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Goldene Zeiten für Greifenseer Winzerpaar

«Wir wussten immer schon, dass unsere Weine gut sind», sagen Bea Meier und Edy Pfammatter. Jetzt haben sie die Bestätigung. Ganz offiziell.

Bea Meier und Edy Pfammatter auf dem Balkon ihres Weinberghauses «Chrottebüel».

Foto: Sandro Compagno

Goldene Zeiten für Greifenseer Winzerpaar

Besuch im Paradies

Bea Meier und Edy Pfammatter gehören zu den wenigen Weinbauern in der Region. Das Paar zeigt, dass auch ein Hobby zu Spitzenergebnissen führen kann.

Es geht in diesem Artikel um Wein. Es geht aber auch um das Paradies. Züriost weiss jetzt, wo das Paradies liegt: Die Koordinaten lauten 41°21’19’’N, 8°41’25’’E – um ganz exakt zu sein.

Umrahmt von einem kleinen Wäldchen und eingebettet in 4000 Weinreben steht hier das Weinberghaus «Chrottebüel» von Bea Meier und Edy Pfammatter. Vor drei Jahren übernahm das Paar den Weinberg, den Bea Meiers Eltern Fritz und Vroni ab 1980 angelegt hatte.

Der Blick vom Balkon des gemütlichen Häuschens führt über das satte Grün der Rebstöcke, weiter über das helle Blau des Greifensees bis in die dunkelgrün bewaldete Forch. Eine goldene Herbstsonne erwärmt die Luft und das Herz des Besuchers. Paradiesisch!

Doch wir schweifen ab.

1980 standen hier an diesem sanften Hang oberhalb des Greifensees noch die Apfelbäume von Fritz und Vroni Meier, die ein paar hundert Meter weiter oben einen Bauernbetrieb mit Milchkühen führten.

Die Erträge der alten Bäume nahmen kontinuierlich ab, sodass Fritz Meier entschied, die Bäume zu fällen und Weinreben zu pflanzen. Riesling-Sylvaner und Blauburgunder, wie es in dieser Lage und Gegend Tradition ist. 3500 Rebstöcke pflanzte Fritz Meier auf knapp einer Hektare. «Das ergibt je nach Jahr 4000 bis 8000 Flaschen Wein», rechnet Bea Meier vor.

Die Renaissances des Rosés

Gekeltert werden neben sortenreinem Blauburgunder und Riesling-Sylvaner auch ein Rosé und ein Schiller. Letzterer nur, wenn die roten und die weissen Trauben gleichzeitig reif sind, denn der Schiller sieht zwar aus wie ein Rosé, wird aber durch das Vermengen und gleichzeitige Pressen von weissen und roten Trauben hergestellt.

Gerade der Rosé habe in den letzten Jahren eine eigentliche Renaissance erlebt, sagt Pfammatter. «Wir verkaufen deutlich mehr davon als früher.»

Dass eine Jahresproduktion von maximal 8000 Flaschen Wein mehr Hobby als Broterwerb ist, stellen Meier und Pfammatter nicht in Abrede. Dazu später mehr. Der Wein als Hobby schmälert allerdings nicht den Ehrgeiz des Paars.

So reichten sie ihren Riesling-Sylvaner und den Rosé in diesem Sommer am «Grand Prix du Vin Suisse» ein. Der Wettbewerb wird alljährlich von der Vereinigung Vinea gemeinsam mit dem Fachmagazin Vinum durchgeführt. Eine 150-köpfige Fachjury verkostet die eingereichten Weine in einer Blinddegustation.

2740 Schweizer Weine wurden von ihren Erzeugern in den Wettbewerb geschickt, 388 erhielten an einer grossen Gala im Oktober eine Goldmedaille – auch der Riesling-Sylvaner und der Rosé von Bea Meier und Edy Pfammatter. «Die Auszeichnung kam für uns wirklich überraschend», sagt Pfammatter, «schliesslich haben wir zum ersten Mal an diesem Wettbewerb teilgenommen.»

