Abo

Wirtschaft

Diesen Landwirten aus Turbenthal greifen Roboter unter die Arme

Der technische Fortschritt hält auch in der Landwirtschaft Einzug. Systeme, die mitdenken, vereinfachen den bäuerlichen Alltag. Aber sie bringen auch neue Abhängigkeiten mit sich.

Stephanie Lanter und Reto Bieri betreiben zusammen Bieris elterlichen Hof im Turbenthaler Weiler Käfer.

Foto: Noah Salvetti

Diesen Landwirten aus Turbenthal greifen Roboter unter die Arme

Automatisierung auf Bauernhöfen

Seit einem Jahr teilen sich Reto Bieri und Stephanie Lanter die Arbeitslast auf ihrem Hof mit zwei Robotern. Das birgt viele Vorteile, aber auch Gefahren, vor denen man sich in der Landwirtschaft bisher nicht hüten musste.

Turbenthal, knapp 800 Meter über Meer. Wer hier oben Landwirtschaft betreibt, tut dies noch wie zu Gotthelfs Zeiten von Hand und auf dem einbeinigen Melchstuhl – könnte man meinen. Doch wer sich das so ausmalt, liegt daneben.

Wie weit daneben, dafür liefern Reto Bieri und seine Partnerin Stephanie Lanter ein Beispiel. Mithilfe modernster Technik hat Bieri den Stall des Chäferhofs vom klassischen Anbindestall zum Freilaufstall umgewandelt und ausgebaut. Anstelle eines fest zugewiesenen Platzes entscheiden die Kühe nun selbst, wo sie sich aufhalten wollen – und auch, wann sie gemolken werden wollen.

Vor etwas mehr als einem Jahr haben die 30 Milchkühe den umgebauten Stall bezogen. Dass er nach der Übernahme des elterlichen Betriebs etwas ändern würde, war dem Landwirt klar. Nicht aber, dass der Schritt dann so gross ausfällt.

Für den Arbeitsablauf des Landwirtepaars bedeutet das: Statt dass der Landwirt mit der Melkmaschine von Tier zu Tier geht, bewegen sich die Kühe selbständig zur Melkstation. So weit, so simpel: Diese Art zu melken ist inzwischen weit verbreitet.

Ein Gesundheitstracker für die Kuh

«Was wir haben, ist quasi bereits die übernächste Generation», sagt Reto Bieri. Anders als bei den klassischen Melkständen, bei denen der Landwirt das Melksystem noch selbst anhängen muss, ist das bei Bieri nicht mehr nötig. Ein Roboter mit dem futuristisch anmutenden Namen Astronaut putzt die Euter und dockt automatisch an der Kuh an.

Dahinter steckt keine Raketenwissenschaft, ausgeklügelt ist das System aber allemal: Wann immer eine Kuh gemolken werden will, bewegt sie sich in eine Art Schleuse. Anhand eines Sensors am Halsband erkennt der Roboter, um welche Kuh es sich handelt, wie oft sie bereits gemolken wurde und wie lange der Melkvorgang voraussichtlich dauern wird.

Aber auch die aktuelle Laktationsperiode – wie oft die Kuh also schon gekalbt hat – und Gesundheitsdaten sind in der Datenbank gespeichert. «Zuvor habe ich die nötigen Daten manuell in einer App erfasst», erklärt der 33-Jährige.

Das System kombiniert diese Daten. Dies ermöglicht Rückschlüsse auf die Gesundheit der Kuh. «Wenn eine Kuh krank ist, merkt man das oft als Erstes am Fressverhalten, oder weil sie weniger Milch gibt.» Sobald der Sensor am Hals das registriert, erhält Bieri eine Meldung auf PC und Handy.

Im Beispiel von Liana, die gerade die Schleuse betritt, dauert der Melkvorgang rund zwölf Minuten. «Das ist jetzt verhältnismässig lange.» Der Clou: Will eine Kuh öfters gemolken werden als vorgesehen, wird sie gesperrt, und der Roboter beginnt gar nicht erst zu arbeiten. Entsprechend gibt es für die Kuh auch nichts von dem Lockfutter, das beim Melken als «Belohnung» dient.

So funktioniert der Melkroboter auf dem «Chäferhof».

Bei Bieri darf jede Kuh nämlich höchstens dreimal pro 24 Stunden ihre Milch abliefern, damit diese später als Käsereimilch verwendet werden kann. Eine Vorschrift, die dafür sorgen soll, dass die Milch einen genügend hohen Fettanteil fürs Käsen aufweist.

Fortschritt bringt neue Abhängigkeiten

Neben dem Melkroboter kommt im modernisierten und ausgebauten Stall des Chäferhofs ein Mistsauger zum Einsatz, also eine Art bäuerliches Pendant zum heimischen Staubsaugerroboter. Auch diesen kann der Landwirt mithilfe einer App steuern.

