«Nicht jeder Banker ist in Lohnexzesse verwickelt»
Herr Frei, in welchem Zustand übergeben Sie die Raiffeisenbank?
Christoph Frei: Ich kann sicher sagen, dass ich die Bank kerngesund und fit übergebe. Sie ist sehr gut organisiert, wir haben ein gut eingespieltes Team und hervorragende Kennzahlen.
Sie sind seit 18 Jahren Bankleiter bei der Raiffeisen Zürcher Oberland. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Frei: Ich übernahm eine Bank, die knappe Eigenmittel und einen bescheidenen Geschäftsumsatz hatte. Es gab wenig Strukturen, es fehlten Kontrollsysteme. Dafür existierten keine Kreditrisiken – das Portfolio war sehr gut geführt. In meiner Zeit durfte ich zwei neue Geschäftsstellen eröffnen: eine Filiale in Pfäffikon und den Hauptsitz in Uster. Wir hatten qualitatives Wachstum, im Jahr 2000 waren es noch 147 Millionen Bilanzsumme, mittlerweile sind es 1,5 Milliarden Franken. Als ich die Bank übernahm hatten wir 18 Mitarbeiter, jetzt sind es 56. Hatten wir damals rund 3000 Mitglieder, sind es heute über 17’000.
Herr Studer, mit welchem Gefühl treten Sie den Posten an?
Lars Studer: Ich freue mich riesig auf diese Aufgabe, auch wenn ich immer noch ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bekomme, wenn ich an die grosse Verantwortung und das weitreichende Aufgabengebiet denke. Andererseits ist es ein Privileg, eine Bank in einer solch hervorragenden Verfassung zu übernehmen. Unsere Wachstumskraft ist sehr solide. Aber man muss auch sehen, dass so ein starkes Wachstum Veränderungen und Herausforderungen mit sich bringt. Man muss die Organisation wieder einmal hinterfragen und das ganze Wachstum muss auch verdaut werden. Auch Kostenoptimierung ist ein Thema.
«Das ganze Wachstum muss auch verdaut werden.»
Lars Studer, künftiger Bankleiter Raiffeisenbank Zürcher Oberland
Was geben Sie Lars Studer für einen Tipp, Herr Frei?
Frei: Wichtig ist, dass man den Gesamtüberblick behält. Auch Feinheiten und Details muss man sehr gut kennen, um überall Einfluss nehmen zu können. Und unsere Kunden müssen gepflegt werden, nach unserer Kultur, unserem Genossenschaftsmodell. Sie sind unser höchstes Gut, und ihnen muss man Sorge tragen.
Herr Studer, Sie sind erst dreieinhalb Jahre bei der Raiffeisen, waren vorher seit der Lehre bei der Zürcher Kantonalbank. Sind Sie dem Genossenschaftsmodell gewachsen?
Studer: Mittlerweile bringe ich doch fast 28 Jahre Bankerfahrung mit. Ich habe mich stetig weiterentwickelt, diverse Ausbildungen gemacht und hatte auch bei der ZKB Führungspositionen inne. Seit über drei Jahren kenne ich das Genossenschaftsmodell der Raiffeisenbank Zürcher Oberland und bin hier angekommen.
Warum haben Sie ursprünglich das Bankwesen gewählt?
Studer: Einerseits lag dies bestimmt an meinen beiden linken Händen, was das Handwerkliche anbelangt. Andererseits haben mich Zahlen und auch Geld schon als Kind immer fasziniert. Zudem schätze ich den Umgang mit Menschen. Das gab den Ausschlag, mich für eine Schnupperlehre bei der ZKB zu bewerben und eine Banklehre zu machen. Ich bereue es keinen Moment und würde es wieder genau so machen.
Ist eine Genossenschaft die richtige Rechtsform für eine systemrelevante Bank?
Frei: Gerade in der heutigen Zeit ist der Genossenschaftsgedanke wichtig. Einerseits gibt es die Solidarität unter den einzelnen Raiffeisenbanken, andererseits aber haben wir auch unternehmerische Freiheit und Spielraum. Wir können vieles selber entscheiden, weil wir rechtlich unabhängig sind und Raiffeisen Schweiz uns nebst den regulatorischen Anforderungen nur Empfehlungen abgeben kann.
«Gerade in der heutigen Zeit ist der Genossenschaftsgedanke wichtig.»
Christoph Frei, scheidender Bankleiter Raiffeisenbank Zürcher Oberland
Das Image des Bankers hat sich mit der Finanzkrise und unsauberen Machenschaften in den Chefetagen der Banken in den letzten Jahren gewandelt – ins Negative. Wie erleben Sie das?
