Unternehmergeist im Wandel der Zeit: Die Sägerei Bühler in Steinen
Sägereien im Tösstal
Die Geschichte der Sägerei Bühler in Steinen ist die Geschichte einer Familie, die Unternehmergeist, Erfindungsreichtum und Anpassungsfähigkeit bewies.
1836 gründete Hans Jacob Bosshard (1793–1840) in Steinen eine Sägerei und baute dafür ein Sägegebäude mit einem 3,6 Meter hohen oberschlächtigen Wasserrad. Später verlegte er das Wehr im Steinenbach zirka 150 Meter talaufwärts. Das Wasser gelangte durch einen Zulaufkanal nach dem Widenbach und mit diesem vereinigt auf das Wasserrad.
Wieso eine Sägerei? In diesem Jahrzehnt befand sich der Kanton Zürich im Aufbruch: Gewerbefreiheit, neue Schule, liberale Regierung und die Eindämmung des Einflusses der Kirche. Grund genug für aktive Unternehmer, ihr Glück als Selbständige zu suchen.
Für eine Säge gab es im Steinenbachtal genug weitere Gründe: Die Nachfrage nach Holz für Häuser, Brücken, Möbel, Webmaschinen und Heizungen sowie Kochen war gross, und das Rohmaterial stand sozusagen vor der Türe.
Vielfältige Aufgaben
1848 kaufte Heinrich Bühler (1815–1884) das Sägegebäude. Der jüngste Sohn Emil Bühler (1862–1936) übernahm 1884 die Sägerei und baute die Werkstatt seines Vaters zu einem Wohnhaus mit Werkstätte und Laden aus. Emil Bühler arbeitete nicht nur als Säger (Holz schneiden und fräsen), sondern auch als Schreiner, Zimmermann, Fenster- und Spiegelbauer, Handlanger, Fuhrmann, Händler, Pöstler, Moster, Schnapsbrenner, Schleifer und führte Reparaturen aller Art aus.
Kunden waren Handwerker, Fabriken, Baugeschäfte, Sägereien, Holz- und Kohlenhandlungen, Kleinbauern und Privatpersonen. Diese kamen zunächst nur aus der näheren Region inklusive Thurgau, ab 1912 aber auch aus der Region Winterthur. Nebenbei führte die Familie einen kleinen Bauernbetrieb. Die Sägerei verkaufte vor allem Bretter, Latten, Schwarten und Sägespäne.
Emil Bühler erneuerte die Antriebstechnik seiner Sägerei. Zwischen 1903 und 1915 liess er auf Thurgauer Boden einen Säge-Weiher am Widenbach erstellen und 1909 eine Francis-Turbine (von Rieter) zusammen mit einem Anbau und einer eisernen Druckleitung vom Weiher über den Steinenbach einbauen. 1916 schaffte er einen Strommotor und eine Transportschiene mit Wagen an.
Mit Letzterer konnte er über den Steinenbach und die Steinenbachstrasse seine Bretter auf die andere Strassenseite zu einem dortigen Bretterlager transportieren, denn direkt vor der Sägerei hatte es nur wenig Platz. Für die Einführung der dafür nötigen Elektrizität im Steinenbachtal 1915 war er die wichtigste Person: Er amtete als Präsident der Elektrizitätsgenossenschaft Steinenbach-Schmidrüti-Sitzberg.
Immer noch Konzession für den Weiher
Der ältere Sohn, Emil Bühler-Vontobel (1886–1969), arbeitete als Säger, Drechsler, Zimmermann, Moster und Schreiner. 1927 kaufte er seinem Vater das Sägegebäude und das Wohngebäude mit Laden ab und erbte 1936 nach dem Tod des Vaters ein zweites Wohnhaus.

Als Säger bestand seine Arbeit aus Schneiden, Fräsen, Abführen (transportieren), Schlitzen und Hobeln. Seine Produkte waren Dachlatten, Bretter, Schwartenholz, Bauholz, Sägemehl usw. Die Kundschaft kam wie bei seinem Vater in erster Linie aus der näheren Region, aber auch aus dem Thurgau, aus Winterthur und sogar aus Zürich.
Mit 71 Jahren gab Emil Bühler-Vontobel 1957 den Sägebetrieb aus Altersgründen auf. Zusammen mit seiner Frau Martha hatte er zwei Töchter: Nelly (1918–1997) heiratete 1944 den Postboten Otto Peter (1917–1984) und Marta (1920–2013) heiratete 1948 den Korb-Fabrikantensohn Werner Gubler (1909–1993).

Auf das Zürcher Wasserrecht am Steinenbach verzichtete Nelly Peter-Bühler 1986, auf das Thurgauer Wasserrecht 1979. Die Konzession für den Weiher – nun Biotop und Fischweiher – besitzt die Familie Peter heute noch.
Ein zweites Standbein
Zwischen 1884 und 1985 führte die Familie Bühler ergänzend zur Sägerei einen kleinen Laden in Steinen. Nacheinander betreuten diesen Luise, Anna, Martha und Nelly Bühler. 1899 verkaufte man Eisenwaren (z. B. Nägel), Wolle, Baumwolle, Mercerie, Silber, Bürsten und Glaswaren. Der Laden war ein Gemischtwarenladen und hatte zwar eine eigene Buchhaltung, vieles wurde aber im Sinne von Gegenrechnungen im «Hauptbuch» der Sägerei verrechnet.
Man verkaufte auch Besen- und Schaufelstiele, Zigarren, Spezereien, Zucker, Wein, Obst, Tierfutter, Petroleum (in Fässern), Maschinenöl (in Korbflaschen), Weberlampen, Zementsäcke, Lampen, Sicherungspatronen, Sägen, Draht, Schuhe, Käse, Fleisch, Kartoffeln und Runkeln (Futterrüben).

Die Waren erreichten den Laden über unterschiedliche Wege, beispielsweise die Schweizerische Handelsgesellschaft (SHG). Einmal in der Woche kam deren Lastwagen und brachte die Ware. Käse verkaufte Nelly Peter-Bühler von der Käserei im oberen Steinenbachtal. Sie führte den Laden nur nebenbei und holte auch selber Waren in Winterthur oder Fehraltorf.
Der Laden erhielt zunehmend Konkurrenz vom Migros-Wagen, und die bessere Mobilität nach dem Zweiten Weltkrieg machte das Einkaufen anderswo attraktiv. Kurz vor der Schliessung 1985 hatte der Laden noch etwa sieben bis zehn Kunden und war nur noch am Freitagabend geöffnet.
Wilemer Sägerei-Geschichte
Das Ortsmuseum Wila zeigt die Ausstellung «Wasser, Holz und Geschäftssinn – Die Sägereien Bühler, Dübendorfer
und Bachmann in Wila». Das Tösstal liefert seit Jahrhunderten Holz für verschiedene Zwecke, der Standort war und ist für Sägereien günstig. In der Ausstellung erzählen ein Verband und drei Familien von Sägerschicksalen, Nebengewerben und vom beruflichen Überleben.
Bis im April kann die Ausstellung an jedem ersten Sonntag im Monat jeweils von 14 bis 16 Uhr besichtigt werden. Am Samstag, 1. Februar 2025, findet zudem von 14 bis 15.30 Uhr eine Führung in der Sägerei Bachmann statt.
In einer losen Serie stellt Wolfgang Wahl die drei Säger-Familien und den Verband der Leserschaft vor.
