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Verschwinden die kleinen Publikumsmessen?

Regionale Publikumsmessen haben es schwer. Wodurch unterscheiden sich erfolgreiche von erfolglosen Messen?

Rund 31’000 Besucherinnen und Besucher zählte die ZOM 2024. Früher waren es deutlich mehr. (Archiv)

Foto: PD

Verschwinden die kleinen Publikumsmessen?

Messen am Scheideweg

Die ZOM in Wetzikon erholt sich von den Covid-Jahren. Doch für lokale Gewerbemessen wie diejenigen in Pfäffikon und Uster wird die Luft immer dünner.

«Uster Messe 2024 abgesagt.» So steht es auf der Website des organisierenden Vereins. Und: «Schweren Herzens müssen wir die Uster Messe 2024 absagen. Wir bedauern diesen Entscheid und bedanken uns für Ihr Verständnis.»

Dieselbe Botschaft auf der Website der Pfäffiker Mäss: «ABGESAGT!!! Die Pfäffiker Mäss 2024 muss leider abgesagt werden!», vermelden die Organisatoren in Versalien und mit vielen Ausrufezeichen.

Zu wenige Aussteller

Die beiden lokalen Gewerbeschauen hätten im November stattfinden sollen. Die Gründe für die Absagen sind identisch: zu wenige Aussteller. «60 Anmeldungen wären das Minimum, um die Messe kostendeckend durchführen zu können. Bis jetzt hatten wir knapp die Hälfte davon», sagt Maggie Bucher-Heer vom Verein Uster Messe.

2019 hatte die Messe in der Ustermer Landihalle zum letzten Mal stattgefunden. Auf der Ausstellerliste fanden sich 75 Unternehmen – von A wie Active Fitness bis Z wie Zumstein Insektengitter.

Die Pfäffiker Mäss gibt es traditionell alle drei Jahre. Da die Messe schon 2021 wegen der Covid-Pandemie abgesagt werden musste, fand sie letztmals vor sechs Jahren statt. Damals hatten 60 Aussteller in der Sporthalle Mettlen ihre Produkte und Dienstleistungen präsentiert.

«Dieses Jahr konnten wir nur rund 60 Prozent der Ausstellungsfläche vermieten», sagt OK-Präsident Stefan Krebs. Unter dem Strich drohte ein Defizit zwischen 50’000 und 100’000 Franken. Also zog man die Reissleine. Nicht einmal «Einzelabriebe» hätten die Pfäffiker Mäss 2024 retten können, bedauert Stefan Krebs, dass das intensive Werben um mehr Aussteller nicht fruchtete.

Eröffnung ZOM 2024
Für die Akquisition von Ausstellern braucht es Ressourcen: Andreas Künzli, Chef der ZOM in Wetzikon. (Archiv)

«Einzelabriebe gehören zu unserem Tagesgeschäft», sagt Andreas Künzli, Chef der Züri Oberland Mäss (ZOM). «Aber das braucht Ressourcen.» Im Gegensatz zu den lokalen Messen in Uster und Pfäffikon, die von Vereinen getragen werden, steht hinter der ZOM die professionelle ZOM Event GmbH in Wetzikon. Geschäftsführer Künzli organisiert daneben auch die Winti Mäss und die Wohga in Winterthur.

Ob es in Uster und Pfäffikon weitergeht und wann ein neuer Anlauf genommen wird, ist offen. Erst müsse man sich über das Konzept klar werden, sagt stellvertretend Pfäffikons OK-Chef Krebs.

Dass auch kleine, lokale Messen erfolgreich sein können, zeigte am vergangenen Wochenende die Wyland- Messe in Andelfingen (3500 Einwohner) und Kleinandelfingen (2200 Einwohner): Mehr als 100 Aussteller und 15’000 Besucherinnen und Besucher zog die Gewerbeausstellung an. Die Wyland-Messe findet nur alle zehn Jahre statt.

Ein Erfolg war auch die Gewerbeschau Wislig im April, die erstmals das Thema Landwirtschaft in die Ausstellung integrierte.

«Die ZOM steht auf soliden Füssen»

Die ZOM in Wetzikon zählte 2024 bei ihrer 50. Durchführung rund 31’000 Besucherinnen und Besucher und 200 ausstellende Unternehmen. Es waren schon mehr: Vor Corona waren es regelmässig mehr als 40’000 Gäste und mehr als 300 Aussteller.

