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«Digitale Geschäftsmodelle sind äusserst agil»

Laut Bilanz und Digitalswitzerland ist er eine der 100 Personen, die die Schweiz in die digitale Zukunft führen werden: FDP-Nationalrat und Digitec-Mitgründer Marcel Dobler. Der Rapperswiler hat die Nase voll von den Pessimisten, die aus der Digitalisierung ein Schreckgespenst machen.

Der Rapperswiler FDP-Nationalrat Marcel Dobler. (zvg), IT-Spezialist Marcel Dobler während der Session in Bern. (key), Marcel Dobler, Verwaltungsrat der SwissSign, propagiert an einer Miedenkonferenz am 16. Mai 2017 im Namen von SBB und Post die SwissID, die einheitliche digitale Identität für die Schweiz. (key)

«Digitale Geschäftsmodelle sind äusserst agil»

Herr Dobler, diesen Interviewtermin hat Ihre persönliche Assistentin koordiniert. Wird das bald künstliche Intelligenz für Sie erledigen?

Marcel Dobler: Wir sind noch weit entfernt davon, dass meine Assistentin gefährdet wäre. Interviewanfragen müssen geprüft werden. Das ist komplexer als reine Terminfindung. Hauptsächlich macht meine Assistentin aber politische Abklärungen. Doodle könnte sie also beispielsweise nicht ersetzen.

Sie wurden zu einem der 100 Digital Shaper der Schweiz gewählt. Ist das auch die Rolle, in der Sie sich im Nationalrat sehen?

Ich habe in meinem Leben nichts anderes gemacht, als mich mit IT zu beschäftigen. Ich habe programmiert, nach dem Informatikstudium Digitec gegründet, die Firma aufgebaut, Prozesse optimiert. Nach dem Firmenverkauf bin ich auf die Idee gekommen, Nationalrat zu werden. Mittlerweile bin ich auch Präsident von ICTswitzerland, dem Dachverband der digitalen Wirtschaft, und Vorstand von Economie Suisse. Vergleicht man meinen Lebenslauf mit denen meiner 245 Gspänli, dann macht es Sinn, dass ich als Enabler gelistet bin. Das Durchschnittsalter im Nationalrat ist 52, im Ständerat 57 ­– mehr als eine Handvoll wirklicher IT-Experten gibt es da nicht.

«Mehr als eine Handvoll wirklicher IT-Experten gibt es im Rat nicht.»

Finden Sie es erschreckend, wenn jemand 2017 in der Schweiz mit einem Begriff wie Kryptowährung rein gar nichts anfangen kann?

Das Thema Kryptowährung ist zwar ein Riesen-Hype, steckt aber noch in den Kinderschuhen. Solche Währungen sind nicht staatlich reguliert, und es stellt sich die Frage, welche Sicherheit sie bieten. Wenn man von diesen digitalen Zahlungsmitteln bisher nichts gehört hat, muss man sich keine Sorgen machen. Ich würde sagen, Kryptowährungen sind etwas, das uns blüht, aber nicht jetzt.

Bitcoin hat sich aber etabliert.

Bitcoin ist eine Ausnahme. Die Währung hat die kritische Menge erreicht und wird schwer zu verdrängen sein. Aber andere Währungen, die im Umlauf sind, sind «High Risk». Wenn man sich da beteiligen will, dann mit der Einstellung, dass man es mit Spielgeld zu tun hat.

Wie gut sind Schweizer Firmen für die wachsende Digitalisierung gerüstet?

Grossunternehmen wie Nestlé oder Migros sind komplett auf der Höhe. Das grosse Problem sind die KMUs. Kleine Firmen haben zu Themen der Digitalisierung noch nicht den Zugang gefunden.

Was sagen Sie einem alteingesessenen CEO, der meint, Digitalisierung gehe nur die IT-Abteilung etwas an?

Es gibt da ein Sprichwort: «Nichts ist so schnell weg wie Vorsprung. Man muss nur stehen bleiben.» IT kann vor allem zweierlei: Kosten einsparen und neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Wenn man Innovation verschläft, ist man nicht mehr konkurrenzfähig. Das musste kürzlich bekanntlich eine ganze Branche lernen.

