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Für diesen Bauern aus Bisikon zählt beim Milchpreis jeder Rappen

Kleinvieh macht auch Mist, das gilt ebenso bei den Preisen für landwirtschaftliche Produkte. Bei Ueli Kuhn geht es dabei sogar um die Zukunft seines Hofes.

Ueli Kuhn hält auf seinem Hof in Bisikon rund 60 Kühe.

Foto: Simon Grässle

Für diesen Bauern aus Bisikon zählt beim Milchpreis jeder Rappen

Ein Rappen oder 400 Franken

Landwirt Ueli Kuhn fordert höhere Milchpreise und geht dafür auch auf die Strasse. Trotzdem will er von Bauernprotesten wie in der EU nichts wissen.

Die Zahlen hat Landwirt Ueli Kuhn aus Bisikon stets im Blick: «Ein Rappen mehr pro Kilo Milch, das macht bei mir etwa 400 Franken pro Monat oder 4800 Franken pro Jahr aus.»

Kuhn produziert auf seinem Bauernhof mit gut 60 Kühen etwa 40’000 Liter Milch pro Monat. Einen kleinen Teil der Milch verkauft Kuhn direkt ab Hof für Fr. 1.20 pro Liter. Den Rest liefert er an eine Genossenschaft, die den weiteren Vertrieb regelt.

Ab Juli wird Kuhn für jeden Liter wohl etwas mehr Geld erhalten. Denn die Branchenorganisation Milch (BOM) hebt dann den Richtpreis pro Kilo um drei Rappen an. In der BOM sind Organisationen der Milchproduzenten und Milchverarbeiter sowie Firmen der Industrie und des Detailhandels vertreten.

Richtpreis landet nicht auf dem Konto

Ein Kilogramm Milch aus dem A-Segment, das betrifft Milchprodukte mit hoher Wertschöpfung, hat im dritten und vierten Quartal einen Richtpreis von 82 Rappen anstatt wie aktuell von 79. Von Bauernseite wurde eine Erhöhung um vier Rappen gefordert.

Was nach einer angemessenen Erhöhung klingt, hat nämlich einen fahlen Beigeschmack. 2023 hatten die Produzenten noch 81 Rappen pro Kilogramm Milch im A-Segment erhalten, per Anfang Jahr senkte die BOM den Richtpreis auf 79 Rappen, um jetzt 82 Rappen anzustreben. Unter dem Strich sind das nicht drei, sondern nur ein Rappen mehr pro Liter Milch.

Das Landwirtschaftsgesetz erlaubt den Marktakteuren, sich auf Richtpreise für bestimmte Produkte oder Produktgruppen zu einigen. Dabei handelt es sich aber um Orientierungsgrössen. So steht im Gesetz ausdrücklich, dass einzelne Unternehmen nicht zur Einhaltung der Richtpreise gezwungen werden dürfen.

Richtpreise gibt es neben der Milch beispielsweise auch für Brotgetreide. (bes)

«Und der Richtpreis ist ja auch nicht das Geld, das auf meinem Konto landet», erklärt der Landwirt. Kuhn legt dazu eine detaillierte Abrechnung auf den Tisch.

Der Preis der Milch ist abhängig vom Abnehmer, von der Qualität und weiteren Faktoren, wie beispielsweise den Transportwegen. Je weiter abgelegen ein Hof ist, desto mehr wird für den Transport vom Preis abgezogen. «Das ganze System ist so kompliziert, ich glaube, niemand hat da mehr den genauen Durchblick.»

Besuch auf dem Hof von Milchbauer Ueli Kuhn
Fr. 1.20 kostet ein Liter Milch am Automaten beim Hof. Etwa das Doppelte von dem, was Kuhn von seinem Abnehmer erhält.

Er zückt sein Handy und rechnet aus. Im Januar wurden ihm gut 62,5 Rappen pro Liter ausbezahlt. Hinzu kommt ein Beitrag vom Bund in Höhe von 4,5 Rappen. «Das macht dann etwa 67 Rappen pro Liter», sagt er. «Nach der Richtpreiserhöhung sind es dann hoffentlich ein paar Rappen mehr.»

«Auf Augenhöhe»

Klagen will er trotzdem nicht. «Ich kann damit leben, meine Familie ist gut versorgt», sagt Kuhn. «Aber wir müssen uns in der Schweiz einfach mehr Gedanken darüber machen, wie Produzentinnen und Produzenten faire Preise erhalten.»

Dabei gehe es nicht nur um die Milch, sondern auch um Gemüse, Zuckerrüben und andere landwirtschaftliche Produkte. «Denn die Kosten steigen auch für uns Produzenten», sagt er.

Aus diesem Grund hat Kuhn auch am Mahnmarsch in Hinwil vorletzte Woche teilgenommen. Mit Schildern, Glocken und Fackeln haben Landwirtinnen und Landwirte in drei Bezirkshauptorten im Kanton auf ihre Forderung nach einem fairen Milchpreis aufmerksam gemacht. Initiiert hatte die Aktion der Zürcher Bauernverband, bei dem Kuhn im Vorstand ist.