Auch in Wetzikon hat die Pandemie ihre Spuren hinterlassen. 2020 und 2021 konnte die ZOM nicht durchgeführt werden, seit drei Jahren aber herrscht wieder Normalbetrieb rund um die Eishalle. «Wir sind im Aufwind nach der Pandemie», so Künzli. 2024 habe man 10 Prozent mehr Aussteller gehabt als im Vorjahr, und bereits hätten viele für 2025 wieder zugesagt. «Die Messe steht auf soliden Füssen.»

Die Publikumsmesse in Wetzikon ist auch ein gesellschaftlicher Anlass in der sechstgrössten Stadt des Kantons. Zudem setzt Künzli auf ein jährlich wechselndes, aber attraktives Kernthema. Ein entscheidender Faktor im Messewesen der Neuzeit. «Ich glaube an die Zukunft der Messe», sagt Künzli. «Alles andere wäre nicht gut.»

«Würden Sie Eintritt zahlen, um im Glattzentrum shoppen zu gehen?»

Urs Ingold (61) ist seit über 35 Jahren als Veranstalter von Fachmessen tätig und ein profunder Kenner des Geschäfts. Rund 20 Jahre leitete er als CEO den international tätigen Messeveranstalter Reed Exhibitions in Deutschland und der Schweiz. Reed Schweiz hatte seinen Hauptsitz lange in Fällanden.

Nach 2012 führte er mit seiner eigenen Firma Starling Expo AG mit Sitz in Wädenswil Kongressfachmessen in Afrika durch und stellt seine Erfahrung punktuell nationalen und internationalen Messeveranstaltern zur Verfügung. Im Interview erklärt er, was es für eine erfolgreiche Messe braucht.

Porträtfoto eines lächelnden Mannes.
«Eine Messe braucht ein Kernthema»: Urs Ingold hat mehr als 35 Jahre Erfahrung in der Messewirtschaft.

Herr Ingold, was braucht eine Publikumsmesse, um erfolgreich zu sein?

Urs Ingold: Sie braucht ein Kernthema. Die Züspa und die Muba hatten kein solches Kernthema, sondern waren einfach Verkaufsveranstaltungen. Darum gibt es sie nicht mehr. Ich erinnere mich, wie ich als Kind mit meinen Eltern nach Basel an die Muba fuhr. Dort gab es Dinge, die man sonst nirgends kaufen konnte – und wenn es nur eine Multiraffel aus Frankreich war. Das hat sich grundlegend geändert, heute ist alles überall und dank Internet jederzeit verfügbar. Ich stelle Ihnen eine Gegenfrage: Würden Sie Eintritt zahlen, um im Glattzentrum shoppen zu gehen?

Offen gestanden, habe ich daran nie einen Gedanken verschwendet. Die Züspa und die Muba gibt es nicht mehr, aber die Olma beispielsweise funktioniert. Wieso?

Genau, weil sie ein solches Kernthema besetzt. Bei der Olma ist es die Landwirtschaft. Es gibt das herzige Säulirennen, Käsereien stellen aus, Bierbrauer und Weinhändler laden zu Degustationen, man sieht Land- und Baumaschinen und Vieh. Um dieses Thema herum können Sie gerne Duftkerzen und Rosenquarze verkaufen. Auch die ZOM kreiert jedes Jahr ein solches Thema: Heuer war es der Auftritt der Armee, 2025 werden es die Veranstaltungen mit der Sporthilfe sein. Und sie hat ein gutes Einzugsgebiet im Zürcher Oberland. Man kennt sich und trifft sich. Die ZOM ist wie die Olma auch ein gesellschaftlicher Anlass.

Die kommunalen Messen in Uster und Pfäffikon mussten beide abgesagt werden, die regionale ZOM läuft gut. Wie ist das zu erklären?

Die lokalen Gewerbetreibenden machen ihr Business schon lange nicht mehr allein im Ort. Früher waren die Absatzmärkte wirklich noch im Dorf, und an der Messe hatten die Patrons die Gelegenheit, sich grosszügig zu zeigen. Doch die Geschäftsmodelle und die Einzugsgebiete haben sich verändert. Dazu kommt eine weitere Frage: Was soll ich beispielsweise als Elektro-Installateur an einer Messe zeigen? Farbige Kabel und verschiedene Buchsen?

Was müssen kommunale Gewerbemessen bieten, um zu überleben?

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Auch hier geht es darum, ein Kernthema zu finden, das über das Aufstellen von Verkaufsständen hinausgeht. Auf diese Weise kann es gelingen, auch Leute von ausserhalb des Dorfs oder der Kleinstadt an eine solche Messe zu locken.

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