Studer: Wir merken das beispielsweise an der Anzahl Bewerbungen, die wir auf Lehrstellen erhalten. Diese sind seit Jahren rückläufig. Auch im Bekanntenkreis müssen wir uns den einen oder anderen Spruch anhören. Die Bankbranche hat das ja hauptsächlich selbst verschuldet. Aber die meisten Kunden sind sich sehr wohl bewusst, dass nicht jeder Mitarbeiter einer Bank in irgendwelche Lohnexzesse verwickelt ist. Ich bekomme als Feedback auf Kundengespräche oft zu hören, dass ich nicht der typische Banker sei. Und ich fasse dies jeweils als Kompliment auf.
Frei: Natürlich haben wir die Auswirkungen der Finanzkrise auch gespürt. Insbesondere wurden uns in den letzten Jahren immer mehr Regulatorien auferlegt. Ich denke aber, dass sich das Image bei unserer Bank dadurch nicht wesentlich verändert hat – abgesehen von den derzeitigen Nebengeräuschen in St. Gallen, die sich aber in absehbarer Zeit wieder legen werden. Wir tätigen ja auch keine Finanzierungen im Ausland, sondern nur in unserem überblickbaren Geschäftskreis. Zudem dürfen wir jedes Jahr mehr Mitglieder begrüssen, ein Vertrauensbeweis in unsere Bank.
Sie sprechen von «Nebengeräuschen». Spüren Sie denn vom Fall Vincenz keine Auswirkungen?
Frei: Das hat uns natürlich auch beschäftigt, und wir waren auch enttäuscht, was da passierte. Wir spürten aber auch, dass unsere Kunden differenzieren können, dass wir als Bank einen guten Job machen, nach wie vor hervorragende Zahlen erwirtschaften und in keiner Art und Weise involviert waren. Wir sind daran interessiert, dass möglichst bald alles aufgeklärt wird und Leute Verantwortung übernehmen müssen. Aber noch gilt die Unschuldsvermutung. Man muss fair bleiben und niemanden vorverurteilen. Auf der anderen Seite ist es auch eine Chance, wenn bei Raiffeisen Schweiz Dinge verändert werden müssen. Sind die Wogen ein wenig geglättet, werden wir versuchen, uns wieder mehr einzubringen und mehr Einfluss zu nehmen.
«Wir waren auch enttäuscht, was da passierte.»
Christoph Frei über den Fall Vincenz
Herr Studer, was zeichnet Sie als Bankdirektor aus, fachlich wie persönlich?
Studer: In den Worten derer, die mich gewählt haben, würde ich sagen: Ich bin gut ausgebildet, offen für Neues, in der Region verwurzelt, humorvoll. Wenn ich mich selbst beschreiben müsste, würde ich eher meine sportlichen Werte in den Vordergrund stellen wie beispielsweise Leistungswille, Ehrgeiz und einen gewissen Durchhaltewillen. Dann muss das Ganze auch noch Spass machen, und das tut es.
Was ändert sich für Sie in Ihrem Arbeitsalltag?
Studer: Einige Detailaufgaben werde ich aus Kapazitätsgründen etwas vernachlässigen müssen. Ich werde mich mehr den übergeordneten, strategischen Führungsthemen widmen. Ohne aber – und das ist mir ganz wichtig – das Kundengeschäft zu verlieren. Kunden sind unser höchstes Gut und dürfen nie vernachlässigt werden.
Aber der direkte Kundenkontakt rückt doch mit dem Onlinebanking immer mehr in den Hintergrund.
Frei: Mit der Digitalisierung veränderte sich natürlich auch das Kundenverhalten. Heute hat man die Möglichkeit, von zu Hause aus eine Kontoeröffnung zu tätigen oder eine Onlinehypothek anzufragen. Wir stellen aber fest, dass die persönliche Beziehung nach wie vor sehr wichtig ist. Da immer weniger Kunden den Schalter für Bargeldverkehr benutzen, sind wir in Planung eines neuen Schalterkonzepts. Wir setzen vermehrt den Fokus auf Beratung. Wir stellen unseren Kunden auch alle digitalen Möglichkeiten zur Verfügung wie Apps und Hypothekenportal, E-Banking und so weiter. Gerade das Kreditgeschäft, wo wir unseren Schwerpunkt haben, ist aber nach wie vor etwas Komplexes. Wenn Sie eine Hypothek haben, kann man oft nicht einfach alles online machen.
«Der Fokus wird auch auf andere Ertragsquellen zu legen sein.»
Lars Studer über die geplante Ertragsdiversifikation
Welches sind weitere Themen, die man anpacken muss?
Studer: Unser Hauptertrag liegt traditionell im Zinsdifferenzgeschäft. Diese Ertragsquelle ist glücklicherweise sehr stark und wächst weiterhin. Trotzdem wird der Fokus auch auf andere Ertragsquellen zu legen sein. Wir werden die Ertragsdiversifikation weiter vorantreiben, sei das im Wertschriften- und Anlagegeschäft oder im Handels- oder Dienstleistungsgeschäft.
