Ein guter Boden für Jungunternehmer
Traum Selbständigkeit im Oberland
Das Hobby zum Broterwerb machen. Die Liebe zum erlernten Beruf. Der Wunsch nach Veränderung. Die Gründe, die Menschen in die Selbständigkeit führen, sind mannigfaltig. Tatsache ist, dass Firmengründungen im Oberland zunehmen.
«Viele Menschen haben in der heutigen Zeit das Bedürfnis nach mehr Freiheiten im Beruf und ermöglichen sich den Traum einer eigenen Firma.» Das Zitat stammt von Simon May, dem Co-CEO des Instituts für Jungunternehmen (IFJ).
Das Institut zählt seit 2019 die Zahl der Firmengründungen in der Schweiz. Ein Blick aufs Zürcher Oberland zeigt, dass im ersten Quartal 2023 so viele Firmen wie noch nie in diesem Zeitraum gegründet wurden.
«Die Region ist ein guter Nährboden für Unternehmensgründungen», sagt Giacinto In-Albon von der Standortförderung Zürioberland. Die Gründe sieht er in der Vielfalt der Region: «Wir haben beispielsweise den Innovationspark in Dübendorf mit seinen Start-ups. Wir haben am anderen Ende der Region den Bezirk Hinwil mit seiner Nähe zu Fachhochschulen.»
In S-Bahn-Distanz befinden sich die Universität Zürich, die ETH, die ZHAW und die Fachhochschule Ost mit ihren vielfältigen Bildungsangeboten. Und ein nicht zu unterschätzender Faktor sei die Lebensqualität mit viel Natur und attraktiven Naherholungsgebieten. Alles in allem sei das Zürcher Oberland ein guter Ort für neue Unternehmen.
KMU sind die Keimzellen unserer Volkswirtschaft. Und der Mut, neue Wege zu beschreiten, Risiken einzugehen und das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, eint alle Unternehmer.
Drei Beispiele für junge Menschen, die das Risiko eingehen.
Vom Büro ins eigene Café

Bahnhofstrasse 28. In Zürich wäre das eine absolute Traumlage – direkt am Paradeplatz und inmitten von schicken Boutiquen und teuren Uhrenläden. In Wetzikon ist das etwas anders.
«Das Gebiet rund um die untere Bahnhofstrasse hat eine Aufwertung verdient. Und es tut sich ja auch etwas», sagt Alexandra Kindlimann, während sie an der Kaffeemaschine ihres vor einem Jahr eröffneten «Punkt 28» hantiert.
Die Betreiberin macht Cappuccino, Espresso und Café crème, sie verteilt Gipfeli auf den Tischen, schneidet Kuchen an – alle selbst gemacht! – und plaudert mit ihren Gästen. Das «Punkt 28» ist gut frequentiert an diesem Donnerstagmorgen.
Backen war schon immer eine Leidenschaft von Alexandra Kindlimann. Die Schoggiwürfel hat sie täglich im Angebot, ebenso einen hervorragenden Cheesecake, dazu kommt ein wechselndes Sortiment an Kuchen und Torten.
«Punkt 28 – Café & Bar» heisst das Lokal. Entsprechend wichtig ist Alexandra Kindlimann die Qualität des angebotenen Kaffees. Die Bohnen bezieht sie von der Rösterei Stoll in Zürich, wo sie einen Barista-Kurs absolviert hat: «Aber viel in diesem Business ist Learning by Doing.»
Die 31-Jährige ist ursprünglich kaufmännische Angestellte. Während des Lockdowns hatte ihr Arbeitgeber Kurzarbeit verhängt. «Ich hatte also Zeit, mich mit meiner Zukunft zu beschäftigen.» Und diese sah sie nicht nur im Büro.
Und so entstand in den Räumen der ehemaligen Boutique Blickfang die Café-Bar Punkt 28.
Heute hat das «Punkt 28» 28 Plätze im Innern und einen Aussenbereich, der an schönen Tagen zum Verweilen lädt. Dazu kommen Parkplätze neben und hinter dem Haus.
Geöffnet hat Alexandra Kindlimann jeweils von Mittwoch bis Samstag. «Mit der Administration, dem Einkauf, dem Backen und dem Service genügt das», meint sie mit einem Lächeln. «Ein eigenes Lokal ist ein 7-Tage-Job. Es gibt keinen Abend, an dem ich nicht den Laptop mit nach Hause nehme.»
Am Donnerstag wird ihr schmuckes Café am Abend zur Bar. Bis 20 Uhr gibt es Feierabend-Drinks (auch alkoholfreie), Käse- und Fleischplättli. Im Angebot hat sie auch Sauerteigpizzen, die von Wetziker Junggastronomen geliefert werden.
