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We Recycle AG in Liquidation

Finma zieht Recyclingfirma aus Lindau den Stecker – Kunden bleiben auf vollen Säcken sitzen

Die Firma We Recycle aus Kemptthal hat unerlaubterweise mit Wertpapieren gehandelt. Das Bundesgericht bestätigt eine von der Finma verhängte Liquidation.

Plastik sammeln und wiederverwerten: Das ist die Geschäftsidee der We Recycle AG.

Foto: Unsplash/Noe Fornells

Finma zieht Recyclingfirma aus Lindau den Stecker – Kunden bleiben auf vollen Säcken sitzen

We Recycle AG in Liquidation

Die Firma We Recycle AG aus Kemptthal hat unerlaubterweise mit Wertpapieren gehandelt. Das Bundesgericht bestätigt eine von der Finma verhängte Liquidation.

Die Idee der Recyclingfirma aus Kemptthal in Lindau ist bestechend einfach: Kunden entsorgen Karton, Plastik, Büchsen et cetera in einem grünen Sack und stellen diesen vor ihren Hauseingang. Regelmässig werden die Säcke von der Firma We Recycle AG abgeholt und an regionale Sortierzentren geliefert, um das Material wiederzuverwerten.

Es ist ein ähnliches Konzept wie jenes der Firma Mr. Green, die 2010 in Zürich gegründet wurde. Die Recyclingfirma aus Kemptthal gibt es seit 2015. Die We Recycle AG bietet ihren Abholservice ab Fr. 18.25 pro Monat an.

Und es funktionierte jahrelang gut, wie über 200 Google-Rezensionen belegen. Ein langjähriger Kunde aus Zürich bestätigt: «Es ist bequem und eine gute Sache. Unsere Säcke wurden immer zuverlässig abgeholt.» Im November änderte sich das schlagartig. Eine Sammeltour fiel aus. Die We Recycle AG begründete dies mit Personalausfällen.

Screenshot einer Chat-Nachricht.
Nachricht an die Kundschaft: Betrieb aufgrund eines Gerichtsfalls eingestellt.

Doch die Touren in Zürich, Bern, Basel und anderen Regionen fallen weiterhin aus. Der Geschäftsbetrieb sei «vorübergehend» eingestellt worden, teilte die Firma ihren Kunden kürzlich mit, diesmal aufgrund eines Gerichtsurteils und interner organisatorischer Änderungen. «Wir arbeiten mit Hochdruck an der Lösung, die Sammlungen wiederaufnehmen zu können.»

Dagegen wehrte sich die Recyclingfirma bis vor Bundesgericht. Im September hat dieses die Beschwerden jedoch abgewiesen. Damit bestätigt das Gericht die von der Finanzmarktaufsicht (Finma) verhängte vollständige Liquidation der Firma.

Im Fokus steht der Verwaltungsratspräsident der Firma. Gegen ihn besteht eine Unterlassungsanweisung der Finma. Darin wird er ermahnt, die «Wertpapierhaustätigkeit sowie die entsprechende Werbung ohne die notwendige Bewilligung in irgendeiner Form zu unterlassen».

Zwei junge Geschäftsleute investierten

Was aber hat eine Recyclingfirma mit Wertschriftenhandel zu tun? Zwei junge Geschäftsleute, die in der Anfangszeit in die Firma investiert hatten, verkauften offenbar Aktien über Mittelsmänner zu überrissenen Preisen an Drittpersonen weiter. Das haben bereits «K-Geld» und die «Weltwoche» berichtet.

Im aktuellen Urteil des Bundesgerichts heisst es nun dazu, dass die Aktien mit bis zum 550-Fachen ihres Werts weiterverkauft worden seien. Es geht insgesamt um Millionenbeträge, wobei unklar bleibt, wer im Detail wie viel Geld damit verdient hat. Klar ist: Ab November 2019 wurde einer der beiden jungen Geschäftsleute Verwaltungsratspräsident und blieb das bis heute.

Gegründet wurde die Firma 2015 noch unter anderem Namen: Recycling Services AG. Zwischenzeitlich kam es zu einer Abspaltung und dem Namen We Recycle AG. Die Adressen der Firmen sind aber identisch, das massgebliche Personal ebenfalls. Die Finma-Verfügung wurde mit dem Urteil des Bundesgerichts deshalb über beide Firmen verhängt.

Teilliquidation abgewiesen

Die Recyclingfirma versuchte das operative Recyclinggeschäft vor Bundesgericht mit dem Antrag auf eine Teilliquidation zu retten. Vergeblich. Eine solche komme nur infrage, wenn die Gesellschaft parallel auch eine erlaubte Tätigkeit von nicht untergeordneter Bedeutung ausübe, heisst es im Urteil.

Das Volumen des Aktienhandels habe die Erträge und Aufwände des Recyclinggeschäfts aber deutlich überstiegen. Zudem könnten die Finanzströme aus unrechtmässigen Quellen nicht mehr vom Recyclinggeschäft abgetrennt werden. Über Jahre hinweg habe in der Buchhaltung ein Chaos geherrscht.

Ausserdem konnte das Gericht offenbar nicht ausschliessen, dass künftig kein relevantes Risiko mehr besteht, «etwa aufgrund eines Wechsels in der Geschäftsleitung oder dem Verwaltungsrat». Kurz: Das Bundesgericht hält eine vollständige Liquidation der Recyclingfirma für verhältnismässig.

Was das für die Kunden bedeutet, ist unklar. Die Firma und der Verwaltungsratspräsident nahmen gegenüber dieser Redaktion keine Stellung und vertrösteten mehrmals auf einen späteren Zeitpunkt mit der Begründung «Arbeitsüberlastung».

Am späten Freitagabend folgte dann aber eine Stellungnahme auf der Firmenwebsite, man wolle «transparent» informieren. Das Unternehmen sei im Rahmen eines «verwaltungsrechtlichen Rechtsstreits» vorübergehend unter Zwangsverwaltung durch einen Liquidator gestellt worden. «Dadurch ist ein regulärer operativer Betrieb kurzfristig nicht möglich.» Zu keinem Zeitpunkt sei eine dauerhafte Einstellung der Dienstleistungen vorgesehen gewesen, sondern lediglich eine zeitlich begrenzte Unterbrechung.

Man habe vertragliche Lösungen erarbeitet zur Fortführung des Services, heisst es auf der Website weiter. «Unsere Dienstleistung wird mit demselben Team und Enthusiasmus weitergeführt, und es bestehen keine Zahlungsschwierigkeiten, die Ihre Aufträge oder Leistungen zukünftig beeinträchtigen würden.»

Der eingangs erwähnte Kunde aus Zürich bleibt verunsichert. «Wir haben volle Recyclingsäcke im Keller, aber keinen Plan, wann und wie es weitergeht.» Den Service hat der Haushalt bereits im Voraus bezahlt, jeweils für ein halbes Jahr.

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