«Dann würde mindestens die Hälfte Konkurs machen»
Seit letztem Oktober amtet Sandro Stroppa als Präsident der Amateurliga. Der Effretiker steht damit der grössten der drei Abteilungen im Schweizerischen Fussballverband (SFV) vor. Sämtliche Spielklassen ab der 2. Liga interregional und der Frauen-Erstliga sind darin vereint.
Stroppa hat turbulente Wochen hinter sich. Aufgrund der Coronavirus-Krise wurde der Rückrundenstart auf sämtlichen Amateurstufen zuerst verschoben und schliesslich Ende April ganz abgesagt.
Trotz der ungebrochen schwierigen Situation sieht er aber positive Aspekte. «Ich durfte der Amateurliga in den nationalen Medien ein Gesicht geben – dort, wo sie sonst nie reinkommt, obwohl der regionale Fussball die Massen so bewegt. Das ist wichtig und gut», findet der 50-Jährige.
Und gute Neuigkeiten gab es nun am Mittwoch auch vom Bundesrat. Er hat ein Stabilisierungspaket in dreistelliger Millionenhöhe beschlossen, von dem der Breitensport in Form von À-fonds-perdu-Beiträgen profitiert.
Wie gross ist die Erleichterung über die Finanzspritze des Bundesrats?
Sandro Stroppa: Ich bin natürlich sehr zufrieden, dass der Bundesrat die Notlage des Amateursports gesehen hat und helfen möchte. Die ganz grosse Frage wird jetzt sein: Wie sind die Hürden eingestellt, wer kann überhaupt partizipieren?
«Jetzt müssen wir zuerst abwarten und schauen, wie das Kleingedruckte aussieht.»
Kann man schon sagen, was der Entscheid für den Amateurfussball heisst?
Leider waren die Bedingungen beim ersten Paket über 50 Millionen Franken für uns im Fussball zu hoch oder falsch eingestellt. Jetzt müssen wir zuerst abwarten und schauen, wie das Kleingedruckte aussieht.
Was passiert ohne finanzielle Unterstützung, wenn ein weiteres halbes Jahr nicht gespielt werden kann?
Dann würde von den 13 Regionalverbänden mindestens die Hälfte Konkurs machen. Nehmen wir das Beispiel des Zürcher Regionalverbands. Er organisiert pro Woche rund 800 Spiele und ist für die Ausbildung von Schiedsrichtern und Trainern zuständig. Wer macht es dann? Das Wichtigste ist also, dass wir möglichst vereint aus dieser Corona-Krise rausfinden.
Diese ist kurz nach Ihrem Einstieg als Präsident der Amateurliga ausgebrochen. Wie haben Sie die Zeit erlebt?
Zu Beginn war das Virus noch weit weg. Die allgemeine Meinung war: Mit dem können wir schon umgehen. Und dann mussten die Trainings abrupt gestoppt werden. In dieser Phase ging es darum, herauszufinden, wann der letzte mögliche Startzeitpunkt ist, um die Rückrunde bis zu den Sommerferien beenden zu können. Dazu kamen, ohne einen Vorwurf zu machen, die spärlichen Häppchen des Bundesrats.
Ende April war Schluss. Die Saison wurde vom SFV-Zentralvorstand nach einem einstimmigen Antrag der 13 Regionalverbände abgebrochen.
Und ich bin froh um die Lösung nicht nur für die Amateurliga, sondern für die gesamte Schweiz – den Profibereich ausgenommen. Unsere Systeme laufen ja ineinander. Seither habe ich wieder etwas Luft.
Waren die Regionalverbände sich wirklich so einig?
Da steckt natürlich schon Arbeit dahinter. Die Präsidenten der Verbände kommen regelmässig zusammen, um miteinander Lösungen zu erarbeiten. Nehmen wir die aktuelle Situation: Wenn wir im Wettspielbetrieb ausserordentliches Recht anwenden, indem wir eine Meisterschaft abbrechen, dann dürfen wir möglichst wenig Angriffsfläche bieten. Sonst bekommen einige das Gefühl, sie müssten jetzt einen Rechtsanwalt nehmen. Es war strategisch ganz wichtig, die Grundlage zu schaffen, um für alle richtig zu entscheiden.
«Es geht hier nicht darum, Muskeln zu zeigen.»
Der Einfluss der Regionalverbände beim Entscheid des SFV war also entsprechend gross.
Ja, klar. 95 Prozent der Fussballer sind in der Amateurliga. Es geht hier aber nicht darum, Muskeln zu zeigen. Wichtig war, dass sich auch alle anderen Abteilungen einig waren und der Entscheid so auf einer breiten Basis entstand.
