Deshalb ist GC weniger erfolgreich als der FC Schwerzenbach
16 Jahre jung war Mirjam Dobler, als sie mit Kollegin Romy Gysi in den frühen 1990er Jahren zum aufstrebenden FC Schwerzenbach wechselte.
Das Volketswiler Frauenteam hatte sich mangels Personal aufgelöst – währenddessen der FCS mit einem Cupfinal-Erfolg über Meister Bern den bisher grössten Erfolg überhaupt in der Klubgeschichte feierte. «Ich war an diesem Spiel als Zuschauerin dabei und habe sogar noch Fotos davon», sagt die Gockhauserin.
Es war eine Zeit, in der die NLA-Fussballerinnen höchstens in der Saisonvorbereitung dreimal trainierten und eher belächelt wurden. Der FC Wettswil-Bonstetten löste 1994 sogar sein Frauenteam auf, weil angeblich zu viele Lesben mitspielten. Für das Boulevard-Blatt «Blick» war es ein reisserischer Artikel mit dem Titel «Sex-Skandal im Fussballklub» wert.
Und Doblers Teamkollegin Gysi wurde in einem Fussballmagazin in einem nur so von Männerphantasien triefenden Porträt als Model mit Maikäfer-Ausstrahlung und makelloser Figur dargestellt.
Grossklubs übernehmen
Sportlich dominiert wurde der Schweizer Frauenfussball in dieser Zeit von Seebach und Bern. Der FC Schwerzenbach erwies sich aber gerade für Bern immer wieder als Schreckensgespenst. 1999 wurden die Glattalerinnen mit Dobler sogar Schweizer Meister. Daneben gelang drei weitere Male der Einzug in den Cupfinal – jedes Mal hiess der Gegner Bern (siehe Box).
Den vierten und letzten Pokal holte man 2008 bereits unbenannt als FFC United Schwerzenbach. Wenige Wochen später ging der Klub eine Kooperation mit den Grasshoppers ein. Ein Jahr später verschwand der Name Schwerzenbach ganz von der NLA-Landkarte des Schweizer Frauenfussballs.
Schwerzenbach ist damit aber längst kein Einzelfall. Im Zuge der zunehmenden Professionalisierung finden beispielsweise die Pioniervereine Seebach (FCZ) und Bern (YB) neue starke Partner. Überhaupt verstärken immer mehr Klubs aus dem Profibereich ihre Bemühungen.
Der Schweizerische Fussballverband (SFV) will die Mädchen besser ausbilden und erhöht damit die Anforderungen. Für die kleineren Klubs sind diese zunehmend schwierig zu erfüllen, nur schon aufgrund der Infrastruktur.
Das bisher im Alltag zwischen Schwerzenbach, Greifensee und Pfäffikon pendelnde Team fand mit dem Wegzug auf dem Campus in Niederhasli eine neue Heimat. Und trotzdem: Erfolge hat der Verein unter GC-Flagge seither nur noch im Nachwuchs sammeln können.
«Beim FCZ wurde ganz vieles richtig gemacht.»
Mirjam Dobler, Ex-Spielerin und Finanzverantwortliche GC-Frauen
Der Kantonsrivale FC Zürich reiht derweil seit Jahren Titel um Titel. «Beim FCZ wurde ganz vieles richtig gemacht», sagt Mirjam Dobler. Sie muss es wissen. Nach ihrem Rücktritt als Spielerin war die mittlerweile 44-Jährige nicht nur Assistenztrainerin und Teammanagerin, sondern wirkte auch als Geschäftsführerin der GC-Frauen in der Fussball-Sektion. Derzeit ist sie dort noch immer für die Finanzen zuständig.
«Die Frauen des FCZ sind anders in den Klub eingebettet», betont Dobler. Sie meint damit nicht explizit das höhere Budget. Auch der FC Basel investierte zuletzt immer wieder kräftig und leistete sich sogar ausländische Spielerinnen. «Schweizer Meister wurde er aber dennoch nicht», sagt Dobler.
Sie streicht vielmehr die Ausbildungsarbeit beim Kantonsrivalen heraus. «Diese war immer gut. Der FC Zürich hat uns da klar überholt.» Dazu passt, dass der FCZ seit 2015 als einziger Verein der Schweiz mit dem U21-Team in der NLB mitspielt, und seine Talente so für höhere Aufgaben vorbereiten kann.
Im Schatten des FCZ
Wer also etwas erreichen will, wechselt zum FC Zürich. Auch GC verliert immer wieder mal eine Spielerin aufgrund der sportlichen Perspektiven an den Rivalen. Den umgekehrten Weg nach Niederhasli finden dagegen eher Fussballerinnen, denen der Durchbruch aufgrund der starken Konkurrenz verwehrt blieb.
Der erfolgsverwöhnte FCZ ist deshalb auch immer wieder Bühne und Sprungbrett für das Nationalteam und einem Transfer in eine ausländische Liga.
Allerdings: Die Frauenabteilung des FCZ befindet sich – getragen vom Präsidenten-Ehepaar Canepa – in einem weitaus ruhigeren Umfeld. Die GC-Frauen sind hingegen schon länger als Sektion im Verein integriert – und nicht mehr wie die männlichen Profis in der AG. Dies auch zur Sicherheit, aufgrund der wiederkehrenden Turbulenzen im einstigen Nobelklub.
Dazu passten die jüngsten Schlagzeilen. Noch Anfang Juni wurden im «Blick» Pläne publik, Halbprofitum mit Fixlöhnen und Prämien einführen zu wollen. Hinter dem Projekt stand einmal mehr der ewige GC-Strippenzieher Erich Vogel, der sich mit dem langjährigen Mäzen Heinz Spross den Frauen annehmen wollte.
