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Stoffgeschäft schliesst landesweit alle Filialen – auch in Uster

Es ist der Schlusspunkt einer knapp 200-jährigen Geschichte: Creasphere schliesst alle Filialen. Aus der einstigen Weberei wird eine Immobilienfirma.

Damian Isler (links) und Urs Schindler in der Creasphere-Filiale in der alten Fabrik in Wädenswil – wo alles begann.

Foto: Patrick Gutenberg

Stoffgeschäft schliesst landesweit alle Filialen – auch in Uster

Aus für Creasphere

Die Stoffläden Creasphere der Wädenswiler Firma Gessner rentieren nicht mehr. Nach fast 200 Jahren Firmengeschichte löst sie sich endgültig von ihren Wurzeln.

Manuela Bär

Die Knopfschächtelchen zieren ganze Wände, meterhohe Regale sind gefüllt mit Fäden in allen erdenklichen Farben, und bunte Stoffballen liegen auf langen Auslagen, schön der Farbe nach sortiert. An der unteren Ecke der Stoffballen baumeln in Reih und Glied grelle Schilder: 50 Prozent, steht darauf. Im Laden Creasphere in der alten Fabrik in Wädenswil ist Räumungsverkauf.

Es ist der Schlusspunkt einer knapp 200-jährigen Geschichte: Creasphere schliesst alle Filialen, schweizweit sind es noch sieben. Die Bastel-, Handarbeits- und Einrichtungsläden waren die letzten Zeitzeugen der Webereigeschichte der Gessner AG aus Wädenswil. Diese nimmt nun mit einem grossen Schlussverkauf ihr Ende.

Von der Weberei zum Stoffladen

«Es ist ein Teil der eigenen Identität, der nun wegfällt», sagt Damian Isler. Es fällt ihm sichtlich schwer, diese Worte auszusprechen. Der Delegierte des Verwaltungsrats entstammt der Familie, welche die Gessner AG seit vier Generationen führt. Die Wurzeln des Betriebs reichen bis ins Jahr 1841 zurück.

Mit der Produktion verschiedener Stoffe in der Wädenswiler Fabrik machte sich die Gessner AG auf der ganzen Welt einen Namen. Zuletzt spezialisierte sich die Seidenstoffweberei auf die Produktion von Stoffen im Hochpreissegment, bevor sie im Jahr 2016 als letzte Schweizer Seidenweberei schloss. «Das jetzt auch die Läden schliessen, tut weh», sagt Isler mit Blick auf die bunten Stoffballen.

Nachfrage für Einrichtungen eingebrochen

Die Creasphere-Läden sind breit aufgestellt: Alles, was das Strick- und Nähherz begehrt, ist in den Filialen zu finden. Aber auch bei wortwörtlichen Verstrickungen oder Schnittmusterproblemen bieten die Verkäuferinnen Hand und beraten Kundinnen und Kunden. «Viele unserer Mitarbeitenden sind gelernte Schneiderinnen oder Dekorationsnäher», erklärt Urs Schindler, Geschäftsführer der Gessner Stoffe AG.

Interieur-Beratungen gehören ebenfalls zum Angebot. «Etwa 40 Prozent unseres Umsatzes generierten wir früher mit Einrichtungsberatungen», sagt Schindler. Genau dort ist zuletzt jedoch das Geschäft massiv eingebrochen: «Menschen haben andere Prioritäten, als ihr zu Hause bis auf den letzten Vorhang zu optimieren.»

Viele verschiedenfarbige Stoffball in Regalen.
Orange Punkte zeigen die Preisreduktionen auf den verschiedenen Stoffen beim Räumungsverkauf in Wädenswil.

Den Trend hin zum Selbermachen von Kleidern und Strickpullis hingegen sei auch in den Creasphere-Läden bemerkbar gewesen. «Junge Menschen entdecken das Nähen und Stricken wieder für sich als Hobby, und die DIY-Szene (engl.: do it yourself) ist im Aufschwung», sagt Schindler. Doch reichen diese zusätzlichen Kundinnen und Kunden nicht, um den Einbruch bei den Einrichtungsarbeiten abzufedern.

30 Minuten beraten für 12 Franken

Die Branche bringe auch ihre ganz eigenen Herausforderungen mit sich. «Unser Geschäft ist sehr beratungsintensiv dafür, dass die verkauften Produkte relativ günstig sind», sagt Isler. Ein Durchschnittseinkauf bringe gut 12 Franken ein. Diesem Betrag gehe in der Regel aber ein mindestens halbstündiges Beratungsgespräch voraus. «Das macht den Betrieb der Filialen sehr ressourcenintensiv.»

Vor rund zwei Jahren investierte die Gessner AG nochmals in ein neues Management, Strukturen wurden überarbeitet, Personal geschult und Verkaufsflächen verkleinert. «Wir wussten, dass wir uns verändern und weiterentwickeln müssen», sagt Isler. Doch machten auch historisch gewachsene Strukturen Creasphere Probleme.

«Unsere Filialen sind sehr heterogen, und die Verkaufsflächen reichen von 300 bis zu 4000 Quadratmetern.»Das brauche eben auch einiges an Personal. Der Einkauf für die sehr unterschiedlich grossen Geschäfte sei dabei ebenfalls aufwendig. «Für grosse Läden brauchte es auch Kleider und Geschenkartikel, während die kleineren eher Stoffläden im klassischen Sinn waren», erklärt Schindler.

Immobilien statt Stoffe

Aus der traditionsreichen Weberei wurden zunächst Stoffläden und nun eine reine Immobilienfirma. Die verschiedenen Liegenschaften werden nämlich weiter von der Gessner AG verwaltet. Stoff soll in den Creasphere-Filialen in Bulle FR, Brunnen SZ, Pratteln BL, Amriswil TG und Uster voraussichtlich noch bis Ende September verkauft werden, in den Hauptfilialen in Ottenbach und Wädenswil sogar noch bis Ende Oktober.

Verkäuferin mit grobem Stoff.
Die Verkäuferinnen in den Creasphere-Filialen haben nochmals viel zu tun.

Dies bedeutet aber auch, dass rund 80 Mitarbeitende auf den Herbst eine neue Stelle finden müssen. «In einigen Filialen konnten Mitarbeitende schon eine Anschlusslösung finden», sagt Schindler. So habe man beispielsweise in Pratteln bereits die Öffnungszeiten anpassen müssen, da sonst zu wenig Personal vor Ort sei.

In der Ost- und der Innerschweiz gebe es Filialen, wo Creasphere-Mitarbeitende überlegten, die Ladenfläche zu übernehmen. «Wir bieten diesen Mitarbeitenden Unterstützung an», versichert Schindler. In einem anderen Laden spiele gar eine Kundin mit dem Gedanken, die Ladenfläche zu übernehmen. Konkret sei aber noch nichts. «Es würde uns aber sehr freuen, wenn die Stoffläden in einer Form erhalten blieben.»

Der Ansturm auf die reduzierten Stücke im ehemaligen Fabrikladen in Wädenswil ist nochmals gross, bevor dieser von einem Denner abgelöst werden wird. «Es ist verrückt, wie viele Leute jetzt nochmals einkaufen kommen», sagt Damian Isler mit Blick auf das bunte Treiben zwischen den Nähutensilien und die schwer beschäftigten Verkäuferinnen. «Schade, sind sie nicht früher gekommen.»

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