Der Herr der Dinge in Wetzikon
Knapp 70 Jahre Berufserfahrung
Manfred Maier ist einer der letzten seiner Art. Seit bald 70 Jahren restauriert der Wetziker antike Möbelstücke.
«Furnieren kann heute kaum noch einer», sagt Manfred Maier und fährt mit seinen Händen über eine Biedermeier-Kommode, die in seinem kleinen, gut versteckten Geschäft an der Stegenstrasse in Wetzikon steht.
Als Furnieren bezeichnet man das Belegen von kostengünstigem Holz mit einer dünnen Platte einer hochwertigeren Holzart.
Die besagte Kommode ist eine von zahlreichen Preziosen, die in seinem «Antik-Stübli» auf Kundschaft warten: Hier steht ein Sekretär aus der Biedermeier-Zeit, da ein Sessel aus dem Fin de Siècle, dort faltet eine Madonnastatue aus dem 18. Jahrhundert die Hände, an der Wand hängen antike Wanduhren und Ölgemälde, in den Vitrinen wird edles Porzellan und Silberbesteck aufbewahrt.
Gleich nebenan hat Manfred Maier seine Werkstatt. Es riecht nach Holz. Auch der Geruch von Leim und ein Hauch von Lösungsmitteln liegt in der Luft.
Der Schreiner und Restaurator erzählt auf Schwiizerdütsch. Er lebt seit 50 Jahren in Wetzikon, hat Freunde hier und ist im Turnverein aktiv. Aber wer genau hinhört, der erkennt am Zungenschlag, dass er nicht immer im Zürcher Oberland wohnte und arbeitete.
Geboren wurde Manfred Maier am 6. Mai 1942 in der Kleinstadt Trofaiach in der Steiermark. Der Vater war im Krieg und sollte erst Jahre später aus Sibirien zurückkehren. Die Mutter brachte die Familie irgendwie durch. Mit 14 Jahren begann er eine Tischlerlehre. «Eigentlich wollte ich Kunstschmied werden. Aber man sagte mir, ich sei zu schmächtig und hätte zu wenig Kraft.»
Bau- und Möbelschreiner waren sehr gesucht in den 1950er Jahren in Österreich. Die Wirtschaft nahm allmählich Fahrt auf – doch viele Berufsleute waren im Krieg gefallen. Es gab also zu tun für den jungen Manfred.
Nach der dreijährigen Lehre verliess er Trofaiach und heuerte als Schreinergeselle nördlich der Alpen in einer Schreinerei in Kirchberg in Tirol an. Das Dorf liegt nur einen Steinwurf vom ungleich bekannteren Kitzbühel entfernt.
Die Wochenenden im Kapuzinerkloster
Die Wochenenden verbrachte der junge Schreiner in Imst. Im dortigen Kapuzinerkloster lernte er, alte Möbel zu restaurieren.
120 Kilometer sind es von Kirchberg nach Imst. Im Winter nahm Manfred Maier den Zug, im Sommer radelte er die Strecke. «Ich hatte mir von einem italienischen Rennfahrer ein wunderbares Fahrrad gekauft. Das hatte 18 Gänge und war richtig schnell! Und ich war topfit zu dieser Zeit.» Den Namen des Italieners habe er leider vergessen.
Fit ist Manfred Maier heute noch. Aber er spüre sein Alter, gibt er zu. «Natürlich bin ich nicht mehr so schnell wie früher. Ich mache das mit Erfahrung und Know-how wieder wett.» Noch immer steht er jeden Tag in seiner Werkstatt. Dienstag bis Freitag von 8.30 bis 18 Uhr, am Samstag schliesst er um 15.30 Uhr. «Ich brauche das. Ich kann nicht den ganzen Tag spazieren gehen oder herumsitzen.»
Viel gearbeitet hat Manfred Maier schon immer. Auch nachdem er 1963 in die Schweiz gekommen war. Zwölf bis 15 Stunden hätten seine Arbeitstage hier gedauert, erzählt er: «Ich hatte eine Familie zu ernähren.» Der 1968 eingegangenen Ehe mit einer Bündnerin entsprangen zwei Söhne und eine Tochter. Das Paar trennte sich 1980.
Die Ankunft mitten in der Fasnacht
Zurück ins Jahr 1963 und seine Ankunft in der Schweiz. Ein Landsmann hatte in Rotkreuz ZG eine Schreinerei eröffnet und suchte einen tüchtigen Mitarbeiter. An seine Emigration in die Schweiz erinnert sich Manfred Maier, als ob sie gestern gewesen wäre.
Von Feldkirch kommend, traf er am Nachmittag am Bahnhof Sargans ein. «Man sagte mir dort, ich soll den Zug in Richtung Zürich nehmen. Was ich nicht wusste: Es fuhren zwei Züge nach Zürich, einer direkt und einer über St. Gallen.»