Wie stehen Sie zu «Blockchain»? Ist das ein Geschäftsfeld, das Sie verfolgen?
Studer: Um diese rasanten Entwicklungen, allgemein im Fintech-Bereich, kommt man nicht herum. Manche sagen, es sei nur ein Hype. Fakt ist: Wir können solche Veränderungen nicht aufhalten, sondern müssen uns ihnen stellen. Alle Veränderungen bieten auch eine Chance, und diese gilt es zu nutzen. Jeder einzelne Mitarbeiter, inklusive der Bankleitung, muss hohe Lern- und Veränderungsbereitschaft zeigen.
Was ist denn Ihre persönliche Einschätzung? Ist es eine Blase, die platzen wird?
Studer: Nein, ich denke, dass das Zukunft hat. Die Frage ist einfach, für wie viele Kunden beispielsweise diese Kryptowährungen relevant sind. Das traditionelle Banking wird in den nächsten 10 bis 20 Jahren nicht komplett verdrängt, aber es wird sich bestimmt weiterhin einiges verändern. Wer hätte vor 10 bis 20 Jahren gedacht, dass man eines Tages eine Hypothek komplett online abschliessen kann? Diesen Trend können wir nicht aufhalten. Aber 100 Prozent Marktanteil wird das nie wegfressen, da bin ich überzeugt.
«Der Finanzplatz Schweiz muss sich Gedanken machen über Regulation, sonst laufen wir fadengrad ins Verderben.»
Christoph Frei über die Risiken von Kryptowährungen
Wie sehen Sie das, Herr Frei?
Frei: Bei unseren Kunden ist es momentan noch kein Thema. Würden sie uns danach fragen, hätten wir zwar Möglichkeiten, würden aber zum jetzigen Zeitpunkt davon abraten. Ich mache mir vor allem Sorgen um die Sicherheit. Man darf nicht vergessen, dass da kein Gegenwert dahintersteht und das Ganze auf enormen Risiken basiert. Es ist überhaupt nichts reguliert. Diese Kryptowährungen sind so gefährlich und spekulativ. Der Finanzplatz Schweiz muss sich Gedanken machen über Regulation, sonst laufen wir fadengrad ins Verderben.
Herr Frei, Sie werden teilpensioniert und nur noch Mitglied in der erweiterten Geschäftsleitung sein. Belastet es Sie, nicht mehr in wichtige Entscheide miteinbezogen zu werden?
Frei: Nein. Bei mir ist es nicht das lachende und das weinende Auge – ich gehe mit zwei lachenden Augen. Einerseits freut es mich, dass ich das Zepter in jüngere Hände geben kann, die neue Ideen bringen, andererseits freue ich mich, mich anderen Sachen widmen zu können, für die ich bisher als Bankleiter zu wenig Zeit hatte. Ich werde Lars Studer zur Seite stehen, aber ihm nicht dreinreden.
Was werden Sie als erstes als neuer Direktor tun, Herr Studer?
Studer: Ich werde bei allen Mitarbeitern auf allen Geschäftsstellen im Zürcher Oberland vorbeigehen und sie als neuer Bankleiter willkommen heissen. Dann tauschen Christoph Frei und ich das Büro.
Christoph Frei (59) machte die Banklehre bei der damaligen Schweizerischen Kreditanstalt, die später zur Credit Suisse wurde. Er absolvierte diverse Weiterbildungen und war Teil der Direktion bei der CS. Im Jahr 2000 wechselte er als Bankleiter zur Raiffeisenbank Zürcher Oberland. Frei, der in Pfäffikon wohnt, ist Präsident des Verkehrsvereins Pfäffikon (seit 2007) und Fischerobmann der Fischereigesellschaft Bichelsee. Zudem war er in der Schulpflege Pfäffikon als Finanzverstand tätig. Viele Jahre hat er E-Gitarre in einer Rockband gespielt. Frei ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. ahu
Lars Studer (43) machte die kaufmännische Lehre bei der Zürcher Kantonalbank und arbeitete danach in verschiedenen Funktionen für die ZKB weiter zuletzt als Filialleiter in Fehraltorf. 2014 wechselte er zur Raiffeisenbank Zürcher Oberland, wo er zuerst Leiter Kredite und später Leiter Privatkunden wurde. Studer machte unter anderem die Ausbildung zum Betriebsökonom HWV und schloss letztes Jahr den Nachdiplomlehrgang «Bankleitung» an der Hochschule Luzern ab. Aufgewachsen ist Studer in Pfäffikon, seit 2009 wohnt er in Hittnau. Mit seiner langjährigen Partnerin hat er vier Kinder. ahu