Wie sich Oberländer Jungunternehmer die künstliche Intelligenz zunutze machen
IT-Start-up aus Dürnten
Womit befassen sich Jungunternehmer, die einen Coiffeursalon, eine Werkstatt oder eine Kommunikationsagentur gründen? Richtig. Mit Buchhaltung.
Eine eigene Firma zu gründen, ist der Traum vieler Menschen. Ob sie nun Haare schneiden, Motorräder reparieren, Shishas anzünden oder Websites gestalten, sehen sie sich rasch mit einer Herausforderung konfrontiert, die so gar nichts mit ihrem Berufswunsch respektive -traum zu tun hat: mit Buchhaltung.
Genau dies ist auch Stefan Wittwer (23) und Raksmey Oum (24) widerfahren. Im Anschluss an die Matura an der Kantonsschule Wetzikon gründeten sie eine Firma, die Websites für Gewerbetreibende in der Region designte und implementierte. Next Business lautete der knackige Name des zunächst als Einzelunternehmen in Dürnten gegründeten Start-ups.
Die beiden Freunde studierten und taten nebenbei das, was sie schon immer gern getan hatten, wäre da nicht das zeitraubende und nervige Verbuchen von Rechnungen, das Kontrollieren von Belegen oder das Ausfüllen von Tabellen.
Mitmischen in der Bankenszene
Und damit begann eine Business-Idee, die die Jungunternehmer Ende März sogar an den Open Banking Exchange des Schweizer Börsenbetreibers SIX brachte. Wittwer präsentierte dort vor Vertretern der wichtigsten Schweizer Banken die «Infinity»-Software von Next Business – und wie sich diese direkt an Bankkonten anbinden lässt.
«Open Banking» nennt sich die Möglichkeit für Drittanbieter, Bankkunden über Schnittstellen Dienste und Anwendungen direkt zur Verfügung zu stellen. Mit «Infinity Finance» lässt sich das entsprechende Firmenkonto bei der Bank direkt mit der Buchhaltungssoftware verbinden. Die Buchhaltung wird in Echtzeit nachgeführt.
Banken wie die UBS, die Zürcher Kantonalbank oder auch die Zuger KB verfügen bereits über Schnittstellen für «Infinity Finance». Am Event in Zürich war auch André Wegmann, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bank Avera in Wetzikon. Er zeigte sich sehr angetan von der Präsentation. «Sie war sehr erfrischend. Stefan Wittwer und sein Team erinnerten mich an meine Zeit im Silicon Valley», sagt der frühere CS-Banker. «Das Produkt von Next Business verbindet die Buchhaltung mit neuen Technologien wie KI und Texterkennung. Klar, man muss immer noch etwas von Buchhaltung verstehen, trotzdem erspart es einem Unternehmer viel Arbeit bei der Dateneingabe, da vieles automatisch passiert.»
Von der Web-Agentur zum Software-Unternehmen
Doch wie wird aus einer Web-Agentur ein Software-Unternehmen, das zum Ziel hat, die Buchhaltung für KMU effizienter zu machen? Stefan Wittwer erklärt: «Als Jungunternehmer haben wir schnell einmal festgestellt, dass die Administration und hier insbesondere die Buchhaltung enorm zeitaufwendig sind.» Zwar haben sich Wittwer und Oum auf dem Markt für solche Programme umgesehen. «Aber keines der Tools hat uns wirklich gefallen. Also haben wir 2021 angefangen, eine eigene Software zu entwickeln.» Mit den Aufträgen für Grafik-Design wurde diese Arbeit quersubventioniert.
«Es ist Buchhaltung für Menschen, die Buchhaltung hassen», sagt Stefan Wittwer. «Das Tool ist sehr einfach zu bedienen – auch für Normalsterbliche.» Dabei hat Wittwer selbst keineswegs eine Aversion gegen Buchhaltung, ganz im Gegenteil. Schon als Schüler und BWL-Student hat er in der elterlichen Holzbaufirma in Saland im Büro mitgearbeitet. «Wir arbeiten jetzt daran, den Umstieg zu ‹Infinity Finance› zu ermöglichen», erzählt er mit einem Lachen. Ein kleines Erfolgserlebnis.
