestammten Vereinen. «Wir haben dann schnell erkannt, dass das Extratraining Früchte trägt, die Jungs machten innert kurzer Zeit sehr grosse Fortschritte.» Nach und nach hat man das Ganze ausgeweitet: Aus einem wöchentlichen Training wurden zwei und im Sommer 2016 wurde aus einer Trainingsgruppe das institutionalisierte Projekt Footrebel.  

Heute umfasst dieses vier Juniorenteams mit insgesamt 51 Junioren, so genannte Flagships: Vom Flagship G (Jahrgänge 2011/12), geht es über die Flagships F und E die Altersstufen hinauf zum Flagship D (Jahrgänge 2006/05). Die Rebels schlossen sich dem FC Fällanden an, um an Meisterschaftsspielen teilnehmen zu können. Ab diesem Sommer wird man mit eigener Lizenz als Verein FR Soccer Uster auftreten.

«Wie Parkplätze»

Doch wozu braucht es überhaupt ein solches Projekt? Schliesslich gibt es in der Region bereits zahlreiche Fussballvereine mit eigener Juniorenabteilung. «Die Lücke zwischen den Breitensportvereinen und den Juniorenabteilungen der Grossclubs ist zu gross geworden. Wir wollen eine Nische besetzen», sagt Kavuma. Jene Kinder, die begabt und ambitioniert, von der Mentalität oder aus anderen Gründen aber noch nicht reif für einen Club wie FCZ oder GC seien, wolle man ansprechen und fördern.

«Wir wollen eine Nische besetzen.»

Sidney Kavuma, Präsident «Footrebel»

Der in Greifensee aufgewachsene Kavuma spricht aus eigener Erfahrung: «Ich war selbst ein fussballbegeistertes Kind und hatte als Junior stets das Bedürfnis nach mehr Förderung.» Mit 16 hängte Kavuma die Fussballschuhe aufgrund von Knieproblemen an den Nagel. In der Folge bildete er sich laufend im Trainerbereich weiter. Kavuma, der hauptberuflich als Softwareunternehmer tätig ist, bezeichnet sich selbst als «Autodidakt».

Genau dies habe ihn für das Projekt interessant gemacht, sagt George Tzionas, Vizepräsident der «Rebels». Er gehört zu jenen Eltern, die ihr Kind Kavuma und dem Projekt anvertrauten.

Tzionas ist in der Zürcher Fussballlandschaft kein Unbekannter: Während Jahren gehörte der frühere FCZ-Profi dem Verwaltungsrat des FC Zürich an, heute ist der CEO des Personaldienstleisters axxeva im Juniorenfussball als Talentförderer engagiert.

Auch Tzionas spricht vom grossen Graben, der heute zwischen Breiten- und Spitzenfussball herrsche. «Viele Breitensportvereine sind für Eltern so etwas wie Parkplätze – man deponiert die Kinder dort.» Es müssten zu viele Bedürfnisse befriedigt werden, auf der Strecke blieben die Ambitionierten. Zwar würden die Verantwortlichen grundsätzlich gute Arbeit leisten, doch das Problem seien die Strukturen. Nicht selten komme es in Dorfclubs zum Beispiel vor, dass Eltern einspringen und ein Training leiten müssen.

Auf der anderen Seite stehen die Spitzenclubs: «Dort ist das Konkurrenzdenken schon früh sehr ausgeprägt», sagt Kavuma. Setze sich ein Zehnjähriger nicht durch, komme man zum Schluss, dass er charakterlich nicht hart genug und somit nicht geeignet sei. «Dabei könnte der mentale Knoten bei einem Talent auch noch später aufgehen – aber dann ist es im heutigen Fussball schon zu spät.»

Die Footrebels wollen einen Mittelweg einschlagen und ermöglichen, dass talentierte, aber nicht in den Profi-Nachwuchsabteilungen spielende Junioren gefördert werden. In den Trainings würde auch Wert auf Taktik gelegt, sämtliche Flagships sollen eine einheitliche Spielphilosophie haben; je nach Bedürfnis könne ein Team zwischenzeitlich auch viermal pro Woche trainieren. Und auch die «Footrebels» würden nicht jeden aufnehmen. Anders als bei den Nachwuchsabteilungen der Profivereine stehe aber auch ein sozialer Auftrag im Zentrum des Projekts. «Die Jungs sind keine Konkurrenten, sondern Freunde. Intensiv gelebter Fussball als Lebensschule steht am Ende im Vordergrund», sagt Kavuma.

Support vom Experten

Marco Bernet, einst technischer Direktor beim FC Zürich, heute hauptsächlich als Instruktor beim Fussballverband Region Zürich tätig, stützt die Aussagen von Tzionas und Kavuma, wonach im Fussball die Schere zwischen Breite und Spitze immer weiter auseinandergehe: «Früher war es möglich, dass ein Fussballer bis Ende der Juniorenzeit irgendwo in Glarus spielte und dann noch zum FCZ wechselte. Heute ist ein solcher Quereinstieg kaum mehr vorstellbar.»

«Früher war es möglich, dass ein Fussballer bis Ende der Juniorenzeit irgendwo in Glarus spielte und dann noch zum FCZ wechselte. Heute ist ein solcher Quereinstieg kaum mehr vorstellbar.»

Marco Bernet, Instruktor Fussballverband Region Zürich

Und auch Bernet ist der Meinung, dass sich Kinder möglichst lange ohne Selektionsdruck entwickeln sollen. Er selbst hat beim FCZ vor Jahren das Projekt «Letzikids» ins Leben gerufen. Auch dort werde nicht die ganze Zeit selektioniert. Das Projekt Footrebels bezeichnet Marco Bernet als «schöne Initiative» und «interessante, qualitativ hochwertige Ergänzung» im regionalen Kinderfussball-Bereich.

«Falscher Ehrgeiz»

Doch nicht alle sind vom Projekt angetan. Urban Osterwalder, Präsident des FC Uster (FCU), attestiert den «Footrebels» zwar gute Trainingsarbeit, beurteilt das Ganze aber auch kritisch. Und dies nicht nur wegen den knappen Platzverhältnissen auf der Sportanlage Buchholz – die «Rebels» trainieren mittlerweile dort zu Randzeiten – und vereinzelten Abwerbungsversuchen.

Für talentierte Junioren in Breitensportvereinen, die nicht gleich zum FCZ oder GC wechseln wollen, gebe es ab zwölf Jahren das Projekt «Footeco» des Schweizer Fussballverbandes, so Osterwalder. «Talente werden gefördert und trainieren zum Beispiel zweimal in der Woche beim FC Uster und einmal bei einem Footeco-Stützpunkt. Diese Stützpunkte werden im Zürcher Oberland vom FCZ geführt.» So würden die Kinder behutsam an den Spitzenbereich herangeführt. Und auch beim FC Uster gebe es die Möglichkeit, dass talentierte F (acht bis neun Jahre alt) oder E-Junioren (zehn bis elf Jahre) mit zusätzlichen Trainingseinheiten früh gefördert werden.

«Es kann auch zu früh zu intensiv trainiert werden»

Urban Osterwalder, Präsident FC Uster

Eltern, die ihre Kinder aus dem FC Uster herausnehmen und bei den «Footrebels» anmelden, attestiert Osterwalder «falschen Ehrgeiz». «Es kann auch zu früh zu intensiv trainiert werden», sagt er. Und: Die jungen «Rebellen» seien nicht unbedingt besser, als die ambitionierten FCU-Nachwuchsmannschaften. «Im letzten Meisterschaftspiel haben unsere D-Junioren die Footrebels jedenfalls geschlagen», sagt Osterwalder.

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