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Vom «Türkentrank» zum Trend

Die Café etc. GmbH in Dübendorf verkörpert sowohl biedere Bürolisten-Kaffeekultur als auch Szenitum – und steht damit sinnbildlich für eine Branche, die sich in den letzten Jahren tiefgreifend gewandelt hat.

Szeniges Interieur: Inhaber und Geschäftsführer Erich Faisst im von ihm neu gestalteten Ladenlokal der Dübendorfer «Café etc. GmbH». (Fotos: Nathalie Guinand), Elegante Kaffeemaschinen führt Faisst genauso im Angebot wie..., ... Kaffee, der sonst einzig in Gastrobetrieben angeboten wird., Auch eine Werkstatt gehört zur «Café etc. GmbH».

Vom «Türkentrank» zum Trend

Die Ladenräumlichkeit der Café etc. GmbH an der Dübendorfer Usterstrasse hat eine hipsterige Note, strahlt aber gleichzeitig den nicht eben mondänen Charme eines Detailhandelsgeschäft in der Agglo aus. In der einen Ecke des Raumes baumeln neben Stricklampen auch aus Kaffeebohnen gefertigte Kugeln von der Decke, zwei Stühle sind mit Bohnensäcken überzogen. In der anderen Ecke keine Spur von derartiger Verspieltheit: Dort finden sich auf einem Regal aufgereiht eher biedere Haushaltsgeräte, unter anderem solche der Marke Fust.

Erich Faisst (35) hat die Café etc. GmbH im Januar übernommen. Mit dem Erbe seiner Vorgänger, dem Ehepaar Thoma, will er nicht gänzlich brechen, haben diese den Laden zuvor doch während rund 16 Jahren erfolgreich geführt und Faisst auch den gesamten Kundenstamm übertragen. Auch die angebotenen Hauptprodukte sind im Grundsatz dieselben: Kaffeemaschinen, Kaffebohnen, Pulver. Seine eigene Handschrift will Faisst im Geschäft aber durchaus zum Ausdruck bringen, das Interieur hat er deshalb gewissermassen sanft urbanisiert.

Eine Ersatzreligion

Irgendwie ist die optische Wandlung der Café etc. GmbH auch eine Metapher für das Hauptprodukt, um das sich hier alles dreht: Denn kaum ein Konsumgut hat in den letzten Jahren einen derart tiefgreifenden Imagewandel durchlaufen wie Kaffee. 1993, als die Café etc. GmbH in Dübendorf ihre Zelte aufschlug, hatte das Heissgetränk in etwa dieselbe Ausstrahlung wie Bostitch-Klammern oder Fondor (heute Aromat): Es gehörte gleichermassen zum grauen Büro- wie zum Haushaltsalltag, war im besten Falle völlig unspektakulär, im schlimmsten Falle verfemt als «Türkentrank».

Zur veränderten Wahrnehmung trugen erst die Nespresso-Kapseln und George Clooney bei, später dann die Abgrenzungsbewegungen zu eben diesem Trend. Mittlerweile wird Kaffeegenuss vor allem in urbanen Milieus wie eine Ersatzreligion zelebriert, Zubereitung und Drumherum sind für nicht wenige Ausdrucksformen der Individualität, wie es auch Ernährungsweise oder Wahl der Yogaschule sind.

Pulver aus Osteuropa

Der gelernte Metallbauer Faisst taucht gerade erst ein in die schier unendlich scheinende Welt des Kaffees. Er eignet sich Wissen an – über Maschinen, Röstmethoden, Bio-Label, Handel, Nachhaltigkeit. Er sagt, dass er nur noch wenige Nespresso-Kapseln in seinem Sortiment führe und diese früher oder später ganz aus dem Angebot verschwinden sollen. Und er erzählt von einer Kaffeemarke in seinem Regal, die es ansonsten kaum im Verkauf sondern nur in Gastrobetrieben gebe.

Gleichzeitig ist Faisst aber auch Teil der «alten» Kaffee-Welt, die parallel zum Hipster-Kaffee-Kosmos weiterhin existiert. Denn eine der Hauptsäulen der Café etc. GmbH ist es, für KMUs die «Kaffee-Frage» zu lösen: «Eine Kaffee-Maschine kann für Firmen ein bedeutender Kostenfaktor sein», sagt Faisst. Nicht selten müssten die Betriebe für den Kauf mehr als 5000 Franken auf einmal hinlegen, was sich entsprechend auf die Geschäftsbilanz auswirke. Auch sei der Erwerb einer Maschine regelmässig mit Knebelverträgen verknüpft, oft verpflichteten sich Unternehmen gegenüber der Verkäuferfirma für eine sehr lange Zeit zum Bezug von Kaffee.