Das Bistro als Sitzungszimmer
Der Termin von Züriost mit den jungen Unternehmern fand nicht etwa in den Geschäftsräumlichkeiten in Dürnten statt, sondern im Bistro Stellwerk in Bubikon. Es dient als «Sitzungszimmer» im Zürcher Oberland. Der Firmensitz in Dürnten besteht aus einem 12-Quadratmeter-Büro mit Schreibtisch und sechs Sitzgelegenheiten.

«Es ist schlicht zu klein für die ganze Firma», sagt Simon Helbling, der sich um Marketing und Kommunikation kümmert. Da das kleine Büro in Dürnten aus allen Nähten platzt, hat Next Business einen weiteren Sitz im Zürcher Enge-Quartier angemietet. Aktuell arbeiten acht Teammitglieder bei Next Business, dazu kommen Freelancer, beispielsweise für Steuer- oder UX-Expertise: «Und gerade Design-Experten sind für unser Tool sehr wichtig.»
Denn sehr oft werden Software-Programme von IT-Spezialisten vorangetrieben. Daraus resultieren Lösungen, die alles können und technisch wunderbar ausgefeilt sind, in denen sich Laien aber hoffnungslos verirren. Raksmey Oum: «Wir gehen bei der Entwicklung den entgegengesetzten Weg und führen schon frühzeitig Usability-Tests durch, indem Endnutzer die Lösungen testen. Auf diese Weise erkennen wir Schwierigkeiten rasch und können sie in einem frühen Stadium ausmerzen.»
Dass die Software, die mittlerweile zur Plattform geworden ist, «Infinity» heisst, ist durchaus sinnvoll: Sie wird laufend erweitert. Der Markt für Business-Software ist umkämpft – das sieht jede und jeder, die oder der zur Primetime vor dem Fernseher sitzt. Platzhirsch Bexio wirbt seit Monaten intensiv für sein Buchhaltungsprogramm für KMU. Mehr als 150 Mitarbeitende beschäftigt die Schweizer Nummer 1 aus Rapperswil-Jona mittlerweile.
Raksmey Oum nennt die langfristige Vision des jungen Unternehmens, das mittlerweile in eine AG umgewandelt wurde: «Wir wollen eine Plattform für alle, die sich selbständig machen. Wer eine GmbH oder eine AG gründet, der kann keine Milchbüechli-Rechnung machen. Der braucht eine doppelte Buchhaltung.»
Und so funktioniert die Software mit KI
Ein kurzer Test mit der Software «Infinity Finance» zeigt: Das Tool des Dürntner Start-ups ist intuitiv zu verstehen und einfach zu bedienen. Unterstützt wird der Nutzer durch künstliche Intelligenz (KI). So können Rechnungen als PDF per «Drag-and-Drop» direkt ins Buchhaltungsprogramm gezogen werden. Die KI erkennt nicht nur, wo der Betrag verbucht werden muss, sondern beispielsweise auch, ob die Mehrwertsteuer darin enthalten ist.

Stefan Wittwer: «Unser Tool braucht keinerlei Vorwissen in Sachen Buchhaltung. Man muss nicht einmal den Unterschied zwischen Soll und Haben kennen.»
Die KI kann aber noch weit mehr. Ähnlich wie bei ChatGPT können offene Fragen in ein Fragefeld eingegeben werden. Als Beispiel: «Wie viele unserer Werbeausgaben waren für Google Ads?» Nach wenigen Sekunden hat die KI die Marketingausgaben durchforstet und spuckt eine Antwort aus. «KI wird für einen riesigen Wandel in der Industrie sorgen. Wir können den Aufwand für Unternehmen enorm reduzieren», sagt Stefan Wittwer.