Radices Abgang durch die Hintertüre
350 Pflichtpartien bestritt Luca Radice für den FC Winterthur von 2006 bis 2013 und wieder seit 2016 – er ist dadurch nicht nur mit Abstand dienstältester Profi, sondern überhaupt Rekordspieler im Verein.
Letzte Woche nun der plötzliche Abgang: Der Volketswiler verabschiedete sich im Rahmen eines Trainings noch vor der Wiederaufnahme der Meisterschaft von jedem seiner Mitspieler. Es ist ein unwürdiger Abschied.
Auf keinem seiner Kanäle verlor der Challenge-League-Klub, der so gern sein alternativ-besonderes Image pflegt, seither nur ein Wort für den verdienten Spieler.
Und auch im Winterthurer «Landbote» ist reichlich Unterton spürbar. Radice – immerhin Vize-Captain des Teams – sei in der Hierarchie abgerutscht und habe sich nicht gerade eindrücklich dagegen gestemmt, heisst es. Eine Würdigung sieht anders aus.
«Ich hätte mir meinen Abgang schon anders vorgestellt.»
Luca Radice, Fussballer aus Volketswil
Enttäuschung ist auch bei Radice spürbar. «Ich hätte mir meinen Abgang schon anders vorgestellt. Der Verein ist mir schliesslich ans Herz gewachsen», sagt er. Der 33-Jährige wäre gern noch länger auf der Schützenwiese geblieben. Als Spieler oder auch in einer anderen Funktion.
In seinem Ende Juni auslaufenden Vertrag bestand die Option auf ein weitere Saison. Der FCW sah ganz offensichtlich davon ab. Radice hätte sich ungeachtet der schwierigen Co-rona-Situation eine etwas offenere Kommunikation seitens des Vereins gewünscht.
Letztes Spiel und Interview
Als letzte Winterthurer Erinnerung von Radice bleibt so ein Interview auf dem Schützi-TV-Podcast. Der Mittelfeldspieler war Anfang Juni im ersten Testspiel nach der Lockdown-Phase gegen YF Juventus (1:0) in der zweiten Hälfte zum Einsatz gekommen. Und sein Abgang schien noch ziemlich weit weg.
«Wir freuen uns auf die nächste Saison, in der wir dann hoffentlich wieder vor Fans spielen können», sagte Radice dort sogar zum Abschluss. Den Entscheid, vorzeitig beim FCW aufzuhören, hatte er für sich da schon gefällt. «Ich konnte es aber natürlich nicht erwähnen», begründet er seine Worte.
Der frühere Junior des FC Volketswil kann auf eine für einen Quereinsteiger beachtliche Karriere zurückblicken. Mit 19 bekam er die Chance, sich über die U21 von Winterthur zu empfehlen. Radice nutzte sie und erlebte wechselvolle Jahre.
Zweifelloser Höhepunkt war im April 2012 der Cup-Halbfinal gegen Basel (1:2) auf der ausverkauften Schützenwiese.
Später wurde er sogar Stammkraft bei Aarau in der Super League. Radice spricht von einer schöner Erfahrung. «Der damalige Trainer René Weiler schenkte mir Vertrauen. So bekam ich sofort Spielpraxis», erinnert er sich.
Radice wäre beinahe auch mal bei St. Gallen gelandet und sogar im schottischen St. Mirren, bei dem er eine Woche im Probetraining weilte.
«Ich muss schmunzeln, wenn ich davon höre, wie reibungslos die Transfers von anderen Spielern über die Bühne gegangen sein sollen», sagt er.
Wechsel zum FC Rapperswil
In den letzten Winterthurer Jahre forcierte Radice auch seine berufliche Ausbildung. In Kürze schliesst er eine Weiterbildung zum technischen Kaufmann ab. An einen möglichen Rücktritt denkt der deshalb aber längst nicht. «Ich fühle mich fit», sagt er.
Seine Zukunft ist bereits geregelt und heisst FC Rapperswil-Jona. Nächste Woche steigt er ins Training ein. «Wir haben uns schnell gefunden», sagt Radice. Dazu passt: Von seinem Wohnort Gutenswil aus erreicht er Rapperswil in einer halben Stunde.
Mit seinem Wechsel zum FCRJ macht Radice zwar einen Schritt zurück, ein Comeback in der Challenge League schliesst er dennoch nicht kategorisch aus.
Immerhin zählt Rapperswil zu den wenigen Klubs der Promotion League mit ernsthaften Aufstiegsambitionen. Und in der abgebrochenen letzten Saison waren die St. Galler hinter Leader Yverdon der erste Verfolger.
