Auf den Philippinen ist er einer der Grössten
In Manila schreibt der Fussballgoalie Autogramme, posiert mit Fans für Fotos und hat einen eigenen Chauffeur. In Hinwil kennt ihn nur sein Umfeld. Und er kommt zu Fuss zum Gespräch.
Weit hat es Anthony Pinthus nicht zum Treffen auf dem Hüssenbüel. Er ist direkt neben dem Fussballplatz aufgewachsen. Mittlerweile ist «Toni», wie ihn die Freunde hier nennen, nur noch wenige Wochen pro Jahr im Oberland. Sein Lebensmittelpunkt liegt auf den Philippinen, in der Heimat seiner Mutter.
Nach einigen Enttäuschungen hierzulande und einem geplatzten Engagement in Thailand hat Pinthus in Asien im zweiten Anlauf sein Fussballerglück gefunden.
«Ich machte einfach, hatte keine Erfahrung.»
Anthony Pinthus
Dass Ex-Teamkollegen der Destination des früheren GC-Nachwuchsgoalies wenig abgewinnen können? Dass er in der Schweiz ein Nobody ist und wohl kaum je in der Super League landen wird? Pinthus lächelt das alles weg.
«Ich bin zufrieden. Das ist die Hauptsache.»
Der arge Dämpfer mit 18
Der Goalie hat in den letzten vier Jahren mehr erlebt als andere in der ganzen Karriere. Er freut sich, von seinem speziellen Weg erzählen zu dürfen. Pinthus macht das herrlich erfrischend – detailliert, mit einigen träfen Sprüchen, ohne aber die schwierigen Phasen zu schönen.
«Das ist jetzt eine Riesengeschichte!», sagt er beispielsweise, bevor er erzählt, wie er als 18-Jähriger allein in Thailand auf Klubsuche war. «Ich machte einfach, hatte keine Erfahrung.»
«Die goldene Zukunft kommt.»
Anthony Pinthus
Er erhält beim Ratchaburi Mitr Phol FC tatsächlich seinen ersten Profivertrag – auch weil er das Ausländerkontingent nicht belastet hätte. Kurz darauf aber ändert der thailändische Verband die Regeln, der Verein löst den Vierjahresvertrag wieder auf.
Der Traum von Pinthus platzt. «Ich war geschockt.»
Eine halbe Stunde lang erzählt der Goalie. Dann ist er im Frühjahr 2021 angelangt. Und schliesst mit den Worten: «Die goldene Zukunft kommt.»
Worauf diese Meinung fusst? Mit dem United City FC holte der 22-Jährige im Herbst in einer pandemiebedingt arg gekürzten Saison, die aus nur fünf Spielen bestand, den philippinischen Meistertitel. Dazu wurde er zum besten Torhüter der Liga gewählt.
Seine Leistungen brachten ihm beim United City FC einen Dreijahresvertrag ein. Der stärkste Klub der Philippinen ist erstmals überhaupt für die Gruppenphase der asiatischen Champions League gesetzt.
Am 21. April steht die erste Partie auf der grossen Bühne an. Pinthus freut sich schon jetzt enorm. «Das ist das goldene Tablett. Ganz Asien schaut zu.»
«Da isch de Fränkler fascht abe.»
Anthony Pinthus
Noch vor etwas mehr als einem Jahr war alles weit weg. Pinthus plagten erstmals ernsthafte Zweifel, ob sich seine Hoffnung je erfüllen würde, mit dem Abwehren von Bällen den Lebensunterhalt verdienen zu können. Der Hinwiler sagt es so: «Da isch de Fränkler fascht abe.»
Zu diesem Zeitpunkt arbeitete er Schicht bei einer Tankstelle. Auf dem erlernten Beruf als Büroassistent hatte er keinen Job gefunden. Was ihn aber mehr beschäftigte: Er steckte fussballerisch in der Sackgasse.