Sie reden von Taxiunternehmen und Uber?

Wenn man ehrlich ist, war die Idee, mit dem Smartphone ein Taxi zu bestellen, alles andere als abwegig. Aber die Taxibranche in der Schweiz hat diese Innovation verpasst.

«Die Taxibranche in der Schweiz hat diese Innovation verschlafen.»

Was raten Sie Unternehmen, damit es ihnen nicht wie den Taxifahrern ergeht?

Sich mit der Digitalisierung auseinander zu setzen. Das heisst aber nicht, dass man sie in jedem Falle einsetzen muss. Digitalisierung hat nicht immer einen Nutzen. Nur weil es sie gibt, oder man Prozesse optimieren kann, heisst das noch lange nicht, dass sie sich finanziell auch lohnt.

Der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Erik Brynjolfsson hat in seinem Buch «The Second Machine Age» wie viele andere auch ein Schreckensszenario heraufbeschworen: Ganze Branchen würden mit der Digitalisierung überflüssig. Je nach Studie zwischen 10 bis 50 Prozent der Arbeitskräfte. Kommt das aus Ihrer Sicht hin?

Eine deutsche Studie hat herausgefunden, dass zwölf Prozent einem Tätigkeitsbereich entsprechen, den man automatisieren kann. Das ist einerseits viel, andererseits aber auch nicht. Nehmen wir die Erfindung des Autos, da gab es auch Verlierer: Rosszüchter, Kutschenhersteller. Bis jetzt ist die Schweiz aber im Grossen und Ganzen aus jeder wirtschaftlichen Revolution als Gewinner hervorgegangen. Das Bildungsniveau ist natürlich nicht unerheblich. Da sind wir besser aufgestellt als unsere umliegenden Nachbarn. Deshalb haben wir die besten Chancen uns zu rüsten und weiterzuentwickeln.

«Bis jetzt ist die Schweiz aber im Grossen und Ganzen aus jeder wirtschaftlichen Revolution als Gewinner hervorgegangen.»

Sind diejenigen, die den Untergang unserer Jobs prophezeien, hoffnungslose Pessimisten?

Das ist Angstmacherei. Es gibt Leute, die jetzt schon von einer Robotersteuer (eine Steuer auf Roboter, die die Einnahmeausfälle des Staates durch die Automatisierung kompensieren soll, Anmerkung der Redaktion) reden, aber faktisch haben wir eine Arbeitslosenquote von drei Prozent – je nach Ökonom ist das gleichgesetzt mit Vollbeschäftigung. Wenn man Arbeitslosenzahlen von 20 Prozent hat, dann kann man sich eine Robotersteuer überlegen. Aber im Moment sind wir an einem völlig anderen Punkt. Digitalisierung kann man als Chance sehen oder als Risiko. Ich sehe es ganz klar als Chance.

Das heisst, wir müssen uns nicht alle zu Data Scientists ausbilden lassen, um auf dem Arbeitsmarkt künftig zu bestehen?

Früher hat man eine Lehre gemacht und lebenslang im selben Beruf gearbeitet. Heute zeichnet sich ein Kulturwandel hin zum lebenslangen Lernen ab. Schon jetzt sind Weiterbildungen Normalität im Berufsalltag.

Also ist es Schwarzmalerei zu sagen, Digitalisierung spalte die Gesellschaft in die Digitalisierten und die Abgehängten?

Die Zukunft ist farbig, nicht schwarz, wie sie die Pessimisten malen.

«Die Zukunft ist farbig, nicht schwarz.»

In der Politik schrauben Sie an der Zukunft. Wenn ich richtig gezählt habe, beschäftigte sich der Nationalrat in der Herbstsession ein Dutzend Mal mit Fragestellungen zur Digitalisierung. Reicht das?

Das ist keine Frage von Quantität. Leider sind die meisten Themen, die uns in Bern beschäftigen, protektionistisch.

Zum Beispiel?

