Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Fussball

Der Schleifer aus der zweiten Reihe

Die Chefrolle will Khassam Chai nicht – er ist aber mehr als der klassische Assistent.

«Ich muss nicht Chef sein.» Khassam Chai fühlt sich in seiner Rolle «als Mann hinter der Kulisse» wohl.

Foto: Christian Merz

Der Schleifer aus der zweiten Reihe

Er leitet Trainings. Sinniert über Aufstellungen. Denkt stundenlang über Niederlagen nach.

Ausserhalb des FC Rüti aber kennt kaum jemand seinen Namen. Und niemand bringt ihn mit dem Rütner Abschneiden in der 2. Liga interregional in Verbindung.

Die Rolle von Khassam Chai? «Ich bin der Mann hinter der Kulisse.»

Dabei ist er mit seinem Auftreten, der Ausstrahlung und den auf verschiedensten Stufen gesammelten Coaching-Erfahrungen weit mehr als ein Assistent im klassischen Sinn.

«Uns gibt es im Prinzip nur im Zweierpack. Wir besprechen alles miteinander.»

Shaip Krasniqi, Trainer FC Rüti

Cheftrainer Shaip Krasniqi und Chai sind denn auch Partner. Zwei Fussballbesessene, die sich gefunden haben, sich achten und wie Legosteine ineinanderpassen.

Krasniqi umreisst das Verhältnis so: «Uns gibt es im Prinzip nur im Zweierpack. Wir besprechen alles miteinander.»  Krasniqi gebe ihm nie das Gefühl, lediglich Assistent zu sein, sagt Chai. «Meine Meinung ist ihm wichtig. Er respektiert mich sehr.»

Dann erhebt er die Stimme, um die Wichtigkeit der Aussage zu unterstreichen: «Ob du es glaubst oder nicht: Wir hatten noch nie eine Auseinandersetzung.»

Die perfekte Ehe also? Krasniqi lacht. Und bejaht. An einen ernsthaften Zwist mit seinem langjährigen Begleiter kann er sich nicht erinnern. «Das ist im Fall krass.» 

Der 39-Jährige schätzt Chai enorm. «Seine Gelassenheit zeichnet ihn aus. Er ist sehr sachlich», sagt er. Und schwärmt von dessen Charakter, Zuverlässigkeit, Beobachtungsgabe und Akribie.

Die Rolle des Detailpflegers abseits des Lichtkegels passt Chai. Aus der zweiten Reihe kann er an Spielen die Körpersprache «seiner Jungs» studieren.

Er registriert Dinge, die dem an der Seitenlinie mitfiebernden Krasniqi entgehen. Chai hört genau hin, was gesprochen wird.

«Ich gehe immer to the limit.»

Khassam Chai

Und merkt, wenn jemandem die Kraft ausgegangen ist «und er nur noch Luft hat, um mit dem Schiedsrichter zu schwatzen».

Das nimmt der Schleifer und Fitnesscoach, wie er sich abwechselnd bezeichnet, persönlich. Dann hat er versagt.

Chai dreht den Kopf, rückt die rote Liverpool-Mütze zurecht. Trotz der Sommerhitze trägt er ein weisses Langarmhemd, die Turnschuhe könnten nicht sauberer sein. «Ein Fussballer muss fit sein.» 

Um 5 Uhr in der Früh – jeden Tag

Am besten ist er mindestens gleich leistungsfähig wie der seit Langem in Rüti lebende Chai. Das aber setzt Disziplin voraus.

Jeden Tag – auch am Wochenende – trainiert Chai. Um fünf Uhr morgens. Eine Stunde.

«Ich gehe immer to the limit», sagt er. Und mixt Deutsch und Englisch, wie er es im Gespräch ab und zu tut.

Sein Credo: «Der Körper gibt dir alles, wenn du ihn pflegst und trainierst.»

Sein ausgeprägtes Körpergefühl kommt nicht von ungefähr. Als eines von insgesamt 15 Kindern, die sein Vater mit zwei Frauen hatte, kam Chai in Tansania mit Missbildungen zur Welt.

