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Neuartige Recycling-Baumwolle und was Fehraltorf damit zu tun hat

Drei Schweizer Unternehmen denken die Produktion von Baumwollstoffen neu. Mittendrin die Schellenberg Textildruck AG in Fehraltorf.

Urs Schellenberg vor einer Maschine, die Baumwollstoffe bedruckt: Der Textilingenieur leitet das Familienunternehmen in der dritten Generation.

Foto: Sandro Compagno

Neuartige Recycling-Baumwolle und was Fehraltorf damit zu tun hat

Innovatives Projekt

Die E. Schellenberg Textildruck AG in Fehraltorf ist auf Färben, Bedrucken und Veredeln von Textilien spezialisiert. Die Firma ist Teil eines spannenden, vielleicht sogar wegweisenden Recycling-Projekts.

Die PR-Schreiber des Ostschweizer Wäscheherstellers ISA Sallmann AG verkünden einen «Meilenstein in der Textilwelt». Die Ankündigung liest sich vollmundig, wenngleich sich dieser Meilenstein anschliessend sehr technisch und prosaisch «RCO100» nennt und nichts anderes ist als ein Baumwollstoff. Doch der hat es in sich, denn er besteht zu 100 Prozent aus rezyklierter Baumwolle. «R» steht für Recycling, «CO» für Cotton und «100», nun ja.

Um mit der PR-Wortwahl fortzufahren: «Innovation, höchste Qualität, Luxus und Nachhaltigkeit» würden perfekt miteinander vereint, steht in der Medienmitteilung, die vor einigen Tagen verschickt wurde. Beteiligt am Projekt sind drei Schweizer Traditionsfirmen: neben ISA Sallmann, die Säntis Textiles AG und die E. Schellenberg Textildruck AG in Fehraltorf.

«Eine technische Meisterleistung»

Ortstermin bei Urs Schellenberg in Fehraltorf: Was hat es auf sich mit dieser anscheinend so bahnbrechenden Innovation? Der Inhaber und Geschäftsführer der gleichnamigen Textildruckerei wedelt mit einigen bunten Stoffmustern, seine Begeisterung ist hörbar: «Es ist eine technische Meisterleistung, aus zu 100 Prozent rezykliertem Garn eine solche Qualität zu produzieren. Dieser Stoff ist eine echte Schweizer Innovation.»

Textilien, die 20 oder 25 Prozent Recycling-Garn enthalten, seien nichts Neues, sagt Schellenberg: «Aber damit setzen wir einen ganz neuen Standard.»

Urs Schellenberg zeigt Musterstoffe aus rezyklierter Baumwolle.
«Qualitativ absolut top»: Urs Schellenberg mit einigen Mustern aus RCO100 in der Produktion in Fehraltorf.

Der Firmenchef hält ein Stück Recycling-Baumwolle gegen eine Lampe. «Qualitativ ist der Stoff absolut top. Nur wenn wir ganz feine Gewebe produzieren würden, beispielsweise für leichte Sommerblusen, dann könnte man ein Flackern erkennen», erklärt Schellenberg. Als «Flackern» werden leichte Unregelmässigkeiten im Stoff bezeichnet. «Bei etwas weniger feinen Stoffen erkennt man keinen Unterschied zwischen dem Recyclingmaterial und einem Stoff, der aus frischer Baumwolle produziert wurde. Auch nach x-mal waschen nicht.»

Der Stoff ist marktreif

ISA will aus der rezyklierten Baumwolle sogenannte «Loungewear» produzieren, Pyjamas oder bequeme Hausanzüge. Vor drei Jahren habe man gemeinsam mit der Säntis Textiles AG die ersten Gehversuche unternommen, erzählt Schellenberg: «Jetzt ist das Produkt marktreif.»

Der Prozess beginnt in der Fabrik von Säntis Textiles in der Südtürkei. Sie steht in der Nähe von Gaziantep, einem Zentrum der türkischen (und damit auch europäischen) Textilindustrie. Aus den hier bei der Produktion von Kleidern anfallenden Stoffresten stellt Säntis neue Fasern her. Die Herausforderung besteht darin, dass rezyklierte Fasern kürzer und weniger reissfest sind als Fasern aus frischer Baumwolle.

