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Wirtschaft

Gastro-Neulinge verlassen das Sticki Kaffee

Patrick und Tiziana Bernheim haben ihren Traum gelebt. Gescheitert sind sie mitnichten – gerechnet hat sich ihr Geschäft aber auch nicht. Ihr Fazit? Überraschend.

Patrick und Tiziana Bernheim kurz vor der Eröffnung des Sticki Kaffee im September 2022.

Foto: Noah Salvetti

Gastro-Neulinge verlassen das Sticki Kaffee

Café in Turbenthal

Aus wirtschaftlichen Gründen stellen Patrick und Tiziana Bernheim den Betrieb per Ende Jahr ein. Weil der Pachtvertrag noch bis 2027 läuft, suchen sie nun Nachfolger.

Jonas Gabrieli

In der ehemaligen Stickerei beim Bahnhof Turbenthal haben Tiziana und Patrick Bernheim eine kleine italienische Insel erschaffen. Statt Mandelgipfel oder Cremeschnitte gibt es Dolci wie in Italien: Sfogliatelle, Panna Cotta oder Tiramisù. Hinter dem Tresen thront eine Cimbali-Kolbenmaschine. «Bester Kaffee in der Ostschweiz», lobte ein Aadorfer kurz nach der Eröffnung vor zwei Jahren auf Tripadvisor.

Tiziana Bernheim begann damals zusammen mit drei Angestellten im Stundenlohn das Abenteuer Sticki Kaffee. Ehemann Patrick half am Abend und an den Wochenenden aus. Nun haben sie ihre Gäste informiert, dass sie am Turbenthaler Weihnachtsmarkt vom 14. Dezember zum letzten Mal geöffnet haben werden.

«Müssen Reissleine ziehen»

Der Grund sei wirtschaftlicher Natur, sagt Patrick Bernheim. «Uns war bewusst, dass es hart wird und wir am Anfang investieren müssen. Aber die Hoffnung war da, im zweiten Jahr langsam in die schwarzen Zahlen zu kommen.» Ihr Konzept sei aber nicht aufgegangen. «Deshalb müssen wir nun die Reissleine ziehen.»

Grundsätzlich laufe der Betrieb zwar gut, es fehle aber die Laufkundschaft. Allgemein, so die Beobachtung Bernheims, sei es bei den jungen Menschen nicht besonders im Trend, Kaffee trinken zu gehen. «Auch das Essverhalten über Mittag hat sich unserem Empfinden nach eher in Richtung Sandwich verändert.»

Bernheims waren Gastro-Neulinge, er stammt aus der Versicherungs-, sie aus der Modebranche. «Wir waren vielleicht ein bisschen blauäugig, aber ein solches Café war schon immer ein grosser Traum von uns.» Da das Café ohne Küche auskommt, schien ihnen die Herausforderung machbar.

Das Sticki Kaffee existiert seit dem Umbau der ehemaligen Stickerei im Jahr 2012 und ist im Besitz der Boller Winkler AG. In den ersten zehn Jahren war es von Beatrix Boller geführt worden. Nach einem fünfmonatigen Leerstand übernahmen Bernheims den Betrieb. Sie leben seit rund acht Jahren in einer Wohnung in der «Sticki».

Nachfolge gesucht

Mit viel Herzblut und Leidenschaft habe man das Café geführt, sagt Patrick Bernheim. «Umso trauriger ist es nun, schliessen zu müssen.» Es sei eine tolle Erfahrung gewesen. «Wir haben es probiert und laut dem Grossteil unserer Gäste auch sehr gut gemacht.»

Am Ende habe es an der Wirtschaftlichkeit, sicher aber nicht an ihrer Freundlichkeit gefehlt. Da das Paar einen fünfjährigen Pachtvertrag unterschrieben hat, sind sie nun auf der Suche nach Nachfolgern.

Sticki Kaffee Turbenthal, vor Wiedereroeffnung, 1. bis 3. September 2022
Das ehemalige Stickereigebäude befindet sich unweit des Bahnhofs Turbenthal und wurde 2012 umgebaut.

Die Boller Winkler AG werde Bernheims dabei natürlich unterstützen, sagt CEO Moritz Boller. «Ein Gastroangebot im ‹Sticki› ist weiterhin gewünscht.» Er zeigt sich überzeugt, dass Turbenthal das Potenzial für ein Sticki Kaffee bietet.

«Das allgemeine Beizensterben in Turbenthal kann eine zusätzliche Chance sein.» Ob der über zehnjährige Betrieb von Stiefmutter Beatrix Boller rentabel war, kann Moritz Boller nicht sagen. «Wir sind reine Vermieter und wir sehen nicht in die Bücher unserer Mieter.» Der Pachtzins sei vonseiten Bernheims aber nie ein Thema gewesen.

Die Boller Winkler AG verwaltet vor allem Wohnungen und mit dem Sticki Kaffee nur ein Lokal. «Wir sind also keine Experten in der Gastronomie.» Man sei deshalb auch offen für alternative Konzepte. Klar sei aber, dass man angesichts des historischen Gebäudes eine gewisse Qualität erwarte. Zudem müsse man auch auf die Bewohnerinnen und Bewohner der «Sticki» sowie die eingemieteten Praxen Rücksicht nehmen.

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