Erst im Alter von 7 Jahren lernte er laufen.

Die Spätfolgen der schwierigen ersten Lebensjahre: «Mein Rücken ist ziemlich im Eimer.» Dass er dem Körper Sorge trägt und darauf achtet, sich gesund zu ernähren und zu leben, erscheint in diesem Licht selbstverständlich. 

Er meditiert. Ist häufig mit dem Mountainbike unterwegs. Der Wind, der ihm um die Ohren pfeift, hilft ihm, den Kopf frei zu bekommen.

«Mit der Frau einfach spazieren zu gehen, ist aber ebenfalls schön.» Wobei die Frau ­genau genommen seine langjährige Freundin ist, mit der er eine Tochter im Teenageralter hat. 

«Ich bin ein komischer Kauz.»

Khassam Chai

54 wird Chai im November. Der Ostafrikaner wirkt allerdings deutlich jünger. Das hat sicher mit seiner guten körperlichen Verfassung zu tun.

Aber man hat das Gefühl, auch mit seiner Persönlichkeit. Chai wirkt voller Energie – und ruht trotzdem in sich. Er ist ernsthaft und witzig zugleich, streicht ohne falsche Bescheidenheit eigene Stärken heraus, gibt sich aber auch selbstironisch.

«Ich bin ein komischer Kauz», wirft er einmal ein. Dann erzählt er weiter. Offen, detailliert, ohne Effekthascherei.

Seine Geschichte ist aussergewöhnlich. Und lässt sich, um den Rahmen nicht zu sprengen, eigentlich nur ganz grob zusammenfassen.

Chais Wurzeln liegen in Tansania und Kenia. In den ostafrikanischen Ländern hat er «die wilden Jahre» verbracht, wie er sagt. Seine drei erwachsenen Kinder, mit denen er täglich in Kontakt steht, sowie die restlichen Mitglieder der grossen Familie leben weiterhin da.

«Isch geil, oder?»

1991 kam Chai durch seine damalige Freundin und spätere Frau in die Schweiz – nach Wald. Mit im Gepäck die Hoffnung auf einen Vertrag als Profifussballer.

Der zentrale Mittelfeldspieler erhält tatsächlich die Chance, bei Lausanne-Sports vorspielen zu können. Am 22. November 1991.

Doch auf dem Weg zum Probetraining rutscht er am HB in Zürich auf einer nassen Treppe aus, bricht sich den Mittelfussknochen.

«Das wars», sagt Chai trocken. «Wenn man als Fussballer keinen Namen hat, verfolgt einem bei einer Verletzung niemand mehr.»

Dann steht er auf und zeigt vor, was nach dem Sturz passiert ist. Die Leute steigen über ihn hinweg. Es dauert lange, bis ihm jemand hilft, aufzustehen. Auch im Notfall des ­Unispitals lässt man ihn stundenlang unbehandelt liegen.

«Isch geil, oder?» Es ist ein ziemlich schlechter Anfang in der neuen Heimat, von der er heute sagt, sie imponiere ihm. 

Chai lässt sich davon nicht unterkriegen. Er hakt den Profitraum schnell ab, findet einen Job und spielt zum Spass in der zweiten Rütner Mannschaft.

«Ich muss nicht Chef sein. Ich könnte es ja gar nicht besser machen als Shaip.» 

Khassam Chai

Später übernimmt er im Verein die A-Junioren. Einer seiner Spieler damals: Shaip Krasniqi.

Ihre Wege trennen sich danach, seit über zehn Jahren aber ist das Duo wieder vereint. Erst beim FC Stäfa, ab 2017 im Stammklub.

Ist es nicht eigenartig, dass der 15 Jahre jüngere Krasniqi – zumindest auf dem Papier – immer die Chefrolle innehat?

Chais Meinung ist gemacht: «Es gibt nichts Natürlicheres als das. Ich muss nicht Chef sein. Ich könnte es ja gar nicht besser machen als Shaip.» 

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns