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Ihretwegen heult das ganze Land

Im Februar ertönen sie landauf, landab: Sirenen «made in Dübendorf». Die Kockum Sonics AG ist der Schweizer Branchenprimus. Aber der Markt ist schwieriger geworden – nicht erst seit der Pandemie.

Denn hier oben sind sie zu Haus', meistens jedenfalls: die Sirenen der Kockum Sonics AG aus Dübendorf., Geschäftsführer Pascal Loretz hat früher selber die Sirenenanlagen installiert. Heute machen das seine Mitarbeiter., Im letzten Jahr hat Corona-Pandemie die Wartung der Anlagen erschwert, vor allem wenn sie auf Spitälern oder Altenheimen sind.

PD

Ihretwegen heult das ganze Land

Jeweils vor dem ersten Mittwoch im Februar steigt bei Pascal Loretz die Anspannung. An diesem Tag findet der jährliche Sirenentest statt. Wenn es ab 13.30 Uhr im ganzen Land von den Dächern heult, ist seine Firma « in aller Ohr » . Die Kockum Sonics AG in Dübendorf produziert, installiert und wartet seit 1961 Sirenensysteme zur Alarmierung und Warnung der Schweizer Bevölkerung. « Der Probealarm ist ein wichtiger Stresstest für unsere Anlagen » , sagt der Geschäftsführer. « Mängel werden schonungslos offengelegt. »

Für 65 Prozent der circa 5000 stationären Sirenenanlagen in der Schweiz seien sie verantwortlich. Dazu kämen mehrere Hundert mobile Anlagen auf Fahrzeugen. Ihr Kunde ist die öffentliche Hand, vor allem Gemeinden und Kantone. « Gelegentlich rüsten wir auch grosse Industriefirmen mit internen Alarmierungssystemen aus, dann aber mit anderen Alarmsignalen », so Loretz.

« Unsere Monteure und Techniker haben sich bereitgehalten, um schnell ausrücken zu können. »

Pascal Loretz, Geschäftsführer Kockum Sonics AG

Den Sirenentest verfolgt der 31-Jährige normalerweise von seinem Büro aus, wo er und sein Team die Störmeldungen orten und bearbeiten. In diesem Jahr mussten sie Corona-bedingt im Homeoffice bleiben. « Unsere Monteure und Techniker haben sich aber bereitgehalten, um schnell ausrücken zu können. » Die ersten Störungsbehebungen seien noch am selben Nachmittag ausgeführt worden.

Mindestens 23 Jahre störungsfrei

2020 wiesen circa 1 bis 2 Prozent der von Kockum Sonics installierten Anlagen eine Störung auf, wie Loretz mitteilt. Die genauen Zahlen für dieses Jahr liegen noch nicht vor, aber er geht davon aus, dass sich die Störungen etwa auf dem gleichen Niveau bewegten. « Ein normaler Wert. » Sein Vertrauen in den reibungslosen Betrieb der allermeisten Geräte ist entsprechend gross. Immerhin muss er gewährleisten, dass deren Betriebsdauer zwischen zwei aufeinanderfolgenden Ausfällen mindestens 200’000 Stunden beträgt. Das sind fast 23 Jahre. « Unsere Systeme werden vor der Zulassung entsprechend geprüft und zertifiziert. »

Aus je zwei Komponenten bestehen die Sirenenanlagen: dem Sirenenkopf, der den Heulton abgibt, und der digitalen Steuerungseinheit. « Sie ist das Herzstück der Anlage und wird von einer Partnerunternehmung in der Stadt Zürich gefertigt » , sagt er. Dazu kommt noch das national einheitliche Fernsteuergerät eines anderen Herstellers; es löst den landesweiten Alarm aus.

Am störanfälligsten sind laut Loretz die Batterien. « Gerade dort, wo es grosse Temperaturschwankungen gibt, leidet das Leistungsniveau. » Die Behebung solcher Störungen, die zumeist erst beim Sirenentest auftreten, gehört zu den zentralen Sekundärleistungen von Kockum Sonics. « Der reine Produktvertrieb lohnt sich heute viel weniger als früher, weil unsere Anlagen so langlebig sind. » Mindestens 15 Jahre beträgt die Lebensdauer von Sirenen.

Rückgang bei neuen Anlagen

Zurzeit installiert die firmeneigene Montage-Equipe – zusammen mit lokalen Dachdeckern, Spenglern und Elektroinstallateuren – nur noch 50 bis 100 neue Anlagen pro Jahr. Zwischen 2011 und 2015 seien es noch 200 bis 300 pro Jahr gewesen. Für den Rückgang macht Loretz auch das Auslaufen eines Bundesprojekts unter dem Namen « Polyalert » verantwortlich, das ihnen damals ein volles Auftragsbuch beschert habe.

