Laupner Familienbetrieb muss nach fast 50 Jahren schliessen
Reichmuth und Rüegg macht dicht
Tragisches Ende einer Traditionsfirma in drei Akten: Zuerst starb der Patron, dann liefen Mitarbeiter weg und zuletzt liess sich das Schiff der Reichmuth und Rüegg nicht mehr auf Kurs bringen. Jetzt geht es um Schadensbegrenzung.
«Gehen wir ins Sitzungszimmer. Es ist das einzige hier, das noch nicht geräumt ist.» Martina Rüegg erlebt so anstrengende wie wehmütige Tage. Die junge Firmenchefin löst das Metallbauunternehmen auf, das ihr Vater Bernhard († 55) einst aufgebaut und zum Erfolg geführt hatte.
Vor zwei Jahren ist die Reichmuth + Rüegg AG in eine ernste finanzielle Schieflage geraten und befindet sich aktuell im Nachlassverfahren. Martina Rüegg hat sich gegen den Konkurs und für die Nachlassstundung entschieden (siehe Box).
Konkurs: Kann ein Unternehmen seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen oder ist es überschuldet, droht der Konkurs. Mit der Konkurseröffnung werden in der Regel alle unternehmerischen Aktivitäten eingestellt.
Im Rahmen des Konkursverfahrens werden anschliessend alle Aktiven des Unternehmens verkauft und der Erlös unter den Gläubigern verteilt. Es gibt dabei drei Klassen von Forderungen. Die ersten beiden Klassen sind privilegiert. Es handelt sich dabei um Löhne, Beiträge an die berufliche Vorsorge und Versicherungen (AHV, IV).
Die Gläubiger der dritten Klasse – in der Regel sind das Lieferanten oder Kreditgeber – werden erst bedient, wenn diejenigen der oberen beiden Klassen vollständig befriedigt sind. Oft erhalten sie nichts oder nur einen Bruchteil des Gelds, das ihnen zusteht.
Nachlassverfahren: Das Nachlassverfahren ist als gesetzliches Sanierungsverfahren eine Alternative zum Konkurs und läuft ebenfalls unter den gesetzlichen Parametern des Schuldbetreibungs- und Konkursgesetzes (SchKG) ab.
Ein Unternehmen in der Krise kann beim zuständigen Gericht eine Nachlassstundung beantragen. Wird die Nachlassstundung bewilligt, kann das Unternehmen die Geschäftstätigkeit unter Aufsicht des gerichtlich eingesetzten Sachwalters fortsetzen. Während dieser Zeit kann das Unternehmen nicht betrieben oder gemahnt werden. Die Firma bleibt aktiv und verschafft sich Zeit für eine allfällige mögliche Sanierung.
Eine weitere Variante im Rahmen des Nachlassverfahrens besteht darin, die Geschäftstätigkeit – wie im Beispiel der Reichmuth + Rüegg AG – geordnet herunterzufahren und einzustellen. Damit kann für die Gläubiger oftmals ein besseres Ergebnis als im Konkurs erreicht werden.
Ein Nachlassverfahren ist nur möglich, wenn die Forderungen der ersten und der zweiten Klasse vollumfänglich gesichert sind.
(sco)
Ursprünglich mit dem Ziel, dass sie die Firma retten kann, später mit der Absicht, dass niemand zu Schaden kommt – keine Gläubiger, vor allem aber keine und keiner der rund 40 Mitarbeitenden.
«Ich bin hier in Wald/Laupen aufgewachsen und wohne hier. Ich könnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, den Leuten Geld zu schulden.»
Derzeit sind die letzten Mitarbeiter damit beschäftigt, die Produktionshallen im Industriegebiet von Laupen zu räumen. Im August wurden die letzten Aufträge beendet – Rüegg: «Bis auf die allerletzte Schraube …» –, und bis Ende September werden die Werkhallen in Laupen leer sein.
Anschlusslösungen für Mitarbeitende und Lernende
Es sei ihr «extrem wichtig, die verbleibende Arbeit transparent, professionell und sauber durchzuziehen. Dazu eignet sich das Nachlassverfahren besonders, da es durch die gerichtlich eingesetzte Sachwalterin streng überwacht wird und vor allem gegenüber den Gläubigern keine Fehler zulässt», sagt Martina Rüegg.
Für die Lernenden und die Mitarbeitenden habe man Anschlusslösungen gefunden: «Die vier Lehrlinge konnten ihre jeweiligen Lehrjahre bei uns abschliessen und führen ihre Ausbildung nun in anderen Unternehmen weiter.
Von den Mitarbeitenden nehmen einige ein Time-out oder gehen auf Reisen, alle anderen haben neue Stellen gefunden oder in Aussicht.»
Bleibt der Standort in Laupen: Derzeit steht Martina Rüegg gemeinsam mit der Sachwalterin in Verhandlungen mit einem potenziellen Käufer.
«Ich bin zuversichtlich, dass wir nach dem Verkauf sämtliche Forderungen decken können. Die Gläubiger brauchten in letzter Zeit viel Geduld mit uns, dafür möchte ich mich herzlich bedanken.»
Wie konnte es so weit kommen?
Bleibt die Frage, wie es so weit hatte kommen können. Noch vor zwei Jahren hatte die Metallbaufirma, die auf eine knapp 50-jährige Geschichte blickt, rund 40 Mitarbeitende beschäftigt. Vor allem der Bau von Balkonen rentierte.
«Es gab eine Mehrzahl von Gründen», sagt Martina Rüegg. «Einige sicher selbst verschuldet, bei anderen hatten wir auch einfach Pech.» Der Anfang vom Ende fällt ins Jahr 2017, als Firmeninhaber Bernhard Rüegg nach kurzer Krankheit verstarb.
Zurück blieben die damals 25-jährige Tochter Martina, die ungewollt zur Firmenchefin aufstieg, und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder.
Es folgten Abgänge von erfahrenen Mitarbeitern und deren Know-how. «Dazu kamen die Corona-Pandemie, einige Baustellen, die nicht rentierten, und Schwächen im Controlling», gibt Martina Rüegg unumwunden zu.
«Der Abschied fällt mir schwer»
Ende 2021 habe man festgestellt, dass die Firma in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten stecke. Martina Rüegg setzte an verschiedenen Orten neue Leitplanken, verstärkte das Controlling sowie das Management, versuchte den Turnaround, der erhoffte Erfolg der Massnahmen blieb leider aus.
Wenn die Werkhallen in Laupen verkauft und die Gläubiger bezahlt sind, endet die Geschichte der Reichmuth + Rüegg AG in Laupen und für Martina Rüegg eine der intensivsten Zeiten ihres bisherigen Lebens.
Rückblickend sei sie dankbar für die allseitige Unterstützung bis zur Auflösung des Familienbetriebs. Wie es für sie weitergeht, ist noch unklar: «Seit ich denken kann, gab es die Firma. Und der Abschied fällt mir sehr schwer.»