Drei wenig zufriedenstellende Gastspiele in der Promotion League (Wohlen) und der 1. Liga (United Zürich, Kosova) hatte er aneinandergereiht. Jetzt war er vereinslos. Pinthus sagt, er habe nicht das Gefühl, man habe sein Potenzial damals verkannt. Im Gegenteil. «Ich konnte es nie abrufen.»
Eine Whatsapp ändert alles
Doch manchmal kann ein Anruf das Leben verändern. So, wie in seinem Fall.
Pinthus leistete sich zwar den Luxus, das Glück zuerst abzuweisen – weil er mit der langen Nummer auf dem Display nichts anfangen konnte. Es brauchte eine Whatsapp-Nachricht von Scott Cooper, dem Nationaltrainer des philippinischen Fussballnationalteams, um die Dinge ins Rollen zu bringen.
Auf der Suche nach Spielern mit philippinischem Hintergrund fürs U23-Projekt waren Scouts von Cooper auf Pinthus aufmerksam geworden. Der Goalie mit dem philippinischen Pass merkte sofort: Das war seine Chance. Was in seinen Worten so tönt: «Ich wusste, Asien werde ich rocken.»
Er überzeugte die Verantwortlichen. Ende November 2019 bestritt Pinthus mit der philippinischen U23 die Südostasienspiele. Und erhielt einen Vertrag beim Azkals Development Team.
Die kurzerhand ADT genannte Mannschaft wird vom philippinischen Verband kontrolliert, von Scott Cooper geführt und spielt in der obersten Liga. Der aus Irland stammende Nationaltrainer ist für Pinthus sowieso eine zentrale Figur.
«Er ist mein Mann. Er hat viele Kontakte und macht meine Karriereplanung.»
Der Wechsel von ADT zum United City FC im August 2020 soll nicht der letzte Schritt gewesen sein. In der aus sechs in Manila spielenden Teams bestehenden philippinischen Liga hat nur ein Klub das Niveau der zweithöchsten Schweizer Spielklasse – jener von Pinthus.
Der Hinwiler sieht die Philippinen darum als Zwischenschritt. Er hofft auf ein späteres Engagement in Thailand oder Japan.
«Was hätte ich da noch meine Zeit verlieren wollen?»
Anthony Pinthus
Eine Rückkehr in die Schweiz kann er sich – Stand jetzt – nicht vorstellen. Warum auch? Pinthus hat in Asien sportliche Perspektiven. Und er lebt sehr gut auf den Philippinen, verdient besser als ein Arzt. Schon fast entschuldigend sagt er: «Im Fussball spielen halt andere Zahlen.»
Immer dasselbe Thema
Geld war nie seine Triebfeder. Investiert aber hat Pinthus viel, ordnete dem Fussball alles unter. Ab der U13 spielte er im GC-Nachwuchs, pendelte mit dem ÖV ins Training nach Niederhasli.
Im Alter von 18 beschied man ihm bei GC allerdings, er habe nicht das Potenzial zu einer künftigen Nummer 1. Pinthus hätte zwar im Klub bleiben können, wählte aber den Abgang. «Was hätte ich da noch meine Zeit verlieren wollen?» Es hätte nicht seinem Naturell entsprochen.
Konsequenz, Selbstvertrauen und Hartnäckigkeit zeichnen ihn aus. Dazu der Drang, möglichst schnell vorwärtszukommen. Letzterer war bisweilen wohl eher hinderlich.
Trainer Martin Dosch etwa sagt, er hätte bei Kosova gerne länger mit dem Hinwiler gearbeitet. «Er bringt gute Qualitäten mit, war aber etwas ungeduldig.»
Die für einen Torhüter geringe Körpergrösse von 1,82 Metern war derweil immer wieder Thema, wenn es um die Perspektive von Pinthus ging. «Der ist zu klein», hörte er oft.
Der 22-Jährige sagt, er mache die körperlichen Nachteile mit Sprungkraft und der Technik wett. Wobei: Welche Nachteile?
In der Super League sind die Goalies im Schnitt zwar 7 Zentimeter grösser. Pinthus lacht vergnügt, dann sagt er: «Auf den Philippinen aber bin ich einer der Grössten.»