Gefüttert wird mit einem Futterband. Dieses befindet sich dort, wo man normalerweise mit einem Traktor entlangfahren würde, um das Futter zu verteilen. «So konnten wir rund drei Meter Platz einsparen», sagt Bieri.

Die Technisierung in seinem Kuhstall mache seinen Alltag «ringer», sagt Bieri. Das bringe vor allem mehr Flexibilität, etwa beim Melken. Oder wie es Partnerin Lanter ausdrückt: «Verschlafen ist nicht mehr so schlimm, denn wenn um 7 Uhr der Milchlaster vorfährt, ist die Milch schon im Tank.» Abends bleibt dafür mehr Zeit für Vereinsaktivitäten – Bieri engagiert sich unter anderem in der Feuerwehr Turbenthal-Wila-Wildberg, Lanter im Schwingklub Winterthur.

Doch: Mehr technische Systeme, das bedeutet auch mehr Abhängigkeit von ebendiesen. «Solange alles funktioniert, sind die Lösungen sehr gut», sagt Bieri, «aber wenn zum Beispiel das Futterband ausfällt, kann ich meine Kühe kaum füttern.»

In diesem Fall müsste der Landwirt das Heu in mühsamer Handarbeit in dem schmalen, 40 Meter langen Gang verteilen. Ein potenzielles Sicherheitsrisiko birgt auch der Melkroboter, wie der Fall eines gehackten Melkroboters aus der Zentralschweiz zeigt, der diesen Sommer Schlagzeilen machte.

«Davor habe ich keine Angst», betont Bieri. Schliesslich gebe es heute kaum mehr Bereiche, in denen man nicht angreifbar sei. An eine Vorsichtsmassnahme hält er sich dennoch: Auf dem Stallcomputer, auf dem die Software des Roboters läuft, sind private Anwendungen tabu.

Umbau ist ein «enormer Lupf»

Die Umstellung auf den Betrieb mit Freilaufstall und Melkroboter verlief für Bieri und Lanter «erstaunlich einfach». So hätten sich die meisten Tiere innert weniger Tage an den neuen Ablauf gewöhnt.

Während der gut achtmonatigen Umbauphase waren die Kühe in einem Hof in Wila untergekommen, der die Milchwirtschaft aufgegeben hatte. Bieri durfte ihn als Zwischenstation nutzen.

Nicht zu unterschätzen ist dagegen der finanzielle Aufwand, den der Umbau mit sich bringt. Über eine Million Franken hat er gekostet – finanziert mithilfe einer Hypothek, eines Darlehens der Landwirtschaftlichen Kreditkasse und von Fördergeldern der Berghilfe. «Man läuft ganz klar am Limit nach so einem Umbau», sagt Bieri.

Für ihn ist denn auch klar: Es ist ein Generationenprojekt, vielleicht gar der einzige grössere Umbau, den er durchführt, denn: «Je früher ich eine solche Investition mache, desto eher kann ich im höheren Alter einen gesunden, wenig verschuldeten Betrieb weitergeben.»

Jeder zehnte Milchviehbetrieb nutzt Roboter

Der Trend hin zu mehr Hof-Automatisierung zeigt sich auch in den Zahlen. Laut Matthias Schick, dem Bereichsleiter Tierhaltung und Milchwirtschaft am Strickhof in Lindau, kommen schweizweit bereits in 10 bis 12 Prozent aller Betriebe Melkroboter oder weitere Automatisierungstechniken zum Einsatz. Im Kanton Zürich sind es gar 15 Prozent. «Der Trend ist deutlich erkennbar und wird in Milchviehbetrieben, aber auch in der Schweine- und Geflügelhaltung allmählich zur Norm», sagt Schick. Am weitesten verbreitet sind neben Melkrobotern Systeme zur automatischen Fütterung oder zur Klimasteuerung im Stall.

Auch in den Beratungen, die der Strickhof anbiete, sei das jeweils ein Thema – etwa bei Hofübergaben. «Insbesondere ältere Landwirte haben zunehmend Mühe, sich mit modernen Techniken auseinanderzusetzen», sagt Schick. «Für viele Jüngere ist dagegen der Technikeinsatz ein Standard, und sie möchten weniger Handarbeit.»

Bezüglich Sicherheit hält Schick fest, dass sie auch in der Landwirtschaft immer wichtiger wird. Das zeige sich auch in der Anzahl Beratungsanfragen. Konkret empfiehlt der Strickhof neben sicheren Passwörtern und Vorsicht im Umgang mit dubiosen E-Mails, den Stallcomputer mit der Steuerung von Melkrobotern und Co. von übrigen Systemen zu trennen.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.