Trotz den augenscheinlich schlechten Perspektiven herrschte wochenlang Ungewissheit. Selbst der Antrag an den SFV-Zentralvorstand wurde nach einer Konferenz nochmals vertagt. Wurde nicht sogar zu lange gewartet?
Da gibt es unterschiedliche Meinungen. Es waren noch einige wenige Fragen offen, die es zu klären galt. Und man wollte die Informationen des Bundesrats vom 16. April abwarten, weil da eine grössere Ankündigung anstand. Und Sie sehen es nun im Fall von Yverdon (der Leader der Promotion League will vor dem CAS gegen den Entscheid klagen – die Red.). Wir hatten natürlich im Vorfeld schon gewisse Rückmeldungen von Vereinen, die ihren Unmut kundtaten. Mit dem Entscheid des Bundesrats, dass bis zum 8. Juni sicher kein Fussball gespielt wird, war dann endgültig klar, dass es keine Rückrunde mehr gibt.
Kritiker monieren, dass keine innovativeren Modelle ins Auge gefasst wurden. Sprich: die alte Saison im Herbst fertigzuspielen oder Bonuspunkte in die neue Saison mit einzuberechnen. Haben Sie Alternativen geprüft?
Innovativ? Vielleicht ist unser Weg das Innovativste überhaupt. Klar haben wir andere Lösungen in Betracht gezogen. Nur: Es gilt auch die Transferfristen zu beachten. Zudem könnten dann die Gesichter der einzelnen Mannschaften im Aktivbereich anders aussehen. Das ist doch auch eine Verfälschung. Und im Juniorenbereich kommt es zu jahrgangsbedingten Wechseln. Eine Lösung, die alle zufriedenstellt, wird es sowieso nie geben.
Zeichnen wir das Schreckensszenario, dass auch im Herbst nicht gespielt werden kann. Dann könnte die Rückrunde in einem Jahr gespielt werden. Haben Sie diese Variante mit einberechnet?
Bei den Junioren geht es wie erwähnt gar nicht. Und auf die Aktiven bezogen: Macht es überhaupt noch Sinn? Es gibt so viele Wenn und Aber. Wenn wir erst 2021 spielen, dann ist doch eine verkürzte Saison mit totaler Wertung genauso innovativ. Nochmals: Ich habe doch vollstes Verständnis. Wir sind alle frustriert. Und ich will auch nicht behaupten, dass wir alles besser wissen. Im Nachhinein gibt es allenfalls auch Punkte, die wir besser hätten lösen können.
«Dann habe ich die Hoffnung, dass der Bundesrat auch den Kinderfussball alsbald zulässt.»
Immerhin: Seit Anfang dieser Woche darf unter strikten Auflagen wieder trainiert werden. Dafür wurde ein komplexes Schutzkonzept ausgearbeitet. Ist es für einen kleinen Klub überhaupt umsetzbar?
Es ist sicher ganz schwierig. Ich habe schon unterschiedlichste Lösungen gesehen. Wenn ich mich an meine Aktivzeit zurückerinnere: Mir als ehrgeizigem Amateurfussballer hätte es schon gereicht, den Ball am Fuss zu haben, ein paar Pässe zu spielen und mich mit einigen Kollegen auszutauschen. Ich verstehe aber auch Vereinsverantwortliche und Besitzer von Sportanlagen, wenn sie sagen, dass es nicht geht. Ich wünsche mir ganz fest, dass mit der Öffnung der Schulen das Virus durch die Kinder in den nächsten Wochen nicht weitertransportiert wird. Dann habe ich die Hoffnung, dass der Bundesrat auch den Kinderfussball alsbald zulässt. Das wäre ein wichtiges Signal.
Grosse Sorgen gibt es insbesondere im finanziellen Bereich. Heinrich Schifferle, der Ligapräsident der Swiss Football, sagte in einem Interview mit der «SonntagsZeitung», dass, wenn der Profifussball abstürze, auch die Klubs darunter abstürzten – weil alles zusammenhänge. Ist das so?
Natürlich. Der SFV hat schon jetzt ein rotes Budget, weil bis im Juni nicht gespielt wird. Der Verband muss sich also überlegen, gewisse Unterstützungszahlungen und Projekte einzufrieren. Unsere Regionalverbände erhalten also gewisse Gelder nicht mehr, weil es keinen Spielbetrieb gibt, und kommen so an ihre finanziellen Grenzen.
Doch Hand aufs Herz: Rechnen Sie mit einer plangemässen Aufnahme der neuen Meisterschaft bei den Amateuren?
Leider kenne ich niemanden, der in die Kristallkugel schauen und uns eine Angabe darüber machen kann. Wenn es etwas später wird – dann ist es eben so. Auch ein Start Ende September ist noch denkbar.