Mit der neuen Technologie ist es gelungen, aus Recyclingmaterial wieder hochwertiges Garn zu gewinnen. Versponnen werden die Baumwollfasern auf Maschinen von Rieter aus Winterthur.

Das so gewonnene Garn wird anschliessend in die Schweiz gebracht und in Amriswil TG bei ISA Sallmann zu Stoff verstrickt. Dann kommt Urs Schellenberg ins Spiel: Auf seinen Maschinen in Fehraltorf wird der Stoff gefärbt und veredelt.

Noch ist RCO100 ein Nischenprodukt. Rund 7 bis 8 Millionen Meter Stoff färbt Schellenberg pro Jahr. 120 Mitarbeitende sind in Fehraltorf beschäftigt, der Jahresumsatz des Unternehmens liegt bei über 40 Millionen Franken. Zu den Kunden zählen neben ISA weitere bekannte Marken wie Calida, Zimmerli, Akris, Lacoste, Hermes oder Derek Rose. Auch für die Schweizer Armee druckt und färbt Schellenberg – beispielsweise den jedem und jeder Armeeangehörigen bekannten Tarnanzug.

Verarbeitet werde nach höchsten ökologischen Standards, sagt Urs Schellenberg, der das Unternehmen in der dritten Generation führt: «Wir benötigen nur 50 Prozent des Wassers, das eine Textildruckerei durchschnittlich benötigt. Bevor das Abwasser in die örtliche Kläranlage kommt, wird es bei uns auf dem Areal vorgeklärt. Und geheizt wird mit Biogas und damit unter dem Strich CO2-neutral.»

Eine stattliche Anzahl an Zertifikaten und Diplomen beim Haupteingang des Firmengeländes belegt das Engagement des Unternehmens für mehr Nachhaltigkeit. Schellenberg: «Wir betreiben kein Greenwashing.»

Der neue Recyclingstoff falle derzeit weder von den Mengen noch von den Erträgen ins Gewicht, sagt Schellenberg: «Wir starten mit kleinen Mengen. Zuerst wollen wir bei Konsumenten und Marken Vertrauen schaffen und ihnen zeigen, dass die Stoffe aus RC100 den Stoffen aus frischer Baumwolle ebenbürtig sind.»

Von Fehraltorf aus starten die gefärbten Stoffe ihre nächste Reise: In der ISA-Produktionsstätte in Portugal erfolgen Zuschnitt und Konfektion der Textilien, die anschliessend als qualitativ hochstehende «Loungewear» in die Läden kommt. Die neue Kollektion soll im kommenden Herbst in diversen Mode- und Warenhäusern in der Schweiz und Europa erhältlich sein – und zwar zu absolut konkurrenzfähigen Preisen.

Die Textilproduktion in die Schweiz zurückholen

Danach beginnt der Kreislauf aufs Neue: Schnittreste aus der Produktion und ausgediente Kleidungsstücke werden gesammelt und fliessen erneut in den Recyclingprozess ein. Dieser soll dereinst in der Schweiz stattfinden. Der Altkleidersammler Tell-Tex baut in St. Margrethen SG eine Anlage, mit der erstmals auf industriellem Niveau die Sammelware vollautomatisch sortiert und anschliessend mechanisch recycelt werden kann.

Die Säntis Textiles AG ist als Partner am Projekt beteiligt, 2026 soll die Anlage in Betrieb gehen. «Unser Ziel ist es, diesen Recyclingprozess in die Schweiz zu holen», sagt Urs Schellenberg und erklärt: «2016 hat mit Bühler die letzte Baumwollspinnerei in der Schweiz den Betrieb eingestellt. Wir wollen der Abwanderung der Industrie aus der Schweiz entgegenwirken und damit auch die Arbeitsplätze und die Innovation im Land behalten.»

Das wäre dann ein weiterer Meilenstein in der Textilindustrie.

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