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«Niemand zweifelt, dass sich unsere Arbeit auszahlen wird»

Die Firma Battrion will Elektroautos schneller aufladbar machen. Ihr ungewöhnliches technisches Verfahren weckt die Neugier der Automobilindustrie. Ein Interview mit Mitgründer Max Kory über kreatives Chaos, die Poren von Grafit und Unzufriedenheit als Treiber.

Max Kory mit einer auf einer Rolle gespeicherten Kupferfolie, auf der die von Battrion kreierte Grafitschicht aufgetragen ist.

Mirjam Müller

«Niemand zweifelt, dass sich unsere Arbeit auszahlen wird»

Wer ein Elektroauto fährt, kennt das Problem: die lange Ladezeit der Antriebsbatterie, vor allem wenn man unterwegs ist. In Dübendorf ist die Firma Battrion angetreten, dieses Problem zu lösen. Das ETH-Start-up hat ein revolutionäres Verfahren entwickelt, dank der sich Batterien fast doppelt so schnell laden lassen als bisher. Dazu kommen weitere Vorteile, wie Max Kory, Leiter des Tagesgeschäfts (COO) und Mitgründer von Battrion, im Interview erklärt.

Der 33-jährige Kory kam als 19-Jähriger aus Deutschland in die Schweiz, um Chemie zu studieren. Während des Doktorats an der ETH in Zürich, lernte er Martin Ebner kennen – e ine Begegnung mit weitreichenden Folgen. Ebner hatte nämlich in seiner Doktorarbeit einen Weg beschrieben, wie sich die Porenstruktur in einer Grafitschicht ordnen und ausrichten lässt. Damit war das Fundament für jene Technologie gelegt, an der sie heute in Dübendorf zusammen tüfteln. Eine Technologie, die weltweit die Herstellung von Batterien beeinflussen wird.

Herr Kory, hier in Ihrer Werkstatt in Dübendorf sieht es etwas chaotisch aus. Ist das normal?
Max Kory: So chaotisch ist es gar nicht. Wir sind in einer Experimentierwerkstatt. Ziel ist es, innerhalb kurzer Zeit Entwicklungen zu machen. Wir bauen Protoypen, um neue Komponenten für unser Verfahren zu testen und dabei gleichzeitig möglichst viel dazuzulernen. Im Erdgeschoss, wo sich die Produktion befindet, sieht es ganz anders aus, fast klinisch sauber und aufgeräumt. Dort verfolgen wir ein andereres Ziel, nämlich Prozessstabilität, sprich: Es wird ganz genau nach Protokoll gearbeitet.

Seit wann existiert das Labor in Dübendorf?
Wir sind im Oktober 2017 nach Dübendorf gekommen. Vorher haben wir zwei Jahre lang am ETH/IBM Campus in Rüschlikon am Projekt gearbeitet. Aber wir mussten schnell feststellen, dass wir für die Entwicklung unseres Verfahrens mehr Platz brauchen. Deshalb sind wir umgezogen.

Wer ist « wir » ?
Die Firma Battrion, die 2015 gegründet wurde. Wir sind inzwischen etwas mehr als ein Dutzend Personen aus ebenso vielen Ländern. Intern wird deshalb auf Englisch kommuniziert.

« Mit unserer Technologie lässt sich der Ladevorgang auf 15 Minuten reduzieren. »

Max Kory, Leiter Tagesgeschäft und Mitgründer von Battrion

Was genau wird hier entwickelt?
Ein neuartiges Verfahren, um eine Komponente der Lithium-Ionen Batterie, die negative Elektrode oder auch Anode genannt, besser und kostengünstiger herzustellen. Batterien mit negativen Elektroden aus unserem Haus lassen sich deutlich schneller laden.

Wie genau fuktioniert das?
In einer Lithium-Ionen Batterie wandern die Lithium-Ionen beim Laden von der positiven zur negativen Elektrode. Je kürzer der Weg für die Ionen ist, desto schneller lässt sich laden. Die Weglänge wird durch die innere Struktur der negativen Elektrode vorgegeben. Sie besteht aus unzähligen winzigen Grafitpartikeln. Bei den heutzutage verbauten negativen Elektroden liegen diese Partikel quer, wodurch sich der Weg für die Ionen verlängert. Mit unserer Technologie richten wir die Grafitpartikel vertikal aus und verkürzen so den Weg. Dadurch kann man schneller laden.

Wie viel schneller?
Viel schneller. Die derzeit besten Elektroautos benötigen eine Ladezeit von circa 25 Minuten für eine Reichweite von 400 Kilometern. Mit unserer Technologie lässt sich der Vorgang auf 15 Minuten reduzieren.

