Abo

Wirtschaft

Ende eines Traditionsbetriebs

Mit dem Restaurant Hörnli verliert Illnau mehr als nur eine Dorfbeiz

45 Jahre lang sorgten Bea und Bobby Wespi für das leibliche und seelische Wohl ihrer Gäste. Diesen Sonntag serviert das Wirtepaar zum letzten Mal sein legendäres Ghackets mit Hörnli und Öpfelmues.

Bei ihnen steht Gastfreundschaft ganz zuoberst: das Wirtepaar Bobby und Bea Wespi vor seinem «Hörnli».

Foto: Simon Grässle

Mit dem Restaurant Hörnli verliert Illnau mehr als nur eine Dorfbeiz

Ende eines Traditionsbetriebs

45 Jahre lang sorgten Bea und Bobby Wespi für das leibliche und seelische Wohl ihrer Gäste. Diesen Sonntag serviert das Wirtepaar zum letzten Mal sein legendäres Ghackets mit Hörnli und Öpfelmues.

Die Gaststube des «Hörnli» ist pumpenvoll an diesem Abend. Auf dem Fernsehbildschirm stürzen sich die Skifahrer die Piste hinab, lauthals kommentiert von den Gästen. Auf den Tischen drängen sich Bierflaschen und Weingläser – Sportgucken macht offensichtlich durstig.

«Hörnli»-Wirt Bobby Wespi kommt aus dem weiss eingedeckten Sääli. «Äxgüsi, alles reserviert», sagt er zu dem Paar, das fröstelnd im Hauseingang steht. «In der Gaststube gäbs vielleicht noch ein Plätzli, falls euch die Raucher nicht stören.» Es sei halt grad ein bisschen eng: «Jetzt, wo wir schliessen, schauen alle nochmals vorbei.»

Mit der Ustrinkete am 21. Dezember verliert Illnau nicht nur ein Restaurant, sondern vielmehr einen sozialen Treffpunkt. «Für viele unserer Gäste ist das ‹Hörnli› eine zweite Heimat. Bei uns findet sich immer jemand für einen Schwatz oder Jass», sagt Bea Wespi, während sie flink einen Tisch abputzt. Einen klassischen Stammtisch sucht man hier vergebens. «Bei uns sind alle Tische Stammtische, und jeder setzt sich zu jedem hin.»

Für viele unserer Gäste ist das ‹Hörnli› eine zweite Heimat.

Bea Wespi

«Hörnli»-Wirtin

Das zeigt sich auch an diesem Abend. Das fröstelnde Paar hat unterdessen auf der Bank neben dem Kachelofen Platz genommen, die Tischnachbarn sind bereitwillig zusammengerückt. Und immer noch drängen weitere Neuankömmlinge durch die Tür.

Fünfte und letzte Wirtegeneration

«Das ‹Hörnli› hiess schon ‹Hörnli›, als es 1832 das Weinschenkpatent erhielt», erzählt Bobby Wespi zwei Tage später. Es ist Wirtesonntag, und er und seine Frau Bea sitzen für einmal allein in der Gaststube.

«Johannes Braunschweiler, mein Ururgrossvater mütterlicherseits, erwarb das Gasthaus 1881. Seither hat es immer ein Familienmitglied geführt.» Sie beide hätten 1980 übernommen – «als fünfte und leider nun auch letzte Generation».

Die Lage des Restaurants gegenüber der Kirche sei «gäbig» gewesen. Oftmals seien die Kirchgänger direkt nach dem Gottesdienst ins «Hörnli» rübergewechselt. «Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen – bei uns hat sich das Leben in all seinen Facetten gezeigt.» Und erst die Fasnacht: «Weisch, wie viele Paare haben sich bei uns gefunden!»

Ein Mann und eine Frau mit Weinglas an einem Tisch.
45 Jahre drehte sich im «Hörnli» alles um die Gäste – eine grosse Umstellung für das Wirtepaar.

Der gebürtige Effretiker und die Romanshornerin selbst haben sich auf hoher See kennengelernt, da war er 27, sie 26. 1978 sei das gewesen, auf dem Luxusschiff «MS Vistafjord», er als Steward, sie als Zahlmeisterin. Nordkap, Mittelmeer, Schwarzes Meer, Karibik: Es sei eine tolle Zeit gewesen. «Ein Jahr später haben wir geheiratet und sind kurz darauf ins ‹Hörnli› gezogen.»

1981 und 1983 kamen die beiden Söhne zur Welt. «Die Mutter im Service, der Vater in der Küche oder im Büro, die Buben inmitten der Gäste am Ufzgi-Machen – das war unser Familienleben», erinnert sich der «Hörnli»-Wirt. Die oberen Räumlichkeiten seien nur zum Schlafen genutzt worden. «Die Gaststube ist bis heute auch unser Wohnzimmer.»

Vom «Palace» übers «Carlton» in die Beiz

Bobby Wespi hat bereits als Kind gern in die Töpfe der «Hörnli»-Küche geguckt – da stand noch seine Grossmutter am Herd. Eine Lehre als Koch sei nur folgerichtig gewesen. Nach der Hotelfachschule in Lausanne arbeitete er in renommierten Häusern wie dem «Palace» in Gstaad oder dem «Carlton» in St. Moritz.

Die Frage «Was willst du als diplomierter Hotelier in so einem Spüntli wie dem ‹Hörnli›?» habe er sich von Berufskollegen oftmals anhören müssen. Seine Antwort sei immer die gleiche gewesen: «Gastfreundschaft brauchts überall – im Sternerestaurant wie in der Beiz.»

Gastfreundschaft brauchts überall – im Sternerestaurant wie in der Beiz.

Bobby Wespi

«Hörnli»-Wirt

Er sei immer mit Herzblut Gastgeber gewesen. Um zwei, drei Uhr morgens ins Bett, um sieben wieder auf, chrampfen, wenn die anderen freihaben – das hatte ihn nie gestört. Den Tribut zahle er heute, er sei ein körperliches Wrack. Trotzdem würde er alles wieder genau so machen. «‹Hörnli›-Wirt – das bin ich, das ist mein Leben.»

Die Schliessung ist denn auch eine reine Vernunftentscheidung. Kurz habe er sich überlegt, zu verpachten. «200’000 bis 250’000 Franken hätten wir dazu investieren müssen.» Das mache keinen Sinn. Zumal die Söhne nicht in der Branche tätig sind und die fünf Enkelkinder noch zu klein. Und sowieso: Zuschauen, wie Fremde im «Hörnli» wirten? Bobby Wespi schüttelt den Kopf.

Auch die Pläne für eine Renovation oder den Einbau von Wohnungen hat das Wirtepaar längst verworfen. Stattdessen will es im «Hörnli» wohnen bleiben – «so, wie es ist, und solange es irgend geht.»

Ein Hintertürchen für Gastgeber und Gäste

Und dann erzählt Bea Wespi, dass sie sich als Gastgeber damit ja auch ein Hintertürchen offenhalten. Künftig wollen sie die Gaststube, die ja dann eigentlich ihr Wohnzimmer ist, zweimal die Woche für ein paar Stunden öffnen. Ein Halbeli oder ein Bier für all jene, die mit ihnen im «Hörnli» alt geworden sind – so stellen sie sich das vor.

«Erst einmal aber gibts jetzt am Sonntag ein letztes Mal unseren Klassiker Ghackets mit Hörnli und Öpfelmues», sagt ihr Mann. «Gratis für alle und mit Musik, wo fägt!»

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.