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Einer der grössten Schweizer Filmdrehs aller Zeiten

Ein Teil Bubikons wurde am Sonntag zurück ins Mittelalter versetzt. Das Ritterhaus diente Dutzenden Schauspielern und Statisten als Kulisse für den Film «Zwingli». Viele trugen wegen der Minustemperaturen Bettflaschen unter ihrem Kostüm.

Das Ritterhaus in Bubikon wurde am Sonntag, 25. Februar, zur Kulisse für den Film «Zwingli». (Bilder: Fabio Meier), Dabei handelt es sich um eine der teuersten Schweizer Produktionen. Rund 5,7 Millionen Franken soll der Film kosten. , Die hohen Kosten sind auf die aufwändigen Arbeiten zurückzuführen, das Mittelalter nachzukonstruieren. , Regie führt Stefan Haupt. Er war beispielsweise auch Regisseur des Films «Der Kreis».(Bild: Fabio Meier), Am Sonntag herrschten minus fünf Grad in Bubikon. Nicht nur die Schauspieler und Statisten, auch die Crew schlotterten., Als Hauptdrehorte für den Film dienen das Grossmünster in Zürich und das Kloster St. Georgen in Stein am Rhein. , Dort habe man praktisch alle Szenen abdecken können, sagt Produzentin Anne Walser. , Einzig für jene Episoden, die auf dem Land spielen, musste eine Location gefunden werden. , Das Ritterhaus in Bubikon eigene sich dafür perfekt. , In den Szenen spielen Bauern, Bettler, Täufer und Soldaten mit. , Es gibt 19 Filme über Luther, bisher jedoch nur einen über Zwingli. , Das Equipment litt unter der Kälte. Die Akkus sind besonders schnell leer., Gespielt wird Zwingli von Schauspieler Max Simonischek (35). , Der Schweizer-Österreichische Schauspieler ist in Deutschland geboren.

Einer der grössten Schweizer Filmdrehs aller Zeiten

Ein Mann steht in braunen Lumpen unter einem Rundbogen auf Pflasterboden und raucht eine Zigarette. Die Stoffkleider hängen in Fetzen an ihm. Seine Nase ist rot, seine Hände bläulich. «Los, es geht weiter», ruft eine Frau mit Funkgerät. «Alle Soldaten aufs Set!» Eine Horde Männer mit Bärten, Stahlhelmen, glänzender Rüstung und spitzen Waffen marschieren hintereinander durch einen Torbogen. Es herrscht minus fünf Grad in Bubikon.

Im und ums Ritterhaus fand am Sonntag der einzige Drehtag für den Film «Zwingli» im Zürcher Oberland statt. Dabei handelt es sich um die wohl teuerste Schweizer Produktion bisher. Das Projekt wird insgesamt rund 5,7 Millionen Franken kosten. «Es ist zudem einer der grössten Filmdrehs der Schweiz aller Zeiten und Bubikon wird in die Welt des Mittelalters verwandelt», sagt Produzentin Anne Walser der Filmproduktionsfirma C-Films AG (Schellenursli, Mein Name ist Eugen, Grounding).

Mehr Spenden nötig

Sie beschäftigt sich seit rund vier Jahren mit der Idee, das Leben des ersten Zürcher Reformators zu verfilmen. «Es gibt 19 Filme über Luther und genau einen alten, merkwürdigen Film über Zwingli.» Je länger sie mit dem Gedanken gespielt habe, desto besser habe er ihr gefallen. Ihre Firma behandle oft Themen aus der Schweizer Geschichte mit einem spannenden und emotionalen Nährboden. Ausserdem sei 2019 das Deutschschweizer Reformationsjahr, 500 Jahre Reformation. «Da besteht eine gewisse Dringlichkeit und Aktualität.»

Die Kosten liessen sich jedoch nicht mit den gängigen Förderinstrumenten abdecken. «Wir mussten um Hilfe bitten.» Das Projekt erhält Sponsoring-Gelder von verschiedenen Institutionen wie der Zürcher Filmstiftung, der Evangelisch-reformierten Landeskriche, dem Bundesamt für Kultur und der Zürcher Kantonalbank. Ein Teil des Geldes wird auch via Crowdfunding gesammelt. «Wir suchen nach wie vor nach Spendern», sagt Walser. Noch sei es an allen Enden knapp mit der Finanzierung. «Unvorhergesehene Kosten können wir uns so keine erlauben.»

