Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Fussball

Der Menschenfänger vom Eselriet

Taktische Inputs? Gibt Flakon Halimi selten. Viel lieber konzentriert er sich darauf, die richtige Atmosphäre zu schaffen. Er scheut dabei auch vor schwierigen Gesprächen nicht zurück.

Zwei der Zutaten in der Zauberformel von Flakon Halimi: Glaubwürdigkeit und Leidenschaft.

Foto: Christian Merz

Der Menschenfänger vom Eselriet

Trainer werden? Nein, daran dachte Flakon Halimi nie. Nicht als junger Spieler in Deutschland, der genügend Talent zu haben schien, um Profi zu werden.

Auch viel später nicht, als er beim FC Oetwil am See spielender Assistent von Urs Rhyner war. Halimi musste vielmehr vom damaligen Trainer angestossen werden, um sich als Chef an der Seitenlinie zu versuchen.

«Er hat gesagt: ‹Du hast Talent.› Dann habe ich ihm das geglaubt.» 

«Ich übernehme gar nichts hier!»

Flakon Halimi

Halimi lacht laut auf, ehe er fortfährt. Nach der ersten Trainererfahrung in Oetwil machte er eineinhalb Jahre Pause, suchte keine neue Aufgabe. Dennoch landete er im Frühjahr 2017 beim abstiegsgefährdeten Drittligisten FC Effretikon.

Verantwortlich dafür war wieder Urs Rhyner, der ihn zu einer Stippvisite auf dem Eselriet überredete. Eine Hälfte verfolgte er mit ihm das Spiel zwischen Effretikon und Pfäffikon, wobei sich folgender Dialog zugetragen haben soll.

Rhyner: «Wir müssen ihnen helfen. Wir übernehmen sie.» Halimi: «Ich übernehme gar nichts hier!» Rhyner: «Mit dem Sportchef ist alles geklärt.» Halimi: «Eh, bitte nicht. Denen kannst du nicht mehr helfen.» 
 

Es sind diese Momente, die das Gespräch mit Halimi in der Kletterhalle in Uster, nur unweit von seiner Wohnung beim Hallenbad Buchholz entfernt, zu einem Erlebnis machen.

In die Kinderspielecke im Griffig kommt der 38-Jährige immer wieder mit seinen drei Mädchen – die Atmosphäre gefällt ihm. Unaufgefordert kündigt er zu Beginn an, «ein wenig» von sich zu erzählen.

Der 20-minütige Sololauf

Dann legt er los. Mit dem Jahr 1991, in dem er mit seiner Familie aus dem Kosovo in die Nähe von Köln flüchtete. Spricht darüber, wie er als 17-Jähriger einen Profivertrag bei Alemannia Aachen unterzeichnete.

Wie der Kontrakt aufgelöst wurde, weil er sich nach einer Schulterverletzung in den Zweikämpfen «jeweils verdrückte», statt dagegenzuhalten.

Wie er die Ausbildung zum Fachangestellten Bäderbetriebe absolvierte, wegen seiner Freundin und heutigen Frau in die Schweiz übersiedelte und beim FC Dietikon spielte.

Erst wohnte das Paar in Schlieren, bald zügelte es nach Uster, da Halimi im Hallenbad Buchholz arbeitete. 

«Wenn das ein Kompliment ist – dann danke ich dir.» 

Flakon Halimi

Nach etwas mehr als 20 Minuten beendet der mittlerweile bei der Stadt Opfikon angestellte Halimi seine Erzählung. Lächelt.

Auf den Einwurf, mit seinem Sololauf praktisch alle für das Gespräch vorbereiteten Fragen bereits beantwortet zu haben, reagiert er zerknirscht.

«Tschuldigung.» Die Replik, es sei ein Kunststück, fast 30 Jahre so kurzweilig wiederzugeben, beruhigt ihn. «Wenn das ein Kompliment ist – dann danke ich dir.» 

Flakon Halimi – sommerlich leger gekleidet, streng nach hinten gekämmte Haare, akkurat gestutzter Bart – freut sich ehrlich darüber. Man merkt: Da ist nichts gekünstelt.

Ihm ist es nicht egal, was das Gegenüber denkt. Er mag den Austausch, mag Menschen. Und besitzt aussergewöhnliche Fähigkeiten im Umgang mit ihnen.

«Er weiss genau, zu welchem Zeitpunkt er was sagen muss, und bringt das so rüber, dass man ihm nicht böse ist.»

Assistenztrainer Dario Semadeni

Halimi habe das Talent und Charisma, Personen ein gutes Gefühl zu vermitteln, sie zu führen, beschreibt ihn Dario Semadeni. «Ich habe das in dieser Ausprägung noch selten erlebt», sagt der Assistenztrainer und nennt ihn einen Menschenfänger.

