Dreiste Produktfälscher wildern im Oberland
4,5 Milliarden Franken – so viel Umsatz entgeht Schweizer Unternehmen jedes Jahr durch Produktfälschungen und Markenpiraterie. Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in einer aktuellen Studie. Sie hat die Zahlen im Auftrag des Eidgenössischen Instituts für Geistiges Eigentum rückblickend für das Jahr 2018 erhoben.
10‘600 Arbeitsplätze soll das Geschäft mit Nachahmer-Waren vernichtet haben, wie die OECD schätzt. Zudem seien der Staatskasse Steuereinnahmen von rund 150 Millionen Franken durch die Lappen gegangen. Der Schaden für die Schweizer Wirtschaft dürfte aber weit höher liegen: Laut den Verantwortlichen der Studie sind die beschriebenen Auswirkungen nur die Spitze des Eisbergs.
Auch vor dem Oberland machen Produktpiraten nicht Halt. Zwei Firmen in Uster berichten von den erheblichen Folgen.
Farbmanufaktur Kt.Color (Uster)
Morgenblau. Persischorange. Feenhaargrün. In der Domäne von Katrin Trautwein kommt es auf feinste Nuancen an. Ihre Manufaktur Kt.Color in Uster stellt hochwertige Farben für Architektur und Innenausstattung her. Während die Industrie ihre Produkte aus einem Dutzend Abtönpasten mischt, verwenden Trautwein und ihr Team rund 120 verschiedene Pigmente für die Farbherstellung – ein Drittel davon Naturpigmente.
«Wir sind leider fast täglich mit Produktfälschungen konfrontiert.»
Katrin Trautwein, Inhaberin Kt.Color
Ob Wohnhausfassaden, Spitalflure, Kirchenschiffe oder Streckentunnel von U-Bahnen: Im gesamten deutschsprachigen Raum setzen Bauherren auf die Farben von Kt.Color. Oder was sie dafür halten: «Wir sind leider fast täglich mit Produktfälschungen konfrontiert», sagt Trautwein.
Und das seit der Firmengründung im Jahr 2000. Damals war die promovierte Chemikerin mit einem Paukenschlag gestartet: Sie hatte die längst verloren gegangene Rezeptur von Originalfarben des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier rekonstruiert.
Die neuen Farben, basierend auf den ursprünglichen Pigmenten und versehen mit dem Schriftzug «Le Corbusier», brachten der Manufaktur sofort die Aufmerksamkeit der Architektur-Szene ein – und riefen Trittbrettfahrer auf den Plan. «Nur ein Jahr später verkaufte ein führender deutscher Farbhersteller eine eigene Produktpalette unter dem gleichen Brand, allerdings ohne Le Corbusiers Pigmentauswahl.»
Problem mit Patentierung
Mit den Fälschungen ist es seither «munter weitergegangen», so die Geschäftsführerin. Oft nach dem gleichen Prinzip: Die Hersteller scannen die Farbmuster von Kt.Color und bieten ihrerseits Produkte aus den eigenen Abtönsystemen an. «Farben sind nicht patentierbar, das ist das Grundproblem.»
Dazu komme ein hoher wirtschaftlicher Anreiz, Premiumfarben zu fälschen. Denn an den handelsüblichen Standardfarben würden Hersteller und Maler «kläglich» verdienen. Wer dagegen eine englische Landhausfarbe im Angebot habe, könne eine deutlich höhere Marge verlangen.
«Wie sich schnell herausstellt, ist die Arbeit gar nicht mit unseren Produkten ausgeführt worden.»
Katrin Trautwein, Inhaberin Kt.Color
Neben dem eigenen Betrieb, der durch Fälschungen um seine Umsätze gebracht werde, gehöre auch die Bauherrschaft zu den Geschädigten. Denn die Qualität der Fälschungen falle stark vom Original ab. Ständig würden sich Kunden bei ihnen beschweren, dass die Farben, die auf den Musterkarten eine leuchtende Tiefe besässen, an der Wand nur noch flach und leblos wirkten. «Wie sich dann schnell herausstellt, ist die Arbeit gar nicht mit unseren Produkten ausgeführt worden, sondern mit normalen Industriefarben.»