Ritterhaus als ideale Kulisse

Auf einer kleinen Wiese hinter dem Ritterhaus, die Bahngleise im Hintergrund, steht jetzt ein Mann. Er schreit etwas, blickt sich panisch um und rennt davon. Ihm auf den Fersen folgen zehn Soldaten mit Waffen. Mehrere Crewmitglieder blicken gebannt auf zwei Monitoren. «Ist dir warm?», fragt ein Mann einen Statisten. «Nein», antwortet der trocken. Neben ihm springen zwei Frauen auf und ab. «Verdammt, ist das kalt.» Ein grosser Mann spaziert aufs Set, in den Händen hält er eine dampfende Kaffeetasse, aus seinem Kragen blickt der Hals einer Bettflasche. Auf der Wiese ziehen sich derweil die Schauspieler dicke Daunenjacken über ihre zerrissenen Stoffkleider.

«Das ist mit ein Grund, weshalb der Film so viel kostet», sagt Walser. Aus dem Mittelalter sei nichts mehr erhalten. «Wir müssen die ganze Ausstattung, die Kostüme, die Kulisse neu erschaffen. Jeder einzelne Statist muss mit originalgetreuen Kleidern ausgestattet werden.» In der Schweiz sei kaum etwas vorhanden gewesen, die Outfits hätten aus Fundi aus dem Ausland organisiert werden müssen. Das Bubiker Ritterhaus sei hingegen ideal als Drehort. «Die Gebäude sind original erhalten und schaffen die perfekte Atmosphäre.» In Bubikon werden jene wenigen Szenen gedreht, die auf dem Land spielen. Die zwei Hauptdrehorte des «Zwingli»-Films sind das Grossmünster in Zürich und das Kloster St. Georgen in Stein am Rhein.

Täuferbewegung und Streit mit Manz

Die wichtigste Szene in Bubikon wird am Nachmittag gefilmt. «Zwingli wird von seinen Leuten informiert, dass es Aufstände auf dem Land gibt», so Walser. Viele Bauern weigerten sich, den Zehnten – also die Kirchensteuer – zu zahlen. Zwingli reitet aufs Land hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Dort sieht er, wie die Täufer eine Kirche stürmen und einen Pfarrer töten wollen. «Ausserdem entwickelt sich ein grosser Zwist zwischen Zwingli und seinem Freund Felix Manz, dem Mitbegründer der Täuferbewegung.» Schiesslich komme es zum Bruch zwischen den beiden.

Zwingli-Darsteller Max Simonischek steht noch im Warmen. Der Schweizer-Österreichische Schauspieler, der in Berlin geboren ist, wird gerade eingekleidet. Der 35-Jährige ist erst gerade angekommen. Die Kulisse hat er noch nicht gesehen. «Ich weiss aber, welche Szene ich heute drehe», sagt er und grinst. Er komme an der Kirche angeritten, die Täufer wollten einen Geistlichen verbrennen und er sage: «Lasst ihn gehen, er hat nichts getan.» Die Täufer monierten, der Pfarrer wolle das Evangelium predigen. «Ich sage: Das ist kein Grund, jemanden zu verbrennen.»

«Ich bin nicht getauft»

Max Simonischek, Zwingli-Darsteller 

Er habe extra zwei Reitstunden für diese Szene genommen. «Das Pferd habe ich auch schon kennengelernt.» Ein bisschen nervös sei er trotzdem. «Das Ross ist halt eine unbekannte Komponente.» Mit Tieren und kleinen Kindern wisse man nie so recht, was passiere. «Sie sind unberechenbar.» Ansonsten habe sich die Nervosität aber gelegt. «Wir haben schon zwei Wochen gedreht und ich habe gemerkt, die Arbeit mit Regisseur Stefan Haupt (Der Kreis) funktioniert bestens», so Simonischek.

Speziell am Film sei, dass er eine Figur spiele, die es wirklich gegeben habe, über die jedoch nicht viel bekannt sei. «Es exisitert kein Foto von ihm, keine Tonaufnahmen, keine bewegten Bilder.» Er müsse seine Fantasie hineinbringen. Den Zugang zu Zwingli finde er vor allem über die gesellschaftspolitische Ebene. «Ich bin nicht getauft», sagt Simonischek und zuckt die Schultern. Was Zwingli für die Demokratie und sozialen Einrichtungen getan habe, beeindrucke ihn.