Halimi sei stets fair und wertschätzend im Umgang, aber knallhart bei Entscheidungen. «Er weiss genau, zu welchem Zeitpunkt er was sagen muss, und bringt das so rüber, dass man ihm nicht böse ist. Er hat das dafür nötige Fingerspitzengefühl.»

Der derzeit verletzte Captain Mathijs Kläy findet ebenfalls viele positive Worte. «Er legt extrem Wert darauf, dass die Stimmung im Team stimmt, akzeptiert jeden so, wie er ist, und kann jeden von uns abholen.»

Für den 25-jährigen Torhüter ist Halimi gar der beste Trainer, den er bisher hatte.

Distanz ja, aber ohne Fernglas

Was zeichnet für Halimi einen guten Trainer aus? «Die Menschlichkeit. Das Bauchgefühl.»

Taktische Impulse gibt Halimi nur wenige. Der FCE-Coach legt viel lieber den Fokus darauf, eine Atmosphäre zu schaffen, «damit die Jungs in den Tunnel kommen». Und schreckt nicht davor zurück, schwierige Gespräche zu führen.

Seine lockere Art und die träfen Sprüche könnten zwar den Eindruck erwecken, der junge Coach sei ein Kumpeltyp. Er aber ist überzeugt: «Distanz braucht es. Natürlich nicht eine solche, dass man dafür ein Fernglas benötigt.» 

Der Star sei die Mannschaft, sagt Halimi x-fach. «Ich vertraue ihr. Und meiner Arbeit.»

Letzteres wirkt im ersten Moment irritierend selbstbewusst und könnte ihm als Arroganz ausgelegt werden. Auch wenn Halimi beispielsweise sagt, er brauche nur gute Spieler. «Super mache ich sie selber.»

«Ehrlichkeit ist ihm extrem wichtig.»

Captain Mathijs Kläy

Aber arrogant? Nein, das ist der dreifache Familienvater nicht.

Er ist sympathisch, aufmerksam, lacht über sich selber. Demut, Respekt und Aufrichtigkeit sind für ihn fundamental.

«Ehrlichkeit ist ihm extrem wichtig», sagt Torhüter Kläy. Halimi lebt diese Werte vor – und fordert sie ein.

Von seinen Mädchen. Bei der Arbeit. Vom Team. Er ist überzeugt: «Im Fussball fehlt die Menschlichkeit.» 

«Wenn ich meinen Weg anschaue, bin ich froh, nicht Profi geworden zu sein.» 

Flakon Halimi

Bei den Profis sowieso. Da geht es nur ums Geld. 15 000 D-Mark hätte er bei Alemannia Aachen im besten Fall verdient – pro Jahr notabene. Es wäre viel Geld gewesen. Seine Verwandtschaft habe erwartet, dass er später Millionär werde, sagt Halimi.

«Ich überlegte mir darum häufig: Wem müsste ich wie viel geben?»

Das habe ihn mehr unter Druck gesetzt als der Anspruch der Klubverantwortlichen. Seine Schlussfolgerung: «Wenn ich meinen Weg anschaue, bin ich froh, nicht Profi geworden zu sein.» 

Das gute Gefühl der Arschtritte

Das Fussballglück hat er als Trainer im Amateurbereich gefunden. «Jemanden zu führen, ihm etwas beizubringen, jemandem im positiven Sinn in den Arsch zu treten – ich brauche das», sagt er.

Warum aber ist Halimi bei den Effretikern eingestiegen, obwohl man denen angeblich nicht mehr helfen konnte? Er habe Pfäffikon und Effretikon schlicht verwechselt.

«Die Mannschaft gefiel mir. Und ich sagte mir: Das kann doch gar nicht sein. Die sind doch gut.» 

Dreieinhalb Jahre sind seither vergangen, Halimi ist mit dem FCE aufgestiegen. Er fühlt sich respektiert, steht hinter der Vereinsphilosophie, Spieler nicht mit Geld zu ködern.

Dass dies im Breitenfussball weit verbreitet ist, ärgert ihn. «Ich würde nie zu einem Viertligisten gehen, der mich bezahlt. Dann wäre ich nicht mehr authentisch.»

«Flakon bringt alles mit. Er wird seinen Weg machen.»

Assistenztrainer Dario Semadeni

Das aber ist neben seiner Leidenschaft ein zentraler Teil der Zauberformel. Wohin ihn das als Trainer einst führen wird? Halimi gibt sich zurückhaltend.

Klar hat er Träume. Aber er ist eben auch loyal. Und hat Geduld. Semadeni ist derweil überzeugt: Halimi «funktioniert» nicht nur auf dem Eselriet. «Flakon bringt alles mit. Er wird seinen Weg machen.»

Obwohl er ja gar nie Trainer werden wollte. 

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns