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Bleichi-Beiz und «Al Seda»: Hier kehrt man in der alten Fabrik ein

Heute stehen Tische, wo früher die Textilmaschinen standen. Alte Industrieanlagen in der Region werden heute vielfältig genutzt, auch für die Gastronomie.

1913 wurde in der Bleiche an den Webereimaschinen gearbeitet. Seit 1997 gibt es auf dem Areal unter anderem eine Beiz.

Foto: Toby Matthiesen/Wikimedia/PD

Bleichi-Beiz und «Al Seda»: Hier kehrt man in der alten Fabrik ein

Gestern Wirtschaft, heute Wirtschaft

Wohnungen, Kirchen, Abstellhallen: Alte Fabrikgebäude im Oberland werden unterschiedlich genutzt – auch als Gastrobetriebe. Das «Al Seda» in Rüti und die Bleichi-Beiz in Wald machen es vor.

Die Industrialisierung hat das Oberland geprägt. Die Textilmaschinen stehen heute im Museum, während viele der alten Fabrikgebäude in den letzten Jahren umgestaltet wurden. In manchen befinden sich jetzt auch Gastrobetriebe: zwei Beispiele aus Wald und Rüti.

Bleichi-Beiz in Wald

Angefangen hat alles als Marketingaktion. «Ich wollte eine Beiz eröffnen, um auf das Areal aufmerksam zu machen», sagt Andreas Honegger. Er ist CEO der Otto & Joh. Honegger AG, welcher die Bleiche Wald gehört.

Hier baute Johannes Honegger 1873 seine Weberei, die heute den Kern des Bleichequartiers bildet. Der Name stammt von der Zeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als in der Nähe der späteren Fabrik Baumwolltücher an der Sonne gebleicht wurden.

Man sieht ein altes Fabrikgebäude.
Eine Aufnahme der Weberei um 1900.

1988 stellte die Firma die Textilproduktion in Wald ein. 320 Mitarbeitende verloren ihren Job. Die alte Produktionsstätte drohte zur Brache mitten im Dorf zu verkommen.

Andreas Honegger aber hatte grosse Pläne. Er wollte das Areal umnutzen und weiterentwickeln und beispielsweise Lofts bauen. Heute gilt er als Pionier in diesem Gebiet.

Doch der Ruf der Bleiche war Ende der Neunzigerjahre noch schlecht – viele im Dorf hegten nach wie vor einen Groll nach dem Ende der Textilproduktion. «Die Beiz sollte wieder Leute anziehen und zeigen, dass man auf dem Areal auch wohnen könnte», erklärt er. Denn zu dieser Zeit wurden die ersten Lofts gebaut.

Restaurant Bleichibeiz mit dem Parkplatz davor. Die Autonummern sind unkenntlich gemacht.
Andreas Honeger wollte mit der Beiz zeigen, dass die Bleiche mehr ist als eine Industriebrache im Dorf.

Der Start verlief harzig – die ersten Jahre waren nicht kostendeckend, erinnert sich Honegger. Das änderte sich 2004, als auch das immer noch bestehende Bleiche Bad und Fit eröffnet wurde, ein Baderesort und Spa mit Fitnesscenter.

Die Bleiche hat sich seither immer weiterentwickelt. Heute gibt es neben Wohnungen auch ein Hotel auf dem Areal. «Und das Projekt ist noch lange nicht abgeschlossen», betont der CEO. «Wir sehen uns als lebendiges Quartier im Dorf.»

Die Beiz ist aber trotz aller Veränderungen geblieben – und hat sich so wie die ganze Bleiche stetig entwickelt. «Ich wollte von Anfang an keinen ‹Leuen› und kein ‹Kreuz›, wo drei Leute sitzen und zwei davon jassen», sagt Honegger. Dies widerspiegelt sich auch im Design der Beiz. Er bezeichnet dies als modern und zeitlos. «Das Ziel war, ein urbanes Feeling in Richtung Bachtel zu tragen.»

Man sieht ein Restaurant mit gedeckten Tischen.
Vor allem am Wochenende zieht es viele Auswärtige in die Bleichi-Beiz.

