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Politik

«Pro Fischenthal wäre eine gute Plattform – ohne Pöbeleien»

Josef Gübeli tritt nach 16 Jahren als Fischenthaler Gemeindepräsident zurück. Die letzte Amtsperiode sei die schlimmste gewesen, sagt der SVPler. Vor allem wegen des Internet-Bürgerforums Pro Fischenthal.

Josef Gübeli war 24 Jahre lang im Fischenthaler Gemeinderat tätig –16 davon als Gemeindepräsident. (Bild: Nathalie Guinand), Nun tritt er ab. Er brauche frisches Blut, sagt er. Irgendwann sei man abgestumpft und festgefahren. (Bild: Nathalie Guinand), Er sei nie der typische Politiker gewesen. Sein Amt habe ihm wegen des Kontakts mit den Menschen Spass gemacht. (Bild: Nathalie Guinand)

«Pro Fischenthal wäre eine gute Plattform – ohne Pöbeleien»

Sie sind seit 16 Jahren Gemeindepräsident von Fischenthal. Laut «Weltwoche» die unattraktivste Gemeinde des Kantons. Haben Sie das auch so empfunden?
Unattraktiv? Ah, jetzt verstehe ich, wovon Sie sprechen. Bei der Studie ging es um Einkaufsmöglichkeiten, Erreichbarkeit, kulturelles Angebot und so weiter. Da ist es ganz klar, dass wir als Letzte kommen. Das hat mich aber nie belastet.

Es hat Sie nie gestört, dass Sie Gemeindepräsident einer Gemeinde sind, die nicht viel zu bieten hat?
Nein. Das wusste ich von Anfang an. Das wussten wir, als wir 1982 hier hin gezogen sind. Fischenthal ist dafür ein Ski- und Wandergebiet und meistens nebelfrei. Deswegen schreibe ich immer «sonnige» Grüsse in meinen Mails. Was mich an Fischenthal stört – und das lässt sich nicht ändern: Es ist ein Strassendorf. Es hat keinen Dorfkern.  

Die Gemeinde Fischenthal besteht aus drei Dörfern. In jedem herrscht eine andere Mentalität. War es schwierig für Sie, diese unterschiedlichen Ansprüche zufriedenzustellen?
Steg und Fischenthal sind weniger problematisch. In Gibswil hingegen leben viele Zugezogene. Das spüren wir. Die Gibswiler fühlen sich ausgeschlossen. Früher kamen sie noch nach Fischenthal in den Verein. Heutzutage nimmt das Vereinsleben ab. Ich war auch in der Musik, ich spielte Trompete in der Harmoniemusik Fischenthal. Früher, wenn man nach der Probe noch bei einem Bier zusammensass, wurde es oftmals zwei oder drei Uhr. Heute gehört man um 23 Uhr bereits zu den Letzten. 

«Steger darf man nicht sagen. Ich bin Fischenthaler.»

Josef Gübeli, Gemeindepräsident Fischenthal

Viele gebürtige Fischenthaler bezeichnen die Gibwiler als «Auswärtige», die die Gemeindestrukturen nicht kennen oder respektieren, die noch kein Recht haben, sich einzumischen. Haben diese zugezogenen jungen Familien die Hierarchie innerhalb der Gemeinde durcheinander gebracht?
Das kommt auf die Situation an. Am Neujahrsapéro beispielsweise habe ich mich oft gefreut: Da gibt es ganze Cliquen von Gibswiler Familien, die gemeinsam an den Anlass kommen. Die füllen gleich einen ganzen Tisch. In solchen Momenten dachte ich jeweils: Jetzt macht es «Klick». An einer Gemeindeversammlung kommt dann aber dieser Separatismus wieder hervor. Vor allem beim Thema Schule spürt man das. Viele Gibswiler haben deswegen Forderungen gestellt. Und das hat einigen nicht gepasst: Dass man frisch kommt und als erstes schon einmal etwas verlangt. Als ich im ’82 herkam, galt ich auch als Auswärtiger. Ich habe mich angepasst und so in Fischenthal Fuss gefasst.  

Und jetzt sind Sie ein eingefleischter Steger.
Steger darf man nicht sagen. Ich bin schliesslich der Gemeindepräsident. Ich bin Fischenthaler (lacht). 

Oh, Entschuldigung. Wie ist es denn gekommen, dass Sie Gemeinderat geworden sind?
Das hätte ich nie gedacht. Ich, als Auswärtiger. Angefangen hat es eigentlich mit einem Malheur. Ein Kollege aus der Musik fragte mich, ob ich mit an die Gemeindeversammlung (GV) kommen wolle. Ich hatte damals mit Politik überhaupt nichts am Hut. Wir sassen also da, die GV war vorbei und die Kirchgemeinde-Versammlung kam an die Reihe. Und dann hiess es, die Nicht-Gläubigen und Andersgläubigen sollten den Saal verlassen. Ich bin katholisch. Überrascht und etwas «gällig» ging ich nach Hause. Ich sagte mir: Hier gehe ich nie mehr an eine GV. Da kommst du dir ja vor wie im letzten Jahrhundert. Andersgläubige, unglaublich.