Um 22 Uhr war er endlich in Rotkreuz – und landete mitten in der Fasnacht. In einem Hotel beim Bahnhof fand er eine Übernachtungsmöglichkeit und sich selbst urplötzlich mitten im Fasnachtstrubel wieder. «Auch mein neuer Chef war in der Beiz und sagte mir, ich solle den Abend geniessen und tanzen gehen. Um 4 Uhr morgens war ich im Bett und um 8 Uhr in der Schreinerei. Ich war total kaputt …»
So eigenartig sein Start war, die Jahre in Rotkreuz sollten wegweisend für das weitere Berufsleben von Manfred Maier werden. Mit seinem handwerklichen Geschick und seinem Know-how als Schreiner und Restaurator verschaffte er der Schreinerei Aufträge, die bis dahin unerreichbar gewesen waren.
«Oft waren wir in vornehmen Häusern in Risch, bauten und restaurierten Möbel.» Dabei schuf sich Manfred Maier über die Region hinaus einen guten Ruf als kompetenter Restaurator.
Namen wie der Bauunternehmer Ernst Göhner oder Erwin Hürlimann (Generaldirektor Schweizerische Rückversicherungsanstalt) fallen im Gespräch. «Ernst Göhner hatte in Risch eine 18-Zimmer-Villa direkt am See. Wir haben dort den ganzen Umbau gemacht.»
Die Erinnerungen an diesen Umbau sind bis heute lebendig: «Alles musste raus – Barock- und Biedermeier-Möbel, Meissner Porzellan, Ölbilder, alles kam in die Mulde.» Wer sich heute in der Werkstatt und im Verkaufsraum in Robenhausen umsieht, der kann sich vorstellen, wie sehr es Manfred Maier damals geschmerzt haben muss.
Seit 1972 ist Manfred Maier in Wetzikon tätig, zuerst als Angestellter – «bis ich merkte, dass ich gleich viel verdiente wie ein Hilfsarbeiter im Betrieb» –, ab 1975 als Selbständiger. Dazwischen arbeitete er auch zwei Jahre als Schriftsetzer in der Druckerei des «Zürcher Oberländers».
Zeit für ein Korrigendum
Ein Porträt über den Schreiner und Restaurator Manfred Maier erschien 1975 im «Heimatspiegel», der bis heute dem ZO/AvU beigelegt wird. Und mit dieser Information lässt sich gleich ein Korrigendum verbinden, vielleicht das späteste in der Schweizer Mediengeschichte: Das Bild auf Seite 14 im «Heimatspiegel», Heft 2 vom März 1975, zeigt ein Sofa, das Maier damals restaurierte. In der Bildlegende steht, dass das zweiplätzige Sofa aus dem Jahr 1650 stamme. Korrekt ist: Es entstand um 1750. Gern geschehen.
Manfred Maier restauriert nicht nur Möbel, er handelt auch mit ihnen. Wobei der Handel deutlich einträglicher sei. «Arbeit rentiert nicht», stellt er trocken fest und rechnet vor: «Wenn ich drei Wochen mit der Restauration eines antiken Sekretärs beschäftigt bin, kann ich doch nicht 120 Stunden verrechnen. Das würde den Kunden mehr als 10'000 Franken kosten.»

Die Arbeit mit und am Holz faszinierte Manfred Maier als Jugendlicher in der Steiermark, und sie begeistert ihn als 81-Jährigen im Zürcher Oberland: «Beim Schreinern kann ich gestalten, was ich will. Und beim Restaurieren kann ich beweisen, was alles möglich ist. Etwas zu bewerkstelligen und den Menschen damit eine Freude zu machen, gibt mir eine riesige Befriedigung.» Das sei wichtiger als Geld.
Der Stolz des Kunsthandwerkers
Es ist der Stolz des Kunsthandwerkers, wenn er von einem alten Bauernbuffet spricht, das er vor Jahren in Fehraltorf aufgespürt hatte. «Der Besitzer fand, es sei reif für die Kezo. Heute steht es in einem Top-Zustand in meinem Wohnzimmer.»
Wie lange er noch weitermacht, das weiss er nicht. «Vielleicht bis ich in meiner Werkstatt tot umfalle.» Vor mehr als 20 Jahren erlitt er einen schweren Herzinfarkt: «Seither funktioniert nur noch ein Herzmuskel. Ich spüre das jeweils, wenn das Wetter umschlägt.» Vor einigen Jahren habe er mal einen Interessenten gehabt, der ihm das Geschäft abkaufen wollte. «Aber ich musste feststellen, dass er mich über den Tisch ziehen will.»
Und so steht Manfred Maier bis heute in seiner Werkstatt an der Stegenstrasse in Wetzikon. Dienstag bis Freitag von 8.30 bis 18 Uhr, am Samstag schliesst er um 15.30 Uhr. Spazieren gehen oder herumsitzen kann er später noch.