Der eigene Wein habe ihr immer geschmeckt, ergänzt Meier. «Jetzt haben wir die Bestätigung. Wenn eine Jury zu diesem Resultat kommt, dann hat das ein anderes Gewicht.» Und wie um das zu unterstreichen, öffnet Pfammatter im gemütlichen Weinberghaus eine Flasche Rosé des preisgekrönten Jahrgangs 2022.

Frisch in der Nase, ungemein fruchtig im Gaumen macht dieser Rosé ganz einfach Freude. Das Leben eines Journalisten kann gelegentlich wahnsinnig schön sein. Traumhaft.

Doch wir schweifen schon wieder ab.

Der Kanton Zürich ist mit einer Rebbaufläche von 600 Hektaren der grösste Weinbaukanton der Schweiz.

Mit dieser Information lehnen wir uns kurz zurück und denken: «Nehmt das, ihr Bündner!»

Allerdings sind 600 Hektaren nicht wirklich viel. Nur schon der Kanton Tessin hat eine doppelt so grosse Anbaufläche, jene des Kantons Wallis ist achtmal grösser.

Spannend aus regionaler Sicht wird ein Blick auf die fünf Weinbaugebiete, die Swisswine im Kanton Zürich identifiziert: Zürichsee, Limmattal, Zürcher Unterland, Winterthurer Weinland und Zürcher Weinland.

Es fehlt das Zürcher Oberland. Dabei gab es noch vor 100 Jahren in den meisten Gemeinden in der Region Rebflächen. Sehr kalte Winter zwischen 1895 und 1910 setzten den Reben arg zu, bis sie schliesslich praktisch komplett verschwanden.

Heute gibt es in der Region wieder einige wenige Weinbauern, deren Erzeugnisse sich kein bisschen verstecken müssen. Neben dem Weingut Greifensee sind dies Heusser Rebbau in Uster, Sulzberg in Pfäffikon und Da Vinum in Grüningen.

Heusser Rebbau in Uster

Seit mehr als 40 Jahren wachsen am Südhang des Stauberbergs in Uster Riesling-Sylvaner und Cabernet Dorsa-Weinstöcke. Aus den Riesling-Sylvaner-Trauben werden verschiedene Weine gekeltert: Neben einem klassischen Riesling-Sylvaner auch das «Ustermer Schlössträumli» mit einer feinen Restsüsse sowie eine Auslese, die 14 Tage nach der Haupternte gelesen wird und ein intensiveres Aroma hat.

Auch der Ustermer Wein gehörte am Grand Prix du Vin Suisse im vergangenen Oktober zu den Gewinnern: Mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurden der Jahrgang 2022 des Rosé-Weins mit dem knalligen Namen «Pink!» sowie der 2018er Cabernet Dorsa der im Fass aus Zürcher Eiche ausgebaut wird. Auch die Auslese und das «Schlossträumli» wurden in der Vergangenheit schon mit Goldmedaillen ausgezeichnet. «Das macht mich als Winzerin natürlich stolz», sagt Eveline Heusser, die den Rebberg seit 2002 in zweiter Generation bewirtschaftet.

Vor zwei Jahren hat Eveline Heusser auf 35 Aren die robustere Sorte Sauvignac gepflanzt. Die weisse Rebsorte ist eine Neuzüchtung zwischen Sauvignon Blanc und Riesling-Sylvaner sowie eine nicht näher bekannte pilzwiderstandsfähige Sorte. Die Sorge ist sehr resistent gegen falschen Mehltau und Grauschimmelfäule. Eveline Heusser verspricht sich dadurch, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren.

Ausserdem werden in Uster der «Miriamore», der in seiner Struktur an einen Amarone erinnert, und der Schaumwein «Clarissa» aus Riesling-Sylvaner-Trauben produziert. Eveline Heusser: «Und vor Weihnachten laufen auch unsere Weinsuppe und die Geschenkkörbe, die meine Mutter gestaltet, sehr gut.»