«Eine Kaffee-Maschine kann für Firmen ein bedeutender Kostenfaktor sein»

Erich Faisst, Inhaber und Geschäftsführer Café etc. GmbH

Faissts Konzept: Eine Art Gebrauchsleihe. «Die Firmen müssen die Maschine nicht kaufen und auch nicht mieten, sondern zahlen eine Kaution und können sie nach Gebrauch zurückgeben. Der Service- oder Reparaturaufwand, der nach der Rückgabe anfällt, wird dann mit der Kaution verrechnet.» Statt für die Maschine zahlen die Betriebe für den Kaffee, den sie von Faisst beziehen, wobei sie die Mengen und die Bezugszeit selbst festlegen können. Das Risiko, dass Unternehmen nur wenig Kaffee beziehen und frühzeitig abspringen, bestehe, doch habe er diesbezüglich Vertrauen, so Faisst.

Worauf der Kaffee-Jungunternehmer ebenfalls Wert legt: Seine Maschinen, die er an Unternehmen verkauft, sollen auch Cappuccinos oder Milchkaffees herstellen können, dies jedoch mit Bio-Milchpulver. «Auch in diesem Bereich liegt viel Potential brach. Leider setzen immer noch zu vielen Firmen ihren Mitarbeitern Pulver und Aufheller aus Osteuropa vor.»

Persönlicher Service

Service an den Maschinen sind eine weitere tragende Säule von Faissts Geschäftskonzept. Da der Verkaufsstandort in einem Dübendorfer Wohnquartier für Laufkundschaft nicht ganz so attraktiv ist wie etwa das Zürcher Seefeld, sei er auf den persönlichen Kontakt und einen Kundenstamm angewiesen.

Wenn es um Reparatur- und Servicearbeiten geht, kann er, der nicht nur als Metallbauer, sondern auch als Zeichner und Konstrukteur tätig war, von seinem beruflichen Vorwissen profitieren. «Und ein persönlicher Service mit Hausbesuchen, wie ich ihn anbiete, ist etwas, was es bei den Grossen wie Media Markt und Co. nicht gibt.»

Ganz auf sich alleine gestellt ist Faisst dabei nicht: Seine Partnerin und seine Freunde würden ihn unterstützen, zum Beispiel wenn es um die Buchhaltung geht. Auch beim Renovieren und Einrichten des Ladens hätten sie Hand angelegt.

Das Gesicht der Café etc. GmbH ist aber der in Zürich Altstetten wohnhafte Faisst. Von Dienstag bis Samstag steht er hinter dem Verkaufstresen oder in der Werkstatt, die sich gleich dahinter befindet. Freizeit bleibt wenig: Schliesslich muss der Quereinsteiger einen Grossteil des Kaffee-Universums erst noch entdecken.

 

«Der Filterkaffee feiert ein Revival»

Obschon ein Neuling in der Kaffee-Branche: Eine Leidenschaft für das Heissgetränk wurde Erich Faisst von Haus aus mitgegeben. «Meine Grossmutter stammt aus Italien, eine Kaffee-Kultur wurde bei uns am Familientisch stets zelebriert», sagt er. Seit Januar hat er von Berufs wegen jeden Tag mit Kaffee zu tun und ist damit zumindest auf dem Weg zum Kaffee-Experten. An dieser Stelle teilt er mit dem Durchschnittskonsumente sein Wissen sowie seine Glaubenssätze und spricht über…

… die beste Art der Kaffee-Zubereitung:

«Ob Filterkaffee oder Espresso – beides kann qualitativ hochwertig sein. Der Filterkaffee feiert zurzeit eine Art Revival, die Zubereitung mit der French Press (Kaffeepresse) ist wieder in. Von vielen Kaffee-Kapseln halte ich dagegen eher wenig. Unter anderem Nespresso-Kapseln enthalten Inhaltsstoffe, die noch nicht gänzlich erforscht und aus gesundheitlichen Überlegungen umstritten sind. Ausserdem stellt sich aufgrund des Aluminiums der Kapseln die Nachhaltigkeitsfrage.»

… Stärke und Koffeingehalt:

«Da gibt es häufig Verwechslungen. Ein starker Kaffee ist nicht unbedingt einer mit viel Koffein. „Stark“ meint in der Regel eher „geschmacksintensiv“ und diesbezüglich ist ein Espresso natürlich intensiver, da er mehr Gramm Kaffee pro Milliliter enthält. Mehr Koffein als ein Milchkaffee enthält er deshalb aber nicht unbedingt. Bezüglich Koffeinanteil gibt es je nach Art der Kaffeebohnen Unterschiede, in der Regel steuert man den Koffeingehalt aber über die Menge Kaffee pro Tasse.»

… Kaffee und Gesundheit:

«Ich halte mich diesbezüglich regelmässig auf dem Laufenden und jede neuere Studie bekräftigt: Kaffee ist in normalem Masse – damit sind vier bis sieben Tassen pro Tag gemeint – gesund, er hat einen positiven Effekt auf den Kreislauf und das Herz. Ich selbst trinke aktuell dennoch lediglich zwei bis vier Tassen Kaffee pro Tag – als ich noch Projektleiter in einem Metallbaubetrieb war, waren es deutlich mehr.»

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