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50 Jahre Bertschinger AG

Wie ein Einmannbetrieb zu einem florierenden Holzbauunternehmen wurde

Eine Gründung aus dem Zufall heraus und ein Name, der nicht mehr ganz passen will. Die Bertschinger Innenausbau AG feiert Geburtstag.

Matthias Bertschinger (links) kümmert sich um die Finanzen der Familien-AG, Raphael Bertschinger leitet die Bauprojekte.

Foto: Simon Grässle

Wie ein Einmannbetrieb zu einem florierenden Holzbauunternehmen wurde

50 Jahre Bertschinger Innenausbau AG

Begonnen hat alles im Jahr 1975 als Einmannbetrieb. Dieses Jahr feiert die Bertschinger Innenausbau AG in Bubikon ihr 50-Jahr-Jubiläum mit 80 Mitarbeitenden.

Bertschinger Innenausbau AG. Mit diesem Namen ist das Familienunternehmen aus Bubikon im Handelsregister eingetragen. «Ein Überbleibsel aus den Anfangszeiten», sagt Raphael Bertschinger, einer der drei Söhne von Urs Bertschinger, der die Firma im Jahr 1975 gegründet hatte.

Der Innenausbau ist heute einer von mehreren Geschäftszweigen des Unternehmens. «Wir sind ein Gesamtanbieter rund ums Thema Bauen mit Holz», sagt Geschäftsführer Harry Letsch und liefert die Konkretisierung gleich nach: «Unsere Angebotspalette reicht von der Reparatur einer Sockelleiste bis zur Planung und zum Bau eines ganzen Mehrfamilienhauses aus Holz.»

Um beim Beispiel zu bleiben: Ein solches Mehrfamilienhaus entsteht gerade rund 500 Meter vom Firmensitz entfernt, auf der anderen Seite der Gemeindegrenze in Tann: Auf drei Stöcken erstellt die Bertschinger Innenausbau AG einen Neubau ganz aus Holz mit drei grosszügigen Wohnungen. «Der Rohbau war in drei Tagen fertig», sagt Raphael Bertschinger. Die Bauteile für Fassade, Innenwände und Dach seien in der Zimmerei in Bubikon vorgefertigt worden. «Auf der Baustelle mussten wir die Elemente nur noch zusammenbauen – fast wie Lego-Steine.»

80 Mitarbeitende beschäftigt die Bertschinger Innenausbau AG heute: Schreiner und Zimmerleute, aber auch Innenausbauplaner und Architekten. Dazu kommen 14 Lernende in den Berufen Schreiner/in und Zimmermann/-frau. Daran dürfte Urs Bertschinger kaum gedacht haben, als er sich im Jahr 1975 in Tann selbständig gemacht hatte.

Das geschah im Jahr 1975

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BMW bringt die erste Generation des 3ers auf den Markt, Mercedes den legendären, weil extrem langlebigen W 123. In knapp zehn Jahren sollten fast 2,7 Millionen W 123 aus den Werkshallen fahren – bis heute Mercedes-Rekord. Der 3er-BMW existiert bis heute.

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«Unser Vater war Angestellter in einer kleinen Firma, deren Inhaber plötzlich nicht mehr auftauchte», erzählt Sohn Raphael. Was aber noch da war: Werkzeug und ein Lieferwagen. Urs Bertschinger packte die Gelegenheit beim Schopf und die Werkzeuge ins Auto und machte auf eigene Faust weiter.

In einem Keller in Tann richtete er seine erste Werkstatt ein, doch bald wurde der Platz zu knapp. Mehrmals zog der Gründer mit seinem wachsenden Betrieb innerhalb von Tann um, ehe er 1982 im Industriegebiet Schwarz in Bubikon die Lagerhalle einer ehemaligen Baumwollfabrik erwerben konnte.

Er baute die Halle zu einer Schreinerei um, die bis heute der Firmensitz des Unternehmens ist. Schon 1985 bot Bertschinger erstmals Architekturleistungen an – und wurde mit diesem Schritt zum Gesamtanbieter inklusive Holzbau.

Künstler, Sammler, Unternehmer, Lebemann

Urs Bertschinger war ein Mann mit vielen Facetten. Er war Unternehmer, er war aber auch Künstler, Sammler, Mäzen, Geniesser und sicher auch ein Stück weit Philosoph. «Man wird nie ganz erwachsen, auch wenn man älter und reifer wird und anders spielt als früher.» So wird er auf der Website des Klang-Maschinen-Museums Dürnten zitiert.

In der ehemaligen Seidenfabrik ist seine frühere Sammlung an mechanischen Musikautomaten ausgestellt – von kleinen Zylindermusikdosen bis zu riesigen Jahrmarkts- und Konzertorgeln. Ein wunderbarer, poetischer Ort, der bis heute die Handschrift seines Gründers trägt.

