Ein Jungunternehmen hebt ab – die Senkrechtstarter aus Dübendorf
Startup produziert Transportdrohnen
Die Schweiz gilt weltweit als Hotspot für die Forschung und Entwicklung von unbemannten Flugsystemen. In Dübendorf steht eine innovative Drohne kurz vor der Marktreife.
Das Wort «Drohne» mag Sascha Hardegger nicht besonders. Lieber spricht der CEO der Dufour Aerospace AG von «uncrewed arial systems», auf Deutsch «unbemannte Flugsysteme». Ein Blick in den Hangar des Unternehmens auf dem Flugplatz Dübendorf bestätigt ihn in seiner Wortwahl.
Was hier zu sehen ist, geht weit über das hinaus, was man sich gemeinhin als Drohne vorstellt: Die Ingenieure und Mechaniker des Startups sind gerade dabei, drei Exemplare des «Aero-200» fertigzustellen, das erste kommerzielle Fluggerät von Dufour Aerospace.
Die wichtigsten Daten: Der «Aero-200» hat eine Flügelspannweite von knapp sechs Metern, ein maximales Startgewicht von 208 Kilogramm und schafft mit einer Nutzlast von 20 kg eine Reichweite von 200 Kilometern.


Damit kann das Gerät beispielsweise medizinische Güter wie Blutkonserven, Medikamente oder Geräte an entlegene Orte transportieren. Es ergänzt Logistikketten für rasch benötigte Ersatzteile in abgelegenen Siedlungen. Oder es kann für Vermessungs-, Such- und Rettungsflüge eingesetzt werden.
Was die Drohne aus Dübendorf einzigartig macht: Sie kann senkrecht starten und landen und benötigt daher keine Piste. Möglich macht es der sogenannte «Tiltwing» oder Kippflügel. Bei Start und Landung steht die Tragfläche senkrecht, sodass die vier Propeller die Maschine wie einen Helikopter schweben lassen. Für den Vorwärtsflug wird der Flügel nach vorne gekippt, was den «Aero-2000» in ein «normales» Flugzeug verwandelt.

«Die Maschine vereint auf diese Weise die Vorteile des Helikopters mit den Vorteilen des Flugzeugs, das im Flug viel effizienter ist», erklärt Hardegger. Der frühere Rega-Manager fliegt selbst seit mehr als 30 Jahren.
Der Motor kommt aus Turbenthal
Der Antriebsstrang des Fluggeräts besteht aus Batterien, mehreren Elektromotoren und einem 2-Takt-Benzinmotor mit 330 Kubikzentimeter Hubraum. Dieser stammt von Suter Industries in Turbenthal. Vier Hauptpropeller und ein Heckpropeller treiben den «Aero-200» an.
«Würden wir rein elektrisch fliegen, wären wir aufgrund der Batterien zu schwer. Darum das Hybridsystem», erklärt Hardegger. Die Energie für Starts und Landungen wird von den Batterien bereitgestellt, weil hier am meisten Leistung erforderlich ist. Sobald sich die Drohne im Vorwärtsflug befindet, übernimmt der Benzinmotor. Via einen Generator treibt der 2-Takter die Propeller an und lädt gleichzeitig die Batterien, damit diese für die Senkrechtlandung (und den darauf folgenden Start) wieder die volle Power haben.
Die drei Drohnen, die derzeit in Dübendorf entstehen, sind für Einsätze in Kanada und Schweden vorgesehen. «Pre-commercial» nennt Hardegger die aktuelle Phase in der noch jungen Firmengeschichte und entschuldigt sich für den neuerlichen englischen Terminus. Das rund 60-köpfige Team ist international, und in der Fliegerei wird nun mal englisch kommuniziert.
«Pre-commercial» bedeutet, dass die Drohnen an Partner ausgeliefert und von diesen getestet werden. Diese Partner arbeiten unter realen Einsatzbedingungen mit den Drohnen. Sie programmieren die Flugrouten, überwachen die Flüge, geben Feedback und helfen auf diese Weise mit, Kinderkrankheiten auszumerzen und letztlich die Markteinführung vorzubereiten. Hardegger: «Es geht um Erfahrungen, aber auch um Marketing und Geschäftsentwicklung. Wir wollen zeigen, was wir können.»

