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Brüder aus Seelmatten verbinden Fisch- und Pflanzenzucht

Fischfilet oder doch lieber Ingwer aus Seelmatten? Beides ist möglich – dank eines ausgeklügelten Systems.

Michael (links) und Ramon Baur sind nicht nur für ihre Fische verantwortlich.

Fotos: PD/Bettina Schnider

Brüder aus Seelmatten verbinden Fisch- und Pflanzenzucht

Aquaponik in Turbenthal

Fische, Kräuter und Gemüse: Das bieten Ramon und Michael Baur aus Seelmatten in ihrem Laden an. Fische und Pflanzen bedingen sich gegenseitig. Ein spezieller Kreislauf macht es möglich.

Lange stand die ehemalige Käserei in Seelmatten leer. Heute findet man im Produktionsraum wieder grosse Becken. Wo einst Milch zu Käse verarbeitet wurde, schwimmen jetzt aber Tilapia-Fische, oder «Schwiizer Buntbarsche», in modernen Tanks.

Die Brüder Ramon und Michael Baur betreiben hier eine eigene Fischzucht. Ende Juni haben die Brüder im kleinen Stil Eröffnung gefeiert.

«Tilapia eignen sich besonders für die Zucht», sagt Ramon Baur. «Sie leben gerne in der Gruppe und sind daher weniger gestresst.»

Zudem kommen sie im Gegensatz zu einheimischen Fischen auch mit hohen Temperaturen bis zu 30 Grad klar. In der Natur leben sie nämlich vor allem in tropischen und subtropischen Gewässern.

Nichts geht ohne Bakterien

Denn die Fischfarm besteht nicht nur aus den Becken für die Tilapia. «Wir arbeiten mit dem Verfahren der Aquaponik», erklärt Michael Baur.

Das ist ein ausgeklügeltes Kreislaufsystem, welches die Aufzucht von Fischen mit der Kultivierung von Nutzpflanzen koppelt.

Man sieht den Kreislauf eines Aquaponik-Kreislaufs.
So funktioniert Aquaponik.

Das Wasser aus den Fischtanks wird unter anderem durch die Pflanzen gereinigt. Bakterien wandeln die Ausscheidungen der Fische in Nitrat um. Dieses wiederum nutzen die Pflanzen als Dünger. Somit wird gleichzeitig das Wasser gereinigt.

Sensible Kräuter

Im Raum neben den Fischen finden sich genau diese Pflanzen. Sie wachsen in grossen Becken oder in speziellen Rohren an der Wand.

Hier herrscht ein feuchtwarmes Klima. An der Decke hängen Lampen, die trotz fehlenden Fenstern für genügend Licht sorgen.

Unter diesen Bedingungen wachsen auch Pflanzen, die sonst in der Schweiz kaum angebaut werden, beispielsweise Ingwer. «Wir haben auch Kurkuma probiert», sagt Michael Baur. «Doch der wuchs zu schnell in die Höhe.»

Auch Chili und Kräuter bauen die Brüder an. «Wir sind noch etwas am Ausprobieren», ergänzt Ramon Baur. Auch die Pflanzen müssen sich zuerst an das System gewöhnen. «Vor allem die Kräuter», erklärt sein Bruder. «Denn durch die Rohre haben sie eigentlich ständig Wasser.»

Alarm auf Handy

Das gereinigte Wasser fliesst dann wieder zurück in die fünf verschiedenen Fischbecken. Darin sind die Fische nach Grösse – und damit nach Alter – sortiert.

Im Moment überprüfen die Brüder die Wasserqualität täglich. «Es ist so gut wie Trinkwasser», sagt Michael Baur. Er habe es sogar selber schon ausprobiert.

Man sieht Fischtanks.
Das Wasser aus den Fischtanks wird zum Düngen der Pflanzen verwendet.

Alles in allem ist die Fischfarm ein ziemlich komplexes System. Viele Sensoren und eine Steuerung sorgen dafür, dass alles immer überwacht wird. «Und wenn etwas nicht stimmt, kriegen wir sofort einen Alarm aufs Handy», erklärt Michael Baur. Bisher sei das aber noch nicht vorgekommen.

Am Anfang im Garten

Aufgebaut haben die beiden die ganze Anlage selber. Gut zwei Jahre haben sie gearbeitet, bis sie endlich die Eröffnung feiern konnten.