Das Wort Mahnmarsch betont Kuhn deutlich in seiner Schilderung. «Wir waren weder mit Traktoren vor Ort, noch haben wir Gülle auf der Strasse verteilt», betont er. «Wir wollten auf Augenhöhe mit der Bevölkerung auf unsere Anliegen aufmerksam machen. Friedlich.»

Man sieht eine Protestkundgebung. Die Menschen tragen Transparente, Kuhglocken und Fackeln.
Friedliche Mahnmärsche wie hier in Hinwil am 1. März grenzt Ueli Kuhn klar von Bauernprotesten ab.

Für ihn ist die Aktion deshalb von den Bauernprotesten, wie es sie beispielsweise in Frankreich, Deutschland oder in Spanien gab, deutlich abzugrenzen. Auch im kleinen Protestauflauf kürzlich in Hinwil, bei dem sich zehn Traktoren auf einer Brücke aufstellten, sieht er den falschen Ansatz für die Schweizer Landwirtschaft. Dennoch sind in seinen Augen Proteste wie der Mahnmarsch notwendig.

«Die Landwirtschaft ist vielfältig, und so sind es auch die Meinungen der Bäuerinnen und Bauern», sagt er dazu. So gebe es sicher Personen, die sich Aktionen wie in zahlreichen Ländern der Europäischen Union vorstellen könnten.

«In Frankreich haben Bauern ein Ratshaus mit Gülle bespritzt», sagt er. «So was könnte man in der Schweiz nicht bringen», ist Kuhn überzeugt. «Wir haben ein anderes politisches System, bei uns sagt das Volk, was Sache ist.»

Viel Unwissen

Trotzdem ist es offenbar nicht so einfach, mit dem Volk auf Augenhöhe zu sein. So gab es für den Mahnmarsch auch einiges an Kritik. Kuhn hat viele Kommentare in den sozialen Medien gelesen. «Es zeigt, dass viele Leute nicht wissen, wie die Landwirtschaft in der Schweiz funktioniert.»

Er würde sich wünschen, dass sich die Bevölkerung mehr mit dem Thema auseinandersetzt. «Das Ziel von uns Bauern ist, die Bevölkerung zu ernähren.» Die Arbeit sei anspruchsvoll und zeitaufwendig. «Und die Wertschätzung ist gering.»

Wenn die Bauern höhere Preise forderten, gehe es nicht darum, sich eine goldene Nase zu verdienen. «Denn wir müssen unsere Betriebe weiterentwickeln und investieren», betont er. Und wenn ein neuer Stall gebaut wird, dann geht es schnell um Millionenbeträge – für die ein Kredit notwendig ist.

Kein Geld für Investitionen

Kuhn weiss dies bestens. Heute besteht sein Betrieb, auf dem er bereits aufgewachsen ist, aus zwei Standorten.

Der Stall, der vor gut 25 Jahren gebaut wurde, ist knapp 600 Meter von seinem Wohnhaus entfernt. Dort befinden sich auch das Futterlager, der Hühnerstall und Maschinen.

Der Bisiker möchte mit seiner Frau Rita, die ebenfalls täglich auf dem Hof mitarbeitet, den Betrieb auf einen Standort reduzieren, den Stall erneuern und daneben auch ein Wohnhaus errichten. «Ich bin 46 Jahre alt, ich darf noch gut 20 Jahre arbeiten», betont er. «Es lohnt sich, nochmals zu investieren.»

Zwar gibt es im Stall seit sieben Jahren einen Melkroboter. «Das ist effizienter und tierfreundlicher», ist Kuhn überzeugt. So können die Tiere zum Melken, wenn es ihnen danach ist.

Doch das moderne Gerät soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Stall sonst nur noch den Tierschutznormen genügt. Kuhn möchte das ändern, vor allem zum Wohl seiner Kühe, und ihnen nicht nur die vorgeschriebenen Platzverhältnisse einräumen, sondern den nötigen Komfort bieten.

Bisher ist es ihm aber noch nicht gelungen, das Bauprojekt umzusetzen. Die Schwierigkeit bei der Umsetzung liegt gemäss Begründung der Banken darin, «dass der Gewinn meines Hofs zu klein und dadurch das Amortisationsrisiko zu gross sei».

Kuhn kann sich trotz dem Ernst der Lage ein Lachen nicht verkneifen. «Welches Risiko? Uns Landwirtschaftsbetriebe wird es sicher auch in Zukunft brauchen.»

Und wieder kommt er auf die Rappen zu sprechen, die das Jahresergebnis um Tausende Franken beeinflussen können.

Ein Patentrezept, wie die Bauern höhere Preise erhalten, hat er aber auch nicht. Er setzt auf die Bauernverbände und hofft auf Unterstützung durch die Politik und die Bevölkerung.

Trotzdem fügt Kuhn an: «Die grossen Millionengewinne machen die Detailhändler dank den hohen Margen und die Milchverarbeiter wie Emmi», argumentiert er. Er ist überzeugt: Das Geld wäre da, um den Bauern mehr zu bezahlen, ohne von den Konsumentinnen und Konsumenten mehr zu verlangen.

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