Ende Januar haben die Dübendorfer eine vertiefte Zusammenarbeit mit dem kanadischen Drohnenunternehmen Volatus Aerospace bekannt gegeben. Kanada ist ein spannender Markt mit seinen grossen Distanzen und der dünner werdenden Verkehrsinfrastruktur, je weiter man in den Norden vorstösst.
Dringende Transporte, Vermessung, Suchen und Retten
Hier will Dufour Aerospace mit seinen unbemannten Fliegern eine kostengünstige, umweltschonende und zuverlässige Alternative zu bemannten Helikopterflügen bieten. «Unsere unbemannten Flugsysteme unterbieten die Kosten eines Helikopters um den Faktor 10 bis 15», rechnet Hardegger vor.
Dieses Jahr wird die Drohne aus Dübendorf unter den harschen Bedingungen des kanadischen Nordens ausgiebig und auf langen Strecken getestet werden. Das ist in der dicht besiedelten Schweiz nicht möglich.
Gegründet wurde die Dufour Aerospace AG im Jahr 2017 in Visp. Dort hat das Unternehmen bis heute seinen rechtlichen Sitz.
Das Gründerteam besteht aus drei Personen: Verwaltungsratspräsident Thomas Pfammatter, aktiver Einsatzpilot der Air Zermatt, Dominique Steffen, Weltmeister im Gleitschirm-Kunstflug und ehemaliger Red-Bull-Wettkampfpilot, und Software-Entwicklerin Jasmine Kent. Sie ist heute Chief Technical Officer.
Bereits 2019 gründete Dufour eine Niederlassung in Zürich, seit 2021 ist man auch auf dem Flugplatz Dübendorf ansässig. Im Wallis arbeitet bis heute ein kleines Team, das Propeller entwickelt und aerodynamische Kalkulationen vornimmt.
Dübendorf als Standort für Forschung und Entwicklung bietet der Dufour Aerospace AG viele Vorteile: Da sind einerseits Hochschulen wie die ETH und die ZHAW mit ihrem Pool an Talenten in unmittelbarer Nähe. Andererseits ist der Luftraum über dem Flughafen geschützt und wird von einem Tower überwacht. Hier kann Dufour Testflüge durchführen.
Allerdings sind die Testflüge auf das Gebiet über dem Flugplatz beschränkt. «Die Region ist zu dicht besiedelt, um hier auf längeren Distanzen zu testen», sagt CEO Sascha Hardegger.
Eine weitere Herausforderung sind die Regulatorien. Noch gibt es erst wenige international einheitlichen Regeln für diese neuartigen Fluggeräte - dies im Gegensatz zur bemannten Aviatik. Der Luftraum wird nicht nur von Flugzeugen und Helikoptern genutzt, sondern auch von Gleitschirmpiloten und Segelfliegern. Nicht alle Luftraumbenutzer sind mit elektronischen Mitteln erkennbar, was die Koordination gerade mit Drohnen anspruchsvoll macht.
(sco)
«Ein Meilenstein» seien diese Tests im hohen Norden, sagt CEO Hardegger. Das Ziel ist eine weitgehende Autonomie der Drohne. Der Operator oder Betreiber definiert einen Flugplan, dem die Drohne autonom folgt. Er überwacht den Flug und greift aktiv ein, wenn Unvorhergesehenes passiert. Die Gesetzgebung verlangt auch in Kanada den «Human in the Loop», den Menschen im Regelkreis.

2026 wird unter realen Bedingungen getestet, 2027 soll die kommerzielle Produktion aufgenommen werden. Die Fertigung der ersten kleineren Serie ist in Dübendorf vorgesehen. Für die Zukunft und grössere Serien sieht sich Dufour Aerospace nach neuen Produktionskapazitäten um.
Natürlich muss Dufour Aerospace auch in naher Zukunft Geld verdienen. Einen genauen Zeitpunkt nennt Hardegger nicht, aber es soll sicher noch in diesem Jahrzehnt so weit sein. Aktuell ist das junge Unternehmen von seinen Investoren abhängig. Das Aktienkapital der Firma beträgt rund 500’000 Franken.
In Anbetracht von rund 60 hochqualifizierten Mitarbeitenden dürfte das für keinen Monat reichen. Hardegger: «Natürlich ist der Cashflow für ein Startup am Übergang zur Produktion ein grosses Thema. Aber wir dürfen auf die Unterstützung unserer Investoren zählen.» Diese Geldgeber bestehen aus einer kleinen Gruppe privater und strategischer Investoren, hauptsächlich aus der Schweiz.
«Schwerpunkt zivile Nutzung»
Und dann ist da noch die Frage nach weiteren Möglichkeiten, die Drohne zu nutzen. Dufour Aerospace schreibt ausdrücklich von «Dual Use», also doppelte Nutzung. Mit diesem etwas schönfärberischen Begriff beschreibt die Branche militärische Einsatzzwecke.
Diese von vornherein auszuschliessen, wäre unternehmerisch nicht sinnvoll, sagt Hardegger. Logistik sei überall ein Thema, in der Medizin wie im Militär: «In beiden Märkten besteht die Nachfrage nach schnellen Lieferzeiten und Qualität. Aber unser Schwerpunkt ist derzeit die zivile Nutzung.»
Eine Dufour-Drohne mit Sprengstoff zu füllen und auf einen Kamikaze-Einsatz zu schicken, wäre übrigens keine gute Idee: Zu komplex und zu teuer sind die Fluggeräte «Made in Dübendorf». Da ist man beim freundlichen Mullah in Teheran sicher besser aufgehoben.