Michael Baur ist von Beruf Elektriker, sein Bruder arbeitet in der Versicherungsbranche. «Es war gut, dass ich manchmal eine Aussensicht auf das Ganze hatte», sagt dieser rückblickend.

Er habe als Nicht-Handwerker die Dinge manchmal etwas anders gesehen als sein Bruder, was bei Problemen oft zu einer Lösungsfindung beigetragen habe. «Wir haben uns gut ergänzt», stimmt ihm Michael Baur zu.

Wie viele Arbeitsstunden sie in ihr Projekt investieren, ist schwer zu berechnen. Immerhin haben sie keinen weiten Weg: Sie wohnen zusammen in einer WG oberhalb der Käserei.

Zur Aquaponik sind die beiden erst vor gut vier Jahren gekommen. Damals gestaltete Michael Baur den Garten der Familie um – samt Teich. «Beim Einlesen über mögliche Pumpsysteme bin ich dann per Zufall auf die Aquaponik gestossen», erinnert sich Michael Baur.

Er war sofort begeistert, baute einen ersten Kreislauf im Garten – und steckte seinen Bruder mit der Freude an.

Fokus auf Direktverkauf

Schnell kam der Gedanke auf, eine eigene Fischzucht zu eröffnen. Die geeigneten Räumlichkeiten fanden sie in der ehemaligen Käserei in Seelmatten.

Um ihr Unterfangen zu starten, hat Michael Baur sogar den Fachkurs für Aquakultur absolviert. Dieser ist gesetzlich vorgeschrieben.

Denn auch bei der Fischzucht gibt es viele Auflagen. Den Rahmen des Möglichen wollen die beiden Brüder aber nicht voll ausnutzen: «Es ist uns wichtig, dass sich die Fische bei uns trotz allem wohlfühlen.» So wollen sie die Menge überschaubar halten.

Aktuell haben sie einen Bestand von rund 5000 Fischen. «Wir wollen die Menge schon noch etwas steigern», sagt Ramon Baur. «Aber nur so weit, dass auch die Reinigung des Wassers funktioniert.»

Verhältnisse wie in anderen Zuchtbetrieben hauptsächlich im Ausland wollen sie auch in Zukunft nicht. «Dann sind die Fische gestresst, und das hat einen Einfluss auf die Qualität des Produkts.»

Wir haben kaum Werbung gemacht, und trotzdem waren die Filets rasch weg.

Ramon Baur

Fischzüchter aus Seelmatten

Deshalb nehmen sie auch in Kauf, dass sie nie einen Detailhändler beliefern werden. «Wir wollen uns auf den Direktverkauf konzentrieren und mit Restaurants oder Metzgereien zusammenarbeiten», sagt Michael Baur.

Der Selbstbedienungsladen neben der Käserei ist bereits in Betrieb. Dort verkaufen die zwei nicht nur ihre Fische, sondern auch Gemüse, das sie ernten. «Der Ingwer ist sehr beliebt», meint Ramon Baur. Auch die Seelmättler mögen die exotische Wurzel offenbar sehr.

Auch weitere Produkte von regionalen Produzenten sind im Angebot. Mit dem Verkaufsstart sind die beiden sehr zufrieden. «Wir haben kaum Werbung gemacht, und trotzdem waren die Filets rasch weg», freut er sich.

«So human wie möglich»

Das Ziel ist jetzt, die Produktion stetig auszubauen. Aktuell arbeiten beide Brüder noch Vollzeit in ihren angestammten Berufen. Gleichzeitig schauen sie in der Fischzucht zum Rechten.

«Wir wollen den Umsatz mit der Fischzucht steigern», meint Michael Baur, «und unsere Arbeitspensen reduzieren.»

Dass das Töten von Tieren Teil ihres Geschäftsmodells ist, ist den beiden bewusst. «Wir versuchen, das so human wie möglich zu machen», betont Ramon Baur.

Um die Fische zu betäuben, haben sie eine spezielle Maschine. Diese sorgt mit einem Stromstoss dafür, dass die Tiere keinen Schmerz spüren.

Und trotzdem ist es nicht ihre Lieblingsaufgabe: «Wenn wir bei dieser Tätigkeit irgendwann nichts mehr fühlen, dann müssen wir damit aufhören.»

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