Rebberg Sulzberg in Pfäffikon

Am Sulzberghang in Pfäffikon reifen Trauben der Sorten Sauvignon Blanc, Garanoir, Acolon und Cabernet Dorsa. Dazu kommt ein Reblehrpfad mit 55 verschiedenen Traubensorten. Peter Märki vom Weingut Wein am See, Martin Gemperli, Peter Meier und ihr Team aus erfahrenen Rebleuten aus der Region produzieren auf rund 4000 Quadratmeter möglichst naturnah und ohne grosse Eingriffe im Rebberg und Keller. Mit dem Ziel, einen hervorragenden Wein in kleinen Mengen zu kreieren. Alle Rotweine werden im Barrique ausgebaut. Die Kellerei befindet sich am Rande des Rebbergs im «Schöpfli», das auch für Degustationen und als Eventlokal genutzt wird.

Am Sonntag, 19. November, können im Rebberg Sulzberg von 11 bis 16 Uhr die Weine des neuen Jahrgangs 2022 degustiert und bezogen werden.

Da Vinum in Grüningen

Der Schlüssberg in Grüningen ist der grösste Rebberg im Zürcher Oberland. 1999 startete Daniel Müller mit der Neubepflanzung. Zunächst bestückte er eine Fläche von 75 Aren mit 2500 Riesling-Sylvaner- und 1300 Garanoir-Reben. In den folgenden Jahren kamen jeweils nochmals 0,8 Hektaren dazu, bis schliesslich eine Gesamtfläche von 3 Hektaren mit Rebstöcken bepflanzt waren. Dazu kamen kontinuierlich neue Sorten: Léon Millot, Siramé , Cabernet Cortis und Divico bei den roten Gewächsen und Solaris, Seyval Blanc und Souvignier Gris bei den Weissen. Einige dieser Sorten sind pilzwiderstandsfähig, andere weisen eine hohe Toleranz gegenüber dem Echten und Falschen Mehltau auf. Das bedeutet, dass sie viel weniger mit Fungizid gespritzt werden müssen. Die Anzahl Rebstöcke von Riesling-Sylvaner wurden in den letzten Jahren laufend reduziert, da die Sorte sehr krankheitsanfällig ist.

Daniel Müller nicht nur der Weinbauer mit der grössten Fläche in der Region, sondern auch mit der grössten Sortenvielfalt. Bei den Weissen sind in seinem Shop folgende Weine zu finden: Cabernet Blanc, Solaris, Seyval Blanc, Riesling-Sylvaner Spätlese, Johanniter und «Varius», ein Cuvé aus Riesling-Sylvaner und Souvignier Gris.

Bei den Rotweinen lautet die Qual der Wahl: Léon Millot-Siramé, Garanoir oder Cabertis. Dazu kommt ein Federweisser aus Garanoir-Trauben. Und last but not least den «Grüeniger Schämpis» aus Riesling-Sylvaner und Seyval Blanc.

(sco)

Im «Chrottebüel», an dieser windgeschützten, besonnten Lage oberhalb des Greifensees, reifen die Trauben seit mittlerweile mehr als 40 Jahren heran. Zu Wein werden sie jedoch andernorts. Vater Fritz Meier liess seine Ernte jeweils vom Volg keltern. «Der Volg machte das gut», sagt Meier. Aber die Zusammenarbeit mit einem der Grossen der Branche hatte ihre Tücken.

300 Winzer aus 75 Ostschweizer Gemeinden liefern jeden Herbst insgesamt 25 verschiedene Rebsorten in die Volg-Weinkellerei nach Wülflingen. Edy Pfammatter: «An der Qualität gab es nichts auszusetzen. Aber mit unseren 4000 bis 8000 Flaschen waren wir für den Volg eine sehr kleine Nummer.»

Heute lassen die beiden bei Kindhauser Weine in Wiesendangen keltern. Bea Meier: «Wir können am Donnerstag anrufen und sagen, dass wir die Trauben am kommenden Dienstag bringen. Diese Flexibilität schätzen wir sehr.» Und auch die Möglichkeiten, die der Wechsel nach Wiesendangen mit sich brachte. So lassen Meier und Pfammatter mittlerweile einen Blauburgunder im Barrique ausbauen – das wäre mit ihren kleinen Mengen vorher bei der grossen Volg-Kellerei nicht möglich gewesen. «Wir sind ein Familienbetrieb und Kindhauser auch, das passt gut zusammen», sagt Meier.