Was hat Ihre Meinung geändert?
In der damaligen Fürsorgebehörde herrschte ein bisschen Stunk. Ein Freund sagte zu mir: «Komm doch mal an die SVP-Zusammenkunft, du wärst noch einer für die Fürsorgebehörde. Damit dort wieder ein Mann drin ist, der den Frauen sagt, was sie zu tun haben.» Ich dachte, ich höre mir das mal an. An der Versammlung hiess es dann plötzlich: Wieso nehmen wir den nicht für den Gemeinderat? So begann das. Dann waren Wahlen. Ich verzichtete auf Eigenwerbung, die SVP machte lediglich ein Flugblatt. Ich sträubte mich auch gegen ein Podiumsgespräch.Trotzdem oder vielleicht auch deshalb wurde ich gewählt. Ganz überraschend. Übrigens: Als ich Gemeindepräsident wurde, haben wir als erstes den GV-Ablauf geändert. Die Kirchgemeinde wird seither zuerst behandelt.

«Die ersten 12 Jahre machten Freude. Man wurde nicht angeprangert.»

Josef Gübeli, Gemeindepräsident Fischenthal

Haben Sie sich aktiv für das Gemeindepräsidium beworben?
Nein, es ist nicht mein Ding, im Rampenlicht zu stehen. Es war wieder die Rede von Podiumsgesprächen. Das kam für mich nicht in Frage. Ich mochte den Leuten nicht erzählen, wie toll ich bin und was ich alles ändern werde. Zuerst wollte ich mich einarbeiten. Die SVP und das Gewerbe unterstützten mich, aber ohne Wahlkampf. Es reichte erneut.

Für 16 Jahre. 
Genau. Die letzten vier Jahre waren aber happig. 

Wieso?
Die ersten 12 Jahre machten Freude. Man wurde nicht angeprangert. Jetzt mit diesen digitalen Medien, sprich…

…ProFischenthal?
Ja, dieser Blog. Das ist unter aller… unter der Gürtellinie. Ich finde es völlig daneben, dass man Menschen auf diese feige Weise angreift. Anonym. Am Anfang habe ich die Einträge noch gelesen, sie sind mir wirklich eingefahren. Es gibt Menschen, die sagen, das macht dich stark. Aber mich hat es verletzt. Ich kenne diese Art der Beleidigung nicht. Später habe ich gemerkt, wer hinter den Einträgen steckt. Einzelpersonen, die unter verschiedenen Pseudonymen ihre Wut loswerden. 

Können Sie gut mit Kritik umgehen?
Wenn sie konstruktiv ist. Wenn man sich rechtfertigen kann, habe ich auch kein Problem, mich zu entschuldigen. Aber wenn man beleidigt wird wegen zu hohen Steuern oder zu teurem Wasser, dann ist das lächerlich. Ich kann doch nichts dafür, dass der Steuerfuss oder die Wassergebühren erhöht werden müssen. Wir haben uns ja nicht daran bereichert. 

Hat der Blog Ihrer politischen Karriere geschadet?
Bei Vorstellungsgesprächen für die Verwaltung bin ich mehrmals darauf angesprochen worden. «Was stimmt denn hier nicht?», wollten die Leute wissen. Dabei ist hier alles in Ordnung. 

Einer der Hauptkritikpunkte auf dem Blog ist die Kommunikation des Gemeinderats. Er informiere intransparent oder gar nicht, heisst es immer wieder. Stimmt das?
Über gewisse Dinge informieren wir einfach erst, wenn sie spruchreif sind. Aber grundsätzlich informieren wir mehr als früher. Ich hatte auch nie das Gefühl, wir versteckten etwas. Es gibt den Gemeindebericht, den wir nach der monatlichen Sitzung publizieren. Wir haben sogar unsere Informationsregelmässigkeit untersucht und an einer Orientierung darüber informiert. Natürlich kann man immer mehr tun. Aber wir geben uns – auch aufgrund der geäusserten Kritik – sehr viel Mühe mit Infoanlässen und Umfragen.

«Irgendwann stumpft man ab. Es braucht wieder frisches Blut.»

Josef Gübeli, Gemeindepräsident Fischenthal

Dann hatten die Vorwürfe auf ProFischenthal einen positiven Effekt auf die Politik in der Gemeinde?
Ja, teilweise ist das sicher so. Es wäre eine gute Plattform – ohne die Pöbeleien.

Wechseln wir das Thema. Sie sind seit 24 Jahren im Gemeinderat tätig. Haben Sie keine Angst, dass…
…ich eine Depression bekomme? Nein, die Zeit ist reif. Irgendwann stumpft man ab. Es braucht wieder frisches Blut. 

Sind Sie abgestumpft?
Wenn ich so überlege, worüber man alles spricht, was man alles beredet, und was schliesslich umgesetzt wird. Das ist verrückt. 

Frustrierend?
Manchmal schon. Man muss wirklich aufpassen, dass man bis zum Schluss auch an alle unwichtigen Besprechungen, Tagungen und Sitzungen geht – mit der nötigen Motivation. Vor allem, wenn man weiss, dass es «nur» ein Austausch oder ein Informationsabend ist, an dem nichts beschlossen wird. 