« Gerade nach Umbauten kann eine Sirene auf dem Estrich plötzlich versperrt sein. »

Pascal Loretz, Kockum Sonics

Aufgrund ihrer Langlebigkeit wird die Instandhaltung der Sirenen umso wichtiger. In vielen Fällen schliessen die Auftraggeber deshalb einen Wartungsvertrag mit der Dübendorfer Firma ab. « Wir empfehlen, die Geräte alle zwei Jahre von uns inspizieren und warten zu lassen. » Dabei überprüften die Mitarbeiter nicht nur die Funktionstüchtigkeit der Anlagen, sondern auch deren Zugänglichkeit. « Gerade nach Umbauten kann eine Sirene auf dem Estrich plötzlich versperrt sein. » Auch die statische Belastbarkeit werde kontrolliert. Eine Wartungspflicht gebe es aber nicht.

Letztes Jahr gestaltete sich die Wartung und Störungsbehebung schwieriger als sonst, wie Loretz ausführt. Da die Anlagen oft auf öffentlichen Gebäuden stehen, sei der Zugang während des Lockdowns teilweise nicht möglich gewesen, vor allem bei Spitälern und Altersheimen.

Wenigstens war man als einziger Anbieter mit Sitz in der Schweiz nicht von Einreisebeschränkungen betroffen. « Unsere Mitbewerber konnten ihre Wartungsaufträge nur mit Verzögerung erledigen. » Einen Vorteil geschlagen habe man aus dieser Situation nicht. « Natürlich verfügen wir über das Know-how, auch Fremdprodukte zu warten, aber das entspricht nicht unserer Firmenphilosophie. » Umgekehrt hätte man auch keine Freude daran, wenn die Konkurrenz die eigenen Geräte warten würde.

« Es gibt Sicherheitsbedenken, die zuerst ausgeräumt werden müssen. »

Pascal Loretz, Kockum Sonics AG

Das Service-Geschäft kompensiert nicht nur den Auftragsrückgang bei den Neuinstallationen, sondern hilft auch bei der Verbesserung der Produkte. Eines der wichtigsten Ziele sei es, die Sirenen « smart » zu machen, damit man aus der Ferne darauf zugreifen könne. « Unsere Produkte sind längst digital und lassen sich über ein Display steuern » , sagt Loretz. Dennoch müsse bisher immer ein Fachspezialist zur Wartung vor Ort sein. « Künftig könnten wir von Dübendorf aus einen Kunden oder einen normalen Techniker anleiten. »

Im digitalen Service-Geschäft sieht er ein « immenses Potenzial » . Die technischen Voraussetzungen dafür seien auch schon vorhanden. « Aber es gibt Sicherheitsbedenken, die zuerst ausgeräumt werden müssen. » Der Gesetzgeber erlaube einen digitalen Zugriff bisher nicht. Zu gross sei die Angst vor Cyberangriffen, die Alarmierungen blockieren oder falsche Alarme auslösen könnten.

Mehr Daten, bessere Produkte

Loretz sieht die Lösung in einer zweifachen Authentifizierung: Die Zugriffsrechte müssten jeweils vor Ort oder von einer anderen unabhängigen Stelle, etwa einer Behörde, freigegeben werden, bevor sich der Hersteller in das System der Anlage einloggen kann. « So liesse sich ein missbräuchlicher Zugriff verhindern. »

« Künftig könnten wir all diese Daten laufend aufzeichnen und auswerten. »

Pascal Loretz, Kockum Sonics AG

Neben der Fernwartung böte eine smarte Steuerung auch ein besseres Datenmanagement. Denn die Sirenenanlagen zeichnen laufend Störungen und Meldungen auf, die bisher nur lokal gespeichert und erst bei der Wartung ausgelesen würden. « Künftig könnten wir all diese Daten laufend aufzeichnen und auswerten. »

Pascal L oretz hält dabei auch eine Zusammenarbeit mit dem Hersteller des Fernsteuergeräts für sinnvoll. Denkbar wäre eine gemeinsame Online-Plattform, um die Daten zusammenzuführen. « Dadurch könnten wir unsere Produkte verbessern. »

Er rechnet jedoch nicht damit, dass sich die Gesetzeslage so bald zu seinen Gunsten ändern wird. « Zwei bis fünf Jahre wird es wohl noch dauern. » Vorerst heulen die Sirenen am ersten Mittwoch im Februar nur laut, aber noch nicht smart.

Pascal Loretz (31) ist seit 1. Januar 2021 Geschäftsführer der Kockum Sonics AG in Dübendorf, einem Gesamtanbieter für Sirenensysteme mit neun Mitarbeitern. Er hat die operative Führung von seinem Vater Herbert Loretz übernommen, der seit über 30 Jahren für die Firma tätig ist. Pascal Loretz war 2010 als Sirenentechniker in den Betrieb eingestiegen und hat selber Anlagen installiert und gewartet. Nach Weiterbildungen rückte er in eine administrative Funktion auf. Loretz ist in Dübendorf aufgewachsen. (jöm)

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