Ein bärtiger Mann mit langen Locken steht unter einem gelb-blauen Regenschirm.
Unternehmer, Künstler, Sammler, Unikum: Urs Bertschinger im Jahr 2013. (Archiv)

Urs Bertschinger gestaltete Kunstperformances als Grossproduktionen mit grandioser Kulisse, Feuerwerk und mechanischen Maschinen. Er verstarb am 24. Mai 2018 völlig unerwartet mit erst 66 Jahren an Herzversagen. Aus dem Unternehmen hatte er sich zu diesem Zeitpunkt zwar schon weitgehend zurückgezogen, aber er hatte noch viele Pläne, Projekte und Träume. Sein Vermächtnis ist bis heute präsent und wird es noch lange bleiben.

Dieser unternehmerische Entscheid ist kein gut gehütetes Betriebsgeheimnis, aber sicher einer der Gründe für den Erfolg. «Wir bieten alles aus einer Hand. Das erleichtert die Koordination», erklärt Raphael Bertschinger. «Da wir selbst planen, haben wir auch die Umsetzung im Griff. Und: Unsere Kundinnen und Kunden haben einen einzigen Ansprechpartner.» Als willkommener Nebeneffekt bleibt die gesamte Wertschöpfungskette innerhalb der Firma.

Bauen mit Holz ist eine Antwort auf die Frage nach der Nachhaltigkeit in der Baubranche. Die Beispiele sind mittlerweile zahlreich: So plant die UBS beim Bahnhof Zürich-Altstetten einen 108 Meter hohen Büroturm in einer hybriden Holz-Beton-Bauweise. Auch der siebenstöckige Hauptsitz der TX Group beim Stauffacher in Zürich wird von einer Holzkonstruktion getragen.

«Für solche Grossprojekte sind wir eine Nummer zu klein», sagt Harry Letsch. «Aber eines ist klar: Dem Holzbau gehört die Zukunft, unabhängig vom Massstab.» Denn Holz als nachwachsende Ressource hilft Bauherren, ihren CO2-Fussabdruck zu reduzieren.

Nachhaltig unterwegs und regional verankert

Ihre Kundschaft findet die Bertschinger Innenausbau AG im Grossraum zwischen Rapperswil und Zürich. «Wir sind wirklich sehr regional», sagt Raphael Bertschinger: «Manchmal denke ich schon, dass das Potenzial in diesem doch recht engen Radius allmählich ausgeschöpft ist. Aber dann kommen Kunden, die zehn Jahre nach einem Umbau etwas anpassen möchten. Oder deren Kinder und Erben klopfen an, weil ihre Eltern schon Kunden von uns waren.»

Es sei genau das, was man anstrebe: eine langfristige, vertrauensvolle Beziehung. Das helfe bei der Akquisition. Der Kundenstamm besteht grösstenteils aus privaten Liegenschaftsbesitzern und aus Firmen. An Ausschreibungen nehme man wenig teil, sagt Geschäftsführer Letsch. Das habe einerseits mit dem Fokus der Firma zu tun, der grosse Bauprojekte ausschliesse. «Zudem läuft bei Ausschreibungen zu viel über den Preis – mit Abstrichen in der Qualität.»

Familien-AG plus

Die Bertschinger Innenausbau AG kann heute als Familien-AG plus bezeichnet werden. Die Aktienmehrheit halten Patrik (50), Raphael (45) und Matthias Bertschinger (42). Doch der Kreis der Aktionäre umfasst auch mehrere leitende Angestellte, die am Unternehmen beteiligt sind.

Patrik ist Präsident des Verwaltungsrats. Operativ ist er nicht tätig, er arbeitet als selbständiger Grafiker in der Innerschweiz. Matthias ist Finanzchef der Firma, Raphael leitet Bauprojekte.

Eine Säge oder einen Hammer nimmt keiner der drei Brüder in die Hand. «Wir sind allesamt nicht sehr talentierte Schreiner», sagt Raphael Bertschinger mit einem lauten Lachen.

Tag der offenen Tür am 13. September

Die Bertschinger Innenausbau AG feiert ihr 50-jähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür am 13. September von 10 bis 16 Uhr.

Interessierte erhalten auf geführten Rundgängen Einblicke in die Produktion. Verschiedene Foodtrucks sorgen für kulinarische Genüsse, untermalt von Livemusik in entspannter Atmosphäre. Für Unterhaltung sorgen unter anderem das Harassenstapeln, ein Karussell sowie ein Fotobus. Gross und Klein sollen auf ihre Kosten kommen.


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