Laut Trautwein profitiert bei einem solchen Vorgehen der Maler von einer höheren Marge, weil der ahnungslose Bauherr den vereinbarten Aufpreis zahlt.
Ein Schwindel fliegt auf
Vor einigen Jahren sollten die Innenräume einer Stadtzürcher Privatklinik mit ihrer Farbe gestrichen werden, wie sie erzählt. Stattdessen hätten die beteiligten Maler verschiedene gefälschte Produkte verwendet. Der Schwindel sei aufgeflogen, weil die Farbgebung an den Wänden nicht einheitlich ausfiel.
«Plötzlich brach Panik bei den Verantwortlichen aus.»
Katrin Trautwein, Inhaberin Kt.Color
Daraufhin habe das zuständige Architekturbüro ein Zertifikat von den Zulieferern verlangt, das die Echtheit der angeblichen Kt.Color-Farbe belegen sollte. «Plötzlich brach Panik bei den Verantwortlichen aus.»
Diese hätten noch versucht, die Originalfarbe in kleinen Mengen nachzukaufen, um an die Farbeimer mit Echtheitssiegel und Stempel inklusive Chargennummer zu gelangen. «Das Problem war nur, dass immer auch die jeweilige Menge auf unserem Etikett steht.»
Trotzdem sei die gefälschte Farbe an den Wänden geblieben. Das Architekturbüro habe sein Projekt fristgerecht abschliessen wollen und es bei dem Versprechen belassen, künftig auf andere Maler auszuweichen. «Es ist die Ausnahme, wenn Räumlichkeiten nach einem solchen Vorfall mit unserer Farbe übermalt werden.»
Entgangene Umsätze
Den wirtschaftlichen Schaden durch Fälschungen schätzt sie hoch ein und stützt sich dabei auf eine Marktanalyse, die sie vor fünf Jahren in Auftrag gegeben habe. «Demnach könnten wir drei- bis viermal so viel Umsatz erwirtschaften, wenn tatsächlich überall unsere Farben verwendet würden.»
In den meisten Fällen stehe man der Produkt-Piraterie jedoch machtlos gegenüber. Lediglich der Markennamen lasse sich schützen. «Wenn ein Hersteller ‹Kt.Color› auf seine Farbeimer schreibt, gehen wir rechtlich dagegen vor.»
So auch gegen einen deutschen Hersteller, der jüngst damit werbe, ihre Farben in seiner Mischmaschine einprogrammiert zu haben.
Einem renommierten Schweizer Hersteller habe Trautwein einmal einen «zähnefletschenden Brief» geschrieben, nachdem dieser behauptet hatte, eine Lizenz für Kt.Color-Farben erworben zu haben. «Dabei vergeben wir gar keine Unterlizenzen.»
Als Reaktion auf diese und ähnliche Erfahrungen hat die Farbmanufaktur den Wiederverkauf ihrer Farben vor einigen Jahren eingestellt. Seither dürfen nur autorisierte Partner ihre Produkte vertreiben. Gefälscht werde aber nach wie vor, so Trautwein.
Fehlendes Unrechtsbewusstsein
Am meisten ärgert sich die Gründerin über das fehlende Unrechtsbewusstsein in ihrer Branche. Als sie einen Schweizer Farbfabrikanten mit namensgleichen Fälschungen in seinem Sortiment konfrontierte, sei dieser zwar schockiert über das Verhalten seiner Laboranten gewesen. «Er meinte aber, das Problem dadurch lösen zu können, dass man Nachmischungen unserer Farben einfach anders benennt.»
Ihm sei nicht klar gewesen, dass das Nachmischen an sich schon problematisch sei, weil er sich dadurch die Entwicklungskosten für eigene Produktlinien erspare. Auf diese Praxis habe er aber nur verzichten wollen, wenn alle anderen Hersteller es ihm gleichtäten.