Aus der Sicht der Ehefrau erzählt

Das innere Tempo der Figur sei zudem um einiges langsamer als das bei den heutigen Menschen der Fall sei. «Wie er sich bewegt, wie er mit den Leuten umgeht, er nimmt sich Zeit.» Dass er viel Zeit an der Kälte verbringen wird, stört Simonischek nicht. «Wir Schauspieler werden zum Glück gut umsorgt.» Die Crew habe alle Tricks, die man sich vorstellen könne: Wärme-Pads in den Schuhen und den Handschuhen, Thermounterwäsche, Bettflaschen. 

Der Film wird aus Sicht von Zwinglis Frau, Anna Reinhart, erzählt. «Mir war es wichtig, nicht nur Pfarrer, Chorherren und Ratsmänner zu zeigen», sagt Walser. Es sei ein moderner Film für die heutigen Zuschauer. «Es ist ausserdem interessant, die Verwandlung von Zwingli aus der Sicht seiner eigenen Frau zu erleben.» Reinhart war gottesfürchtig, abergläubisch und Analphabetin. Durch Zwingli habe sie an Selbstvertrauen gewonnen, sei eine souveräne Frau geworden. «Sie hat angefangen, das Leben zu hinterfragen: Was heisst es, zu glauben?» Sie habe Zwinglis Widersprüche erkannt, sei eine Art Spiegel seiner Entwicklung geworden. 

«Ein Pfaffe wird gegrillt»

«Drehfertig, Mittagessen», ruft jetzt eine Frau. Erleichtert seufzt die Schar Bauern auf. Mit grossen Schritten marschieren sie zurück durch den Torbogen und dann rechts durch eine Holztüre. Im Innern ist es warm. «Endlich, ich bin durchfroren», sagt eine junge Frau. Am Buffet stehen schon viele Statisten mit Papptellern in den Händen Schlange. Den dicken Mauern entlang sind Holztische und Festbänke aufgestellt. Ein Mann steht auf und formt seine Hände zu einem Trichter: «Hört bitte rasch zu: Zieht euch nicht selbst aus! Wenn jemand eine Schnur oder so verliert, brauchen wir nachher Stunden. Wir kommen vorbei und helfen euch.»

Eine Frau geht Reih um und zieht den Statisten weisse Plastik-Lätzli über. «Bist du auch eine Bäuerin?», fragt eine Frau zwischen zwei Bissen ihre Tischnachbarin. «Nein, einfach eine alte Frau», antwortet diese. Beide schaufeln grosse Löffel Reis in ihre Münder. «Esst nicht zu viel», sagt ein dunkelhaariger Mann zu den beiden Frauen. «Ich habe gehört, heute Nachmittag wird noch ein Pfaffe gegrillt.»

Zwinglis Leben

Am 1. Januar 1484 wird Huldrych Zwingli in Wildhaus in eine reiche Toggenburger Bauernfamilie geboren. 1513 zieht Zwingli als Feldprediger mit den Glarner Söldnertruppen nach Italien und erlebt die Schlacht von Novara. 1516 besucht Zwingli Erasmus in Basel. Er kommt zunächst als Leutpriester nach Einsiedeln, dann wird er 1519 als Leutpriester an das Grossmünster berufen. Zwingli erkrankt an der Pest. Die Krankheit verändert seine Denkweise. Die humanistisch geprägte Kritik weicht der Gewissheit, im Besitz der evangelischen Wahrheit zu sein. 1520 entwickeln sich seine ersten eigenen reformatorischen Ansätze unter dem Einfluss von Luthers Schriften. Gleichzeitig trennt er sich von der Geisteshaltung des Erasmus von Rotterdam.

Zwingli predigt gegen die Verehrung von Bildern, Reliquien und Heiligen, er engagiert sich gegen das Zö­libat und die Eucharistie. Es kommt zu kirchenpolitischen Umwälzungen. Er wird als Ketzer bezeichnet und stirbt 1531 im Kampf gegen katholische Soldaten.

Zwingli gilt als erster Zürcher Reformator. Aus der Zürcher und der Genfer Reformation ging die reformierte Kirche hervor.

Am 24. Januar 2019 wird der Film «Zwingli» auf Schweizerdeutsch in die Kinos kommen.

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