«Es braucht Mut, sich selbständig zu machen», sagt Alexandra Kindlimann ein Jahr nach der Eröffnung. «In meinem Lokal stecken viel Engagement, Fleiss, Herzblut – und Geld.» Doch die Rechnung gehe auf, sagt die Inhaberin, während sie Salate und Sandwiches für die Mittagsgäste vorbereitet. «Die Feedbacks meiner Gäste sind durchwegs positiv.»
Kein Wunder, das «Punkt 28» ist eine kleine Oase, mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, mit Schwung und Leidenschaft geführt. Es tut sich etwas an der unteren Bahnhofstrasse in Wetzikon.
CEO ist hier jeder

«Unser Ziel ist es, qualitativ hochwertige, einzigartige und kreative Bilder für unsere Kunden zu produzieren», steht auf der Website der Visure GmbH in Wetzikon.
Visure, das sind vier Jugendfreunde, die die Leidenschaft fürs Filmen teilen: Stephan Deola, Timo Hämmig, Colin Weuste und Janis Wolf. Vier junge Männer, alle Mitte 20, haufenweise Video-Equipment und eine GmbH, an der jeder mit 25 Prozent beteiligt ist. Aber wer ist eigentlich der Chef?
«Wir alle sind CEO», sagt Timo Hämmig mit einem Lächeln.
Gegründet wurde die Visure GmbH im Jahr 2020. Doch die Geschichte beginnt einiges früher, in der Jugendzeit der vier Gründer und den Veranstaltungen der Jugendarbeit der Reformierten Kirche Wetzikon. Timo Hämmig erinnert sich: «Wir hatten damals einen sehr coolen, engagierten Jugendarbeiter. In den verschiedenen Lagern, die die Kirchgemeinde durchführte, stellte er jeweils ein Videoteam zusammen. Dieses drehte während des Tages und präsentierte das Tagesgeschehen abends als Film.»
Damit war die Saat gesetzt, und in den vier Freunden wuchs die Begeisterung fürs Filmemachen. Bald folgten erst kleine Aufträge – als Hobby neben Ausbildung und Beruf.
Während des Corona-Lockdowns nahm das Projekt Fahrt auf. Timo Hämmig: «Neben Aufträgen von Privatpersonen erhielten wir zunehmend solche von Firmen oder von Kirchen, die Videos von ihren Veranstaltungen oder Gottesdiensten in Auftrag gaben, da man sich ja nicht mehr in grösseren Gruppen treffen durfte.»
Somit wurde Visure zu gross, um nur ein Hobby zu sein. Timo Hämmig: «Der Umsatz stieg, und wir hatten einen Punkt erreicht, wo wir uns dazu entschieden, eine Firma zu gründen.» Eine GmbH sollte es sein: Einerseits, weil die vier jungen Männer die 20’000 Franken Mindestkapital für diese Rechtsform stemmen konnten, andererseits, «weil eine im Handelsregister eingetragene Firma einfach seriöser wirkt», erklärt Mitgründer Hämmig.
Seit mittlerweile drei Jahren ist das Quartett also nicht nur freundschaftlich, sondern auch geschäftlich verbunden. Ihre angestammten Berufe konnten sie aber noch nicht an den Nagel hängen. Drei der vier Gründer verdienen ihr Brot ausserhalb der Visure. Einziger Festangestellter ist Janis Wolf, Informatiker mit einem Bachelor in Cyber Security.
Das Angebot der Jungunternehmer ist breit gefächert. Spezialisiert sei man auf Produktevideos und Firmenporträts, erklärt Timo Hämmig: «Aber wir machen auch Events, Hochzeiten, Interviews oder Musikvideos.»
Ziel sei es, dass dereinst alle vier von der Filmerei leben könnten. Ein entsprechender Businessplan ist in Arbeit. «Wir wollen wachsen, unsere Effizienz steigern und Neukunden akquirieren. Qualität soll aber trotz Wachstum immer an erster Stelle stehen. Dazu brauchen wir eine Grundlage», sagt Timo Hämmig, der aktuell zu 80 Prozent als Sigrist bei der Reformierten Kirche arbeitet.
Kurzfristiges Ziel ist ein eigenes kleines Studio. Ausserdem möchten die vier ein Firmenauto anschaffen, und sie wollen so viel Umsatz machen, dass noch mehr professionelles Equipment angeschafft werden kann, um ein höheres Arbeitsvolumen stemmen zu können.
Neben den Zielen auch noch Träume. Timo Hämmig: «Wir wollen wachsen. Wir wollen in eine Position kommen, in der wir uns vor Aufträgen nicht mehr retten können. Wir wollen Mitarbeitende einstellen, Lernende ausbilden und ganz einfach viele spannende Projekte umsetzen.»