«Wir haben keine Sprache für die unmittelbare Sinnlichkeit.»
Katrin Trautwein, Inhaberin Kt.Color
Dass das Geschäft mit Fälschungen so floriert, ist aus Sicht von Katrin Trautwein auch ein Zeichen für die fehlende Wertschätzung der Farbe gegenüber – und zwar sowohl in der Bevölkerung als auch bei vielen Architekten. «Wir haben keine Sprache für die unmittelbare Sinnlichkeit.»
Beispielsweise sei Weiss für viele Leute eine neutrale Farbe – warum also mehr dafür zahlen als nötig?
Büchiglas (Uster)
Auch Silvio Büchi, CEO der Büchi AG (Büchiglas) in Uster, macht immer wieder die Erfahrung, dass sich andere Firmen bei ihren Ideen bedienen. «Das fängt mit dem Klauen von Produktfotos von unserer Webseite an und geht bis zum dreisten Nachbau ganzer Anlagen.»
Büchiglas stellt Reaktorsysteme und Pilotanlagen für die chemische und pharmazeutische Industrie sowie für Forschungseinrichtungen her. In ihren komplizierten Gerätschaften aus Glas, Emaille und Metall entstehen dann unter anderem Pharma-Wirkstoffe. Büchi führt das Familienunternehmen seit 2016 in der dritten Generation.
Offensichtliche Plagiate
Der 34-Jährige ruft die Webseite eines indischen Konkurrenten auf. «Das Design und die Inhalte sind eins zu eins von der Vorgängerversion unserer heutigen Webseite abgekupfert.»
Solche offensichtlichen Plagiate, zumeist von Firmen aus Asien, kämen eher zufällig ans Licht, etwa wenn man sich über neue Produkte am Markt informiere. Oder ein Distributor mache sie darauf aufmerksam.
«Werden auch Fotos von uns geklaut, gehen wir rechtlich dagegen vor.» Den wirtschaftlichen Schaden durch diese Form von Piraterie schätzt er vergleichsweise tief ein. «Es macht uns hässig, aber wir haben das Problem im Griff.»
Gravierender seien Verletzungen des Markenrechts bei etablierten Brands. So benutzte ein deutscher Konkurrent einen registrierten Büchiglas-Produktnamen, den «Pilotclave», für seinen eigenen Druckreaktor, wie Büchi schildert. «Mit dem einzigen Unterschied, dass bei ihm der Buchstabe T fehlte.»
Daraufhin habe er der Firma einen «freundlichen Brief» mit Verweis auf die Markenregisternummer geschrieben. «Der Geschäftsführer entschuldigte sich sofort für das angebliche Versehen.»
Markenzeichen abgekupfert
Machtlos ist Büchi gegen ein anderes Phänomen. Es betrifft die blauen Verbindungskomponenten zwischen den Röhren und Elementen ihrer Glasanlagen: die Flansche. «Jahrzehntelang waren wir die einzigen, bei denen die Flansche in dunkelblauem Büchi-Blau gehalten waren.» Inzwischen würden sich alle etablierten Konkurrenten mit ihrem Markenzeichen schmücken.
«Das ist stinkfrech.»
Silvio Büchi, CEO Büchiglas
Aber dabei bleibe es nicht. Auch das Design ihrer Anlagen gerate immer wieder ins Visier von Produktpiraten. So habe ein indischer Konkurrent erst kürzlich den Kippmechanismus für einen Nutschenfilter inklusive Kurbel nahezu identisch nachgebaut. «Das ist stinkfrech.»
Vom selben Konkurrenten sei Anfang Jahr ein Druckreaktor auf den Markt gekommen, bei dem es sich ebenfalls um eine direkte Kopie handle. Büchi legt zwei Fotos nebeneinander: Ihr eigenes Modell – ein Druckbehälter aus Glas mit Deckelplatte – ist umgeben von einem metallischen Schutzkäfig mit kleinen viereckigen Aussparungen. Das indische Modell unterscheidet sich nur in wenigen formalen Details vom Schweizer Original – nicht aber im technischen Aufbau.