Wie läuft das Laden eines Elektroautos normalerweise ab?
Die Ladesäulen sind auf eine bestimmte maximale Laderate ausgelegt. Die besten schaffen heute circa 350 Kilowatt. Allerdings kann diese hohe Laderate, wenn überhaupt, nur am Anfang und auch nur für kurze Zeit verwendet werden. Dann muss die Ladeleistung reduziert werden, da die Lebensdauer der Batterie im Elektroauto sonst stark leidet. Auf Dauer kann im schlimmsten Fall durch zu schnelles Laden die Batterie in Flammen aufgehen. Mit Batterien, die unsere Technolgie enthalten, lässt sich die maximale Laderate deutlich verlängern und in kürzerer Zeit laden.

Gibt es weitere Vorteile?
Heutzutage haben Batterien für Elektroautos noch einen grossen CO2-Abdruck und verschwenden wertvolle Rohmaterialien. Mit unserem Verfahren lässt sich etwa 10’000 Kilogramm CO2 pro Gigawattstunde einsparen. Gleichzeitig fällt massiv weniger Abfall bei der Produktion von Graphit für die Batterieherstellung an.

Weniger Widerstand bedeutet höhere Leistung und weniger Wärmeentstehung. »

Max Kory, Leiter Tagesgeschäft und Mitgründer von Battrion

Wo können die von Ihnen entwickelten Batterien eingesetzt werden?
Überall dort, wo Lithium-Ionen-Batterien zum Einsatz kommen: bei Elektroautos, E-Bikes, Bohrmaschinen, Laptops, Handys.

Ihre Technologie beschleunigt die Ladezeit. Gilt das Gleiche auch beim Entladen?
Das System funktioniert in beide Richtungen. Manche Anwendungen wie beispielsweise Akkubohrer benötigen hohe Leistungen und werden beim Entladen sehr warm. Mit unsererem Verfahren verkürzen wir den Weg für die Ionen. Dadurch reduzieren wir den elektrischen Widerstand in der Batteriezelle. Weniger Widerstand bedeutet höhere Leistung und weniger Wärmeentstehung.

Wer interessiert sich für Ihre Arbeit?
Am meisten die Automobilindustrie, aber natürlich auch die Batteriehersteller. Wir führen entsprechende Gespräche und sind am Verhandeln. In etwa zwei Jahren werden wir voraussichtlich soweit sein, dass Batterien in grossen Mengen mit unserem System zum Einsatz kommen. In Kleinserien werden sie bereits getestet. Die entsprechende Fertigungstechnologie gibt es bisher nur hier in Dübendorf. Das wird sich mit Sicherheit ändern.

In der Regel wurde, was Batterien betrifft, auf einem anderen Gebiet oder mit anderen Zielen geforscht. Im Vordergrund stand die Kapazität der Batterien, also die Energiedichte. Ihre Firma ging einen anderen Weg.
Die Energiedichte von Lithium-Ionen-Batterien wurde seit 1990 regelmässig erhöht. Es war bisher ein ziemlich linearer Prozess, und wir erwarten, dass dies auch so weitergeht. Wir haben mit der Ladedauer dagegen ein anderes Problem angepackt. Wer einen Benziner an die Tankstelle fährt, ist nach fünf Minuten fertig mit Tanken und kann dann 800 Kilometer weit fahren. Beim Elektroauto sieht es ganz anders aus. Das wollen wir ändern.

« Der Treiber für Innovationen ist die Unzufriedenheit mit etwas  mit einem Problem, das man lösen will. »

Max Kory, Leiter Tagesgeschäft und Mitgründer von Battrion

Sie sind ein klassisches Start-up. Wer finanziert Sie?
Geldgeber sind Kunden, mit denen wir in gemeinsamen Entwicklungsprojekten arbeiten. Daneben wurde Fremdkapital aufgenommen, und es gibt auch staatliche Hilfe in Form von Darlehen. Dass sich unsere Arbeit auszahlen wird, daran zweifelt eigentlich niemand. Unsere Technologie wurde von vielen Firmen bereits erfolgreich getestet.

Start-ups gelten als kreativ und innovativ. Was verstehen Sie darunter?
Der Treiber für Innovationen ist die Unzufriedenheit mit etwas  – mit einem Problem, das man lösen will. Diese Haltung führt zu einem kreativen lösungsorientierten Denken und zwangsläufig auch zum Unternehmertum. Menschen, die so denken, findet man heutzutage deshalb häufiger in Start-ups. Dort gehört Problemlösen zur Tagesordnung. Diese Herangehensweise hat einen weiteren Effekt, der oft aus dem Blick gerät: Man wird bescheiden.

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