Nimmt einem die langwierige Prozedur im Schweizer Politsystem langfristig den Enthusiasmus? 
Das ist so, ja. Man sieht alles etwas gelassener. Die Vorbereitung auf eine GV reichten nicht mehr bis ins letzte Detail. Man denkt sich: Wenn ich etwas nicht weiss, kann ich dazu stehen, dass ich es zuerst abklären muss. Ich war immer nervös vor den GVs. Diese Nervosität hat mit der Zeit aber auch nachgelassen. Und das heisst etwas: Ich stehe wirklich nicht gerne in der Öffentlichkeit. 

Und trotzdem mussten Sie immer wieder Reden halten. Wie haben Sie das gemeistert?
Mir war klar, dass dies dazu gehört. Ich habe mich deshalb sehr lange und gründlich vorbereitet. Ich habe mir überlegt, was von Interesse sein wird, welche Fragen wohl auftauchen und wie ich am darauf reagiere. Es gibt Menschen, beispielsweise Jörg Kündig (FDP), der Gossauer Gemeindepräsident, der kann mitten in der Sitzung aus dem Stegreif einen Vortrag halten. Das kann ich nicht. 

«Ich habe Fischenthal mit Herzblut vertreten.»

Josef Gübeli, Gemeindepräsident Fischenthal

Waren Sie dennoch ein guter Gemeindepräsident?
Das müssten andere beurteilen. Ich habe Fischenthal mit Herzblut vertreten. Für unsere Angestellten hatte ich stets ein offenes Ohr und ich habe nach Möglichkeit erträgliche Entscheidungen getroffen. Ein Gemeindepräsident ist zudem nur so gut wie seine Ratskollegen und sein Personal. 

Gibt es ein spezielles Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Während meiner Amtszeit sind drei ehemalige Gemeindepräsidenten gestorben. Wenn es die Familie wünscht, dann verabschiedet der amtierende Gemeindepräsident die Verstorbenen. Also ich. Dies war bei allen drei der Fall. Mit einem der drei Gemeindepräsidentin hatte ich acht Jahre zusammengearbeitet. Das hat mich geprägt. Was mir auch eingefahren ist und noch immer einfährt, ist der Wechsel des Gemeindeschreibers Roger Winter. Das war ein Stich. Er hat wie ich Maschinenmechaniker gelernt, die ticken gut. Wir haben uns beinahe ohne Worte verstanden.

Es gab auch viele Herausforderungen während Ihrer Amtszeit. Wo haben Sie versagt?
Gescheitert sind wir mit den Alterswohnungen. Ich hatte mir vorgenommen, dass es im Haus Geeren Alterswohnungen hat, bevor ich gehe. Wir wollten eine Genossenschaft gründen. Doch dann kam der Stunk im Altersheim. Aufgrund der hohen Fluktuation konnten wir nicht mehr bei den Einwohnern anklopfen und Geld für einen Umbau verlangen. Das reut mich.

Das Haus Geeren war die grösste Baustelle Ihrer Karriere. Was würden Sie im Nachhinein anders machen?
Das ist schwierig zu sagen. Wir waren wohl zu weit weg. So kam es, dass wir erst zu löschen begannen, als es bereits brannte. Die Reorganisation kostete viel Geld, löste aber keine Konflikte im Personalbereich. Weil es an Strukturen fehlte, wollten wir die Arbeiten der Angestellten besser koordinieren. Dass wir Personal abbauen wollten, stimmt aber nicht. Wir fanden einfach keinen neuen Geschäftsleiter, keine guten Fachkräfte. 

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Bilanz?
Ich habe versucht, mein Bestes für die Gemeinde zu leisten. Mir war es wichtig, ein offenes Gemeindehaus zu haben mit freundlichem Personal, das die Anliegen der Bevölkerung ernst nimmt und um Lösungen bemüht ist. Aber ich war nicht der typische Vollblut-Politiker. In den Gemeinden spielt es keine Rolle, ob man in einer Partei ist, man muss die Arbeiten erledigen. Mich hat damals die SVP als erstes gefragt. Da waren auch tolle Typen dabei. 

Sie sind nicht der eingefleischte SVPler?
Nein. Das habe ich auch schon öffentlich gesagt. Ich war beispielsweise noch nie an einer Albisgüetli-Tagung. 

In Fischenthal gibt es nur die SVP. Könnten Sie sich mit einer anderen Partei besser identifizieren?
Mit der FDP oder BDP vielleicht. Einer SVP mit Anstand. Mir ist die Partei schweizweit einfach oft zu aggressiv und unanständig. Natürlich gibt es das auch von der linken Seite. Damit habe ich grundsätzlich Mühe. 

Sie sagen, Sie seien nicht der typische Politiker. Was sind Sie dann?
Der Gübeli, der glücklich ist, ein Fischenthaler zu sein. 

Dieses Video ist 2010 entstanden und zeigt einen virtuellen Rundgang durch die Gemeinde Fischenthal. 

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