Honegger wagte damit aber auch einen Spagat: Die Bleichi-Beiz soll zum einen mit den aktuellen Food-Trends mithalten – beispielsweise «Nose to Tail», also der restlosen Verwertung eines Tiers. Zum anderen muss sie aber auch die Bevölkerung aus der Region ansprechen.

«Wir richten uns in der Gastronomie nach dem Publikum», erklärt der CEO. So wechselt die Karte mehrmals jährlich. Es gibt immer auch ein vegetarisches Angebot, und die Produkte kommen, wenn immer möglich, aus der Region. «Aber Cordon bleu oder Geschnetzeltes sind ebenfalls erhältlich.»

Das Konzept scheint zu funktionieren. Und nach dem harzigen Start ist die Bleichi-Beiz heute über die Gemeindegrenzen bekannt. «Am Freitag und Samstag kommen oft sehr viele Personen von ausserhalb.»

Für das Wohl der Gäste sorgen gut 30 Angestellte, die neben der Beiz auch im Hotel tätig sind. Honegger ist seit den Anfängen Mitglied der Geschäftsleitung in der Beiz. «Aber im Service sieht man mich nicht.»

«Al Seda» in Rüti

Die ehemaligen Gebäude der Mechanischen Seidenweberei in Rüti werden heute vielfältig genutzt: Es gibt hier unter anderem eine Privatschule, ein Architekturbüro, einen Coiffeursalon, ein Architekturbüro – und ein Restaurant, das «Al Seda».

Seit 2012 führen Thomas Ruppli und Kurt Züger den Gastrobetrieb mit mehreren Angestellten.

Vorher waren die beiden im Restaurant Sonnenberg in Tann tätig. «Wir sind durch einen Zufall hier nach Rüti gekommen und wurden mit offenen Armen empfangen», erinnert sich Ruppli.

Sie sind nicht die ersten, die in der alten Weberei ein Restaurant mit diesem Namen führen. Doch die vorherigen Betreiber mussten das Restaurant aus wirtschaftlichen Gründen 2009 aufgeben. Und dies trotz 13 Punkten im angesehenen Gastroführer «Gault-Millau».

Ruppli und Züger gingen deshalb mit einem anderen Konzept an die Sache. «Wir wollen ein Restaurant für jedermann sein», betont Kurt Züger. Trotz seiner Pension ist er immer noch im Restaurant tätig, seit 2022 primär im Hintergrund. Wenn Not am Mann ist, hilft er aber immer noch aus.

Ein Restaurant für jedermann, das heisst für die beiden Gastronomen, dass sie ein möglichst breites Publikum ansprechen wollen. Auf der Speisekarte steht somit nicht nur das Cordon bleu vom Kalb, sondern man findet auch Spezialitäten wie Elchfilet aus Finnland.

Das Konzept scheint aufzugehen. Für die beiden Gastgeber liegt das aber nicht nur an den Menüs. «Uns ist es wichtig, dass sich die Gäste hier wohlfühlen», betont Ruppli. Im Innern des Restaurants wollten die beiden deshalb auch den Spinnerei-Charme bewahren.

Nicht immer ist das aber ganz freiwillig: So gibt es im Restaurant eine Treppe ins Nichts, sie endet an der Decke. Entfernen darf man sie nicht, denn das Haus steht unter Denkmalschutz.

An die Geschichte des Hauses erinnert aber nicht nur die spezielle Treppe. An der Wand hängen auch Fotos aus den Zeiten der Spinnerei.

1850 hatte ein anderer umtriebiger Honegger, der Fabrikant und Industriepionier Caspar Honegger (1804–1883), das Areal, wo bereits eine Spinnerei stand, übernommen. 1874 liess er die alten Gebäude abreissen und baute an ihrer Stelle die Seidenweberei. Seine Erben bauten das Areal aus. 1940 wurde jedoch die Textilproduktion eingestellt.

Ein Hinweis auf die vergangenen Zeiten findet sich aber heute noch im Namen des Restaurants: Al Seda ist spanisch für Seide.

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