Etwa die Netzsperre im Geldspielgesetz (ausländischen Glücksspielanbietern ist es untersagt, ihre Dienste in der Schweiz anzubieten, Anmerkung der Redaktion). Oder die Diskussion über Booking.com, in der wir jetzt die Vertragsfreiheit abgeschafft haben. Wir haben in der Schweiz eine Wettbewerbskommission: Wenn sie zu dem Schluss kommt, dass eine Firma marktbeherrschend ist, dann sind solche Schritte legitim. Jetzt wird aber das Gesetz angepasst, nur weil sich eine Branche formiert hat. Ich habe Angst vor einem Dominoeffekt: Die ersten Firmen hatten Erfolg damit, sich gegen digitale Konkurrenz politisch zu schützen. Es ist bedenklich, dass man jetzt einfach einen Brief an den Bundesrat schreiben und Sperren fordern kann. Und es ist ein Unding, dass man politisch Verbote einfordert, anstatt in Innovation zu investieren und sich für die Zukunft zu rüsten.

Die Firmen können so viel fordern, wie sie wollen ­– es waren die Politiker in Bern, die den Entscheid fällen.

Das Altbewährte hat in Bern viele Fürsprecher, in diesem Fall war es die Hotellobby, die sich durchgesetzt hat. Die Seite, die für freien Wettbewerb kämpft, ist kleiner. Staatspolitisch sind solche Verbote aber heikel, weil man Gesetze aufweicht: Solche Einschränkungen sollten erst möglich sein, wenn das Wettbewerbsrecht verletzt wurde. Erst Uber, jetzt Booking.com. Da frage ich mich, was als Nächstes kommt. Wird jetzt der Detailhandel, der Probleme mit dem Parallelimport hat, ein Verbot des Einkaufstourismus fordern?

Sind solche Verbote und Sperren ein Schuss vor den Bug für die digitalen Bestrebungen?

Das nun auch nicht, das Gesetz wird wahrscheinlich verhallen. Bis es in Kraft getreten ist, wird es vier Jahre dauern. Bis dahin gibt es vielleicht schon wieder einen Konkurrenten, der das Konzept von Booking.com leicht verändert hat. Digitale Geschäftsmodelle sind äusserst agil.

Sie sagen es: Die Digitalisierung hat immer Vorsprung, die Gesetzgebung hinkt hinterher. Ist diese Lücke gefährlich?

Deshalb muss man zusehen, dass neue Gesetze vorausschauend entworfen werden. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht totregulieren, sondern Innovation ermöglichen. Finanzminister Ueli Maurer hat gerade notwendige Ausnahmen für Startups in der Fintech-Branche geschaffen. Das ist genau der richtige Weg.

«Wir müssen aufpassen, dass wir nicht totregulieren, sondern Innovation ermöglichen.»

Warum?

In der Schweiz braucht man viele Millionen Franken für eine Banklizenz. Wenn man im Fintech-Bereich eine Idee hat, sollte man sich aber nicht darum kümmern müssen, wie man die zig Millionen Franken auftreiben kann, um Zugang zum Markt zu haben. Wenn wir mehr Innovation wollen, müssen wir solche Ausnahmen gewähren.

Für uns alle kommt bald vielleicht etwas markant Neues: Ihre Partei fordert die flächendeckende Einführung des elektronischen Personalausweises, um die Bürokratie abzubauen. Der Bund soll die E-ID aber nicht selbst herausgeben, sondern nur kontrollieren. Warum ist es die bessere Variante, die Hoheit über den E-Pass der Privatwirtschaft zu geben?

Wenn der E-Pass alleinig in den Händen des Bundes läge, dann müsste er alles machen: den Support und die Informatik ­– das wäre ein Riesenapparat, den er aufbauen müsste. Deshalb hat sich der Bund für eine halbstaatliche Lösung entschieden. Die Idee ist, dass man zu einem Identity-Provider wie der Post geht, der Post-Mitarbeiter nimmt die ID-Daten auf, die werden an den Bund übermittelt und mit den dort hinterlegten Daten abgeglichen. Erst dann folgt das Okay für den elektronischen Ausweis. Es gibt ja schon heute viele Logins, beispielsweise haben Banken eine eigene Identitätserkennung. Daraus einen einzigen, staatlichen Login zu machen, würde vieles vereinfachen und massiv Geld sparen.