«Gegen solche Kopien sind wir mehr oder weniger machtlos.»
Silvio Büchi, CEO Büchiglas
Büchi stellt fest: «Gegen solche Kopien sind wir mehr oder weniger machtlos.» Ihm zufolge lassen sich die Designmuster von technischen Anlagen grösstenteils nicht schützen. «Das gilt leider auch für komplette Anlagenkonzepte.» Patentierbar seien Anlagen oder einzelne Komponenten nur dann, wenn sie als technisch neuartig ausgewiesen werden können. Das lasse sich aber nur schwer nachweisen.
Kopie mit Mängeln
Die Qualität der Kopien ist teilweise ungenügend, wie Büchi sagt. Im Falle des Reaktors mit dem metallischen Schutzkäfig hätten die Plagiatoren beispielsweise das Prinzip des nachgeahmten Gerätes nicht verstanden: Die Aussparungen seien viel zu gross geraten und die Schiebetür nicht ausreichend verankert.
«Wir unterziehen unsere Druckreaktoren immer strengen Explosionstests.»
Silvio Büchi, CEO Büchiglas
Bei einer Explosion würde so nicht nur der Druck entweichen, sondern auch das Glas des Druckbehälters gleich mit – eine hohe Verletzungsgefahr. «Wir unterziehen unsere Druckreaktoren deswegen immer strengen Explosionstests.»
Unlauterer Wettbewerb
Wie viel Umsatz seiner Firma durch Ideenklau entgeht, kann Büchi nur schwer beziffern. Es dürfte aber durchaus eine hohe Summe zusammenkommen, wenn ganze Anlagen durch Kopien substituiert würden.
«Man kopiert lieber, statt sich die Mühe zu machen, selber gute Lösungen zu entwickeln.»
Silvio Büchi, CEO Büchiglas
Für ihn steht fest: Produktpiraterie ist eine Form von unlauterem Wettbewerb. «Man kopiert lieber, statt sich die Mühe zu machen, selber gute Lösungen zu entwickeln.»
Das Problem an sich sei nicht neu und hänge mit der Qualitätsführerschaft von Büchiglas zusammen. «Wer als erster mit einem neuen Produkt erfolgreich ist, wird auch als erster kopiert.»
In vielen Fällen würden Büchiglas-Anlagen in jenen Industriebetrieben ausgespäht, wo sie aufgebaut seien. «Das ist leicht möglich, wenn unsere Konkurrenten im selben Betrieb Service-Dienstleistungen durchführen.» Es komme aber auch vor, dass Produktpiraten eine Anlage secondhand erständen und studierten.
Neue Stufe der Dreistigkeit
Dass die Zahl der Plagiatsfälle in den letzten Jahren zugenommen hätte, kann der Geschäftsführer so nicht bestätigen. «Die Fälle werden durch das Internet nur sichtbarer.» Was ihn aber schockiere, sei die Tatsache, dass inzwischen auch deutsche Firmen dazu übergingen, Büchiglas-Produkte zu kopieren, und nicht mehr nur Inder oder Chinesen. «In der Dreistigkeit ist das eine neue Stufe, vor allem bei einem grossen Player.»
Er habe diesen Konkurrenten aus dem Nachbarland auch schon mit seinem Vorgehen konfrontiert. «Aber das ist vergebene Mühe.»
Genauso wenig verspricht sich Silvio Büchi davon, den Rechtsweg in Asien zu bestreiten, um gegen Plagiate vorzugehen. Dabei würden sich Kosten und Nutzen nicht die Waage halten. «Wir müssen wohl oder übel in den sauren Apfel beissen, weil wir durch unsere Vorreiterrolle so stark exponiert sind.»