Chef, 21, weiblich
Mit 21 Jahren leitet Ann-Christine Ubrich eine Firma in der «Männerbastion» Autogewerbe. Die gelernte Fachfrau Leder und Textil ist Inhaberin der Autosattlerei Jaggi GmbH in Uster.
Es sei auch ihrer «Bequemlichkeit geschuldet», dass sie sich selbständig gemacht habe, sagt die junge Frau mit einem Lachen und löst den Widerspruch gleich selbst auf: «Ich liebe meinen Beruf. Alle meine Freunde wohnen in Uster und Umgebung. Ich habe in Gossau mein Pferd und möchte einfach nicht weg.»
Es gibt nicht mehr viele Autosattlereien in der Schweiz. Hätte Ann-Christine Ubrich nach der Lehre die Stelle gewechselt, dann wäre das mit Pendeln oder Umzug verbunden gewesen. «Und darauf hatte ich keine Lust», sagt die 21-Jährige, die sich in ihrer Freizeit dem Pferdesport widmet.
Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere Seite ist der frühere Firmeninhaber Markus Jaggi. Er hatte das Pensionsalter erreicht und sah zwei Möglichkeiten vor sich: Entweder er findet eine geeignete Nachfolge, oder er muss das 1952 von seinem Vater gegründete Geschäft schliessen.
Im Juni 2022 übertrug er die Firma an seine frühere Lernende, die seither als Vorsitzende der Geschäftsleitung firmiert. Finanziell beteiligt ist auch Ann-Christine Ubrichs Vater Horst. Der Ustermer hat sich einen Namen als Fachmann im Gesundheitswesen gemacht, ist aktuell Geschäftsführer des Palliativzentrums Lighthouse in Zürich und unterstützt seine Tochter in seiner Freizeit und an Wochenenden.
«Allein hätte ich die Geschäftsübernahme finanziell nicht stemmen können», sagt die Chefin von sieben Mitarbeitenden, Mutter Beate Schmitt eingeschlossen, die sich um die Administration kümmert.
«Meine Eltern behalten die Finanzen im Blick», sagt Ann-Christine Ubrich. «Sie machen das, was ich noch nicht kann.» Und Vater Horst Ubrich steht der Tochter bei wichtigen Entscheidungen bei – beispielsweise bei Investitionen oder Neuanstellungen.
Die Akzeptanz der früheren Kollegen für eine 21-jährige Frau als Chefin sei kein Problem, sagt Ann-Christine Ubrich: «Und wenn wir neue Mitarbeiter einstellen, dann müssen die mit mir funktionieren können.» Das Betriebsklima habe sich verändert, seit ihre Tochter am Ruder sei, meint Mutter Beate Schmitt: «Aber das hat wohl weniger mit dem Geschlecht der Chefin zu tun als mit ihrer Generation. Junge Menschen kommunizieren offener und direkter.»
Natürlich müsse sie als Führungskraft noch dazulernen, sagt Ann-Christine Ubrich: «Nur weil die Firma auf dem Papier mir gehört, bin ich noch keine Leaderin.» Sie verlasse sich im Umgang mit den Mitarbeitenden auf ihren gesunden Menschenverstand.
Die Entscheidung, mit 21 Jahren eine Firma zu übernehmen, habe ihr keine schlaflosen Nächte bereitet, meint Ann-Christine Ubrich mit einem Lächeln: «Die kamen erst später …» Mittlerweile haben sie, ihre Eltern und auch Markus Jaggi, der seine Nachfolgerin in einem 50-Prozent-Pensum fachlich unterstützt, die Gewissheit, dass es nahtlos weitergeht. «Ich bin sehr zufrieden mit dieser Lösung», sagt Jaggi.
Die Übernahme eines etablierten Unternehmens bringt für Ubrich den Vorteil, dass ein treuer Kundenstamm besteht. Dieser setzt sich einerseits aus Garagisten und Carrossiers der Region zusammen, die Sattlerarbeiten auslagern. Aber auch Private bringen Aufträge für Oldtimer, Motorräder oder auch Boote.
Und welche Ziele hat sie als Unternehmerin? «Genügend Aufträge, Topqualität, ein gutes Betriebsklima und natürlich weiterhin schwarze Zahlen am Ende des Jahrs. Sonst hätten wir ein grundsätzliches Problem.» Und dann erwähnt Ann-Christine Ubrich noch ein Ziel, das erstaunlich klingt aus dem Mund einer 21-Jährigen: «Und wenn ich in 40 oder 50 Jahren in Rente gehe, dann möchte ich eine geeignete Nachfolge haben.» Bis dahin bleibt ja noch etwas Zeit.