Katastrophal, umwerfend, zufriedenstellend

Zweimal Gold gab es also für den Jahrgang 2022 aus Greifensee. Und was ist mit dem aktuellen Jahrgang, der Ende September gelesen wurde? «2023 war ein schwieriges Jahr», sagt Pfammatter und erinnert an den verregneten Frühling, den trockenen Juni und den ungewohnt kühlen August. Vor allem der Pilzbefall durch die Nässe hat dem Duo viel Arbeit im Rebberg beschert: «Am Ende sind wir mit der Qualität der Trauben sehr zufrieden.»

Das war in den letzten Jahren nicht immer so; 2021 beispielsweise war ein katastrophales Jahr am Greifensee. Hagelschlag und Pilzbefall setzten den Reben in jenem Jahr arg zu. Die Ernte betrug gerade mal 10 Prozent des üblichen Ertrags.

«Das war deprimierend. In solchen Jahren geht man nicht gerne in den Rebberg», erinnert sich Pfammatter. Auch die «Wümmet», eigentlich das Highlight des Jahrs und die Krönung von einem Jahr Arbeit im Weinberg, habe in diesem Jahr keine Freude gemacht.

Sonst ist das im «Chrottebüel» immer auch ein gesellschaftlicher Anlass. Freunde und Familie bieten ihre helfenden Hände an, tagsüber wird Wein gelesen und der Abend bei Gesprächen, Grilladen und – natürlich – Wein verbracht. Mit dabei sind stets auch Fritz und Vroni Meier, die nach wie vor im Betrieb mithelfen, sowie Bea Meiers Bruder Andy und dessen Frau Elena. «Unser Räbhüsli ist eben ein perfekter Ort der Ruhe, Freude und zum Abschalten vom Alltag», sagt Meier und blickt entspannt über ihre Reben in Richtung des Sees. Ruhig, fast bleiern liegt er in der Herbstsonne da.

Doch wir schweifen ab.

2021 war also ein Katastrophenjahr, 2022 wurden die Weinbauern dafür mit Spitzenqualität entschädigt und 2023 war die Ernte zufriedenstellend. Jetzt kommt es auf die Arbeit von Lukas Kindhauser im Keller in Wiesendangen an. «Wenn die Qualität stimmt, werden wir sicher wieder am ‹Grand Prix du Vin Suisse› teilnehmen», sagt Pfammatter.

13 oder 14 Franken kostet eine 7,5-dl-Flasche im Weingut Greifensee. Einzig der im Barrique ausgebaute Pinot liegt mit 22 Franken in einer deutlich höheren Preiskategorie. Ob sie unter dem Eindruck der offiziellen Anerkennung die Preise erhöhen werden, wissen Meier und Pfammatter noch nicht. «Der Wein ist ja immer noch derselbe», sagt Meier. «Wir wollen nicht fünf Franken mehr verlangen, nur weil wir ein goldenes Kleberli aufbringen dürfen.»

Feriengeld für die Wintermonate

Verkauft werden die Weine ausschliesslich im Direktverkauf ab eigenem Hofladen oder online. Dazu beliefern die beiden einige wenige regionale Restaurants. Aufmerksame Leserinnen und Leser haben jetzt vielleicht schon den Taschenrechner gezückt und 8000 Flaschen mit 14 Franken multipliziert. Der Weinbau ist für Meier und Pfammatter zwar eine Leidenschaft, aber in erster Linie ein Hobby.

Um davon zu leben, ist der Weinberg zu klein. So geht Meier weiterhin einer Teilzeittätigkeit als Floristin nach, ihr Partner Pfammatter ist pensionierter Architekt. «Wir sind jeweils froh, wenn Ende des Jahrs etwas Feriengeld übrigbleibt», sagt Meier und lacht. Die Monate Januar und Februar verbringt das Paar in Südafrika. Dann übernimmt jeweils eine kleine Schafherde den Rebberg über dem Greifensee und weidet das Gras rund um die Weinstöcke ab.

Nach der Rückkehr beginnt dann für Meier und Pfammatter wieder die Arbeit im «Chrottebüel»: Triebe aufbinden, Nebentriebe entfernen, später biegen und herunterbinden der Ruten, auslauben. Immer im Rhythmus der Natur. So, wie es immer war. Hier im Paradies.

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