Wo steht das E-ID-Gesetz momentan?

Es steckt in der Vernehmlassung. Jetzt konnten alle dazu Stellung nehmen. Die Lösung, dass ein privater Identity-Provider mit dem Staat als Überprüfer zusammenarbeitet, ist mehrheitsfähig. Umstritten ist nur, wer die Validierung übernehmen soll. Die Post? Die UBS? Oder das Passbüro? Das wird noch zu vielen Diskussionen führen. Obwohl es eigentlich keine Rolle spielt, wer validiert, wenn man sich den Kontrollprozess anschaut.

«E-Voting macht Sinn für Auslandschweizer.»

Der digitale Pass ist Voraussetzung für die elektronische Stimmabgabe. Die Regierung plant, dass bis 2019 zwei Drittel der Kantone das E-Voting einführen. Bisher haben Sie sich nicht als Fan dieser Idee hervorgetan. Was passt Ihnen nicht?

E-Voting macht Sinn für Auslandschweizer. Vor allem für die 40 Prozent, die nicht in Europa leben, ist die Briefwahl umständlich: Sie wissen nicht einmal, bis wann sie den Brief abgeschickt haben müssen. Auch für die 130’000 Menschen mit Sehbehinderung bringt E-Voting Vorteile. Digital abzustimmen, ist für sie alle einfacher. Doch für die grosse Masse sieht es anders aus.

Wo liegen die Probleme?

Es handelt sich nicht um 100-prozentiges E-Voting. Heute ist der Hinweg brieflich und der Rückweg elektronisch ­– so will es das Gesetz. Erst wenn wir bei der Dematerialisierung angekommen sind, also beide Wege elektronisch funktionieren, können wir von Kosteneinsparungen sprechen ­– und erst dann macht Digitalisierung Sinn. Das partielle E-Voting-System verursacht zusätzliche Kosten. Ausserdem ist es nicht nutzerfreundlich: Wer elektronisch wählen will, muss momentan aus Sicherheitsgründen einen langen Bestätigungscode eintippen. In den nächsten fünf Jahren wird sich das E-Voting massiv verändern müssen. Ich habe mir meine Meinung zu diesem Thema aber noch nicht abschliessend gebildet. Für meinen Geschmack wurden Nutzerfreundlichkeit und Kosten-Nutzen-Vorteile viel zu wenig diskutiert. Digitalisierung soll entweder Kosten sparen oder etwas ermöglichen, das es bisher nicht gab. Sonst ist sie überflüssig.

Interview: Stine Wetzel

IT-Spezialist, Sportler und Politiker
Mit zwei Gamer-Freunden hat Marcel Dobler 2001 den Onlinehandel verändert und sich ein Millionenvermögen eingehandelt. Nach der Lehre zum Elektroniker und der Berufsmatura studierte Dobler an der Hochschule Rapperswil Informatik – ohne allerdings den Abschluss zu machen. Den Bachelor holte er später nach. Dazwischen gründete er Digitec mit und war jahrelang CEO des Webshops. Nach 13 Jahren verkauften er und seine Mitgründer ihre Anteile an die Migros. Seit 2015 sitzt der heute 37-Jährige für die FDP im Nationalrat. Seit März ist Dobler zudem Präsident von ICTswitzerland, dem Dachverband des schweizerischen Informatik- und Telekomsektors, ausserdem sitzt er seit Mai im Verwaltungsrat von SwissSign. ­Marcel Dobler ist verheiratet, hat einen vier Jahre alten Sohn und eine dreijährige Tochter. Zeit für Sport findet er auch noch: 2009 wurde er Schweizer Meister im Zehnkampf, im letzten Jahr Schweizer Meister im Viererbob als Anschieber. (swe)

 

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