Mit seinem Vorhaben und Handeln, welches die bisherigen Strukturen aufgebrochen hätte, stiess Vogel aber vielmehr die Führungscrew vor den Kopf.
«Frauenfussball ist grossartig, und auch wir wollen ihn unbedingt fördern. Aber er soll kontinuierlich und organisch wachsen», konterte Silvan Keller, der Präsident der GC-Fussball-Sektion, die Pläne im «Tages-Anzeiger», währenddessen sich von der Frauen-Crew weder Leiterin Claudia Donatsch noch Dobler zum gescheiterten Putsch äussern wollten. Und so bleibt zumindest vorerst alles beim Alten.
Nur Gast auf dem Campus
Das gibt den Fussballerinnen weiterhin weitgehend Entscheidungsfreiheit – so in der Sponsorensuche. Sie sind allerdings auch nur Gast auf dem GC/Campus, bezahlen Platzgebühren und dürfen nur auf dem Kunstrasen trainieren. Die Naturplätze-Felder sind den männlichen Kollegen vorbehalten.
Dazu kommt die für den eigentlichen Stadtzürcher Klub dezentrale Lage im Unterland. Ab Stufe U17 findet der Alltag der Mädchen ausserdem in Glattbrugg statt.
Zuversicht gibt den GC-Frauen dafür die Verpflichtung von Sascha Müller. Der langjährige GC-Juniorentrainer und Ex-Profi konnte neu als Trainer für das NLA-Team gewonnen werden. Der Volketswiler wird daneben auch die Morgen- und Individual-Einheiten bei den GC-Frauen leiten. Dobler spricht im Zusammenhang mit Müller von einem «absoluten Glückstreffer».
Und doch, bei aller Aufbruchstimmung: Die NLA konnte sein Mauerblümchendasein bisher nie ablegen. Das Zuschauerinteresse im Alltag ist trotz mittlerweile zweier Endrunden-Qualifikationen des Nationalteams unentwegt klein. Talente zieht es früh in die attraktiven Ligen im umliegenden Ausland.
Immerhin: Für die beiden nächsten Saisons konnte erstmals ein Ligasponsor gefunden werden. Statt Nationalliga A heisst sie Women’s Super League. Laut dem SFV soll der heimische Frauenfussball dadurch einen weiteren Schub erhalten.
Die Entwicklung macht aber auch klar: Ein Schweizer Meister oder Cupsieger aus Schwerzenbach oder ein mögliches Oberland United ist heute nahezu unvorstellbar.
Meilensteine
Gründungsjahre: Erste Erfolge Im Sommer 1977 wird die neue Sportanlage eingeweiht. Schon bald darauf entsteht das erste Schwerzenbacher Frauenteam. 1982 erzielt es am internationalen Pfingstturnier in Stockach den ersten grossen Erfolg. 1988 folgt der Aufstieg in die Nationalliga B, drei weitere Jahre später der Sprung in die höchste Spielklasse.
1992: Erster Cupsieg
Gegen den späteren Meister Bern gelingt im Cupfinal durch ein 1:0 nach Verlängerung der bis anhin grösste Erfolg in der Geschichte.
1999: Meister und Cupfinal
Mit einem 4:1 über Malters holen sich die Glattalerinnen mit Mirjam Dobler als Captain in der letzten Runde den Meistertitel. Zuvor muss sich der FCS in einem dramatischen Cupfinal vor 740 Fans auf dem Effretiker Eselriet dem FC Bern 5:7 im Penaltyschiessen geschlagen geben. Goalie Kathrin Lehmann wird zur Fussballerin des Jahres gekürt.
2000: Erneute Finalpleite
Bern schafft mit einem 2:0-Sieg die Cupfinal-Revanche.
2003: Zweiter Cupfinal-Triumph
Erneut geht es im Cupfinal gegen Bern, und wiederum geht es ins Penaltyschiessen. Der FCS liegt im Basler St. Jakob-Park ab der 55. Minute 0:1 zurück. Kurze Zeit später muss Torhüterin Jasmin Schnyder nach einer Notbremse mit Rot vom Feld. Doch Schwerzenbach, bei der die spätere Riediker Freestyle-Snowboarderin Isabel Derungs eingewechselt wird, kann in Unterzahl ausgleichen und behält auch nach 120 Minuten im entscheidenden Elfmeter-Vergleich kühles Blut.
2006: Weg vom Stammklub
Die Frauenabteilung löst sich vom FCS. Grund dafür ist die zunehmende Professionalisierung des Frauenfussballs, die der SFV mit einem Label vorantreibt. Ab der Saison 2007/08 läuft der Klub als FFC United Schwerzenbach auf.
Mai 2008: Der dritte Cupsieg
Schon wieder geht es im Final gegen Bern. Beim 4:2 im Stade de Suisse trifft bei United Schwerzenbach auch die spätere Fifa-Schiedsrichterin Desirée Grundbacher.
Juli 2008: Kooperation mit GC
United Schwerzenbach und die Grasshoppers spannen zusammen. Das Team läuft neu als GC/Schwerzenbach auf. Der Verein verabschiedet sich vom Zimikerried. Trainiert wird auf dem Milandia-Gelände in Greifensee und dem GC-Campus in Niederhasli.
2009: Nur noch GC
GC/Schwerzenbach wird in den Grasshopper Club Zürich integriert. (zo)
