«Ich musste mich neu erfinden»
Die Coronavirus-Pandemie hat selbstredend auch Philippe Montandons Leben durcheinandergewirbelt. Seine Tätigkeit als Betriebswirtschafts-Dozent in der Erwachsenenbildung übt er derzeit im Homeoffice aus.
Von seinem neuen Wohnsitz in Züberwangen nahe Wil SG unterrichtet er seine Schülerinnen und Schüler am Bildungszentrum BVS in St. Gallen ausschliesslich virtuell.
Sein zweiter Nebenjob liegt derweil Corona-bedingt komplett auf Eis. Als Experte des TV-Bezahlsenders Teleclub kommentiert er seit Februar 2015 regelmässig Partien der höchsten beiden Schweizer Ligen.
«Es wäre schön, wenn es vielleicht im Juni schon wieder weiterginge, für viele Fans ist der Fussball ja auch der willkommene Ausgleich, um die Alltagssorgen zu vergessen.»
Philippe Montandon
«Dadurch behalte ich noch immer einen Fuss im Fussball, dem Sport, der mir so vieles gegeben hat, den ich schätzen und lieben gelernt habe», sagt der 37-Jährige. Freilich hoffe er, dass der Ball hierzulande bald wieder rollt – auch ohne Fans im Stadion.
«Es wäre schön, wenn es vielleicht im Juni schon wieder weiterginge, für viele Fans ist der Fussball ja auch der willkommene Ausgleich, um die Alltagssorgen zu vergessen», meint er. Und fügt sogleich an: «Ich vertraue da dem Bundesrat und seinen Beratern voll und ganz. Wenn sie sagen, es ist möglich, freue ich mich, und wenn nicht, füge ich mich. Ich bin kein Experte und masse mir nicht an, die Gefahren und Auswirkungen selbst richtig einschätzen zu können.»
Wenn Euphorie mitschwingt
Der momentanen Situation gewinnt er indes auch Positives ab. So geniesse er es, mit seiner Ehefrau Muriel und ihren beiden Kindern Nino (5) und Jana (3) momentan mehr Zeit als sonst gemeinsam zu Hause zu verbringen. «Mir ist es aber bewusst, dass wir sehr privilegiert sind, es uns sehr gut geht.»
Ab und zu verbringt er in diesen Tagen und Wochen auch einmal Zeit im Hause seiner Eltern in Brüttisellen – dann, wenn er Ruhe braucht. Ruhe, um an seiner Diplomarbeit zu arbeiten. Denn im Juni schliesst Philippe Montandon ein Zusatzstudium ab, mit dem CAS in Immobilienbewertung an der Hochschule Luzern.
«Das Thema Wohnen hat mich schon immer fasziniert.»
Philippe Montandon
Seine erste Arbeitsstelle in diesem Bereich hat er bereits auf sicher: Mit einem 80-Prozent-Pensum wird er Anfang Juli in einer Ostschweizer Immobilienfirma einsteigen.
«Ich freue mich sehr darauf», sagt er dazu, «das Thema Wohnen hat mich schon immer fasziniert. In verschiedene schöne Häuser und Wohnungen zu schauen und zu sehen, wie und wo andere Leute leben, finde ich extrem spannend.»
In der Stimme des sonst so präzis wie nüchtern und angenehm unaufgeregt formulierenden Montandon schwingt auch durchs Telefon deutlich hörbar Euphorie mit.
Der laufende Prozess
So könnte die neue Tätigkeit tatsächlich dazu avancieren, was Philippe Montandon seit dem Rücktritt vom Profifussball sucht. «Beruflich geht es für mich darum, etwas zu finden, was mich begeistert – das ist ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist», räumt der 37-Jährige ohne Umschweife ein.
Den Übergang vom Fussballprofi-Dasein ins normale Berufsleben erlebe er als anspruchsvoll. «Ich musste mich neu erfinden.»
Die grösste Herausforderung sieht er darin, die Emotionen, die er Woche für Woche aufsog, die Leidenschaft, die er von klein auf in seinem Sport ausgelebt hatte, auf einem Feld abseits des Fussballs zu entwickeln.
«Damals habe ich die anderen Seiten des Fussball-Business gesehen, Dinge, die nicht zu meinen Werten passen.»
Philippe Montandon
«Ich habe ja schon manches ausprobiert.» Wenigstens fand er dabei heraus, was er nicht möchte: im Fussball als Verantwortlicher hinter den Kulissen zu wirken.
Im FC St. Gallen, wo er als Spieler im goldenen Herbst seiner Karriere zur grossen Identifikationsfigur gereift war und 2014 als Captain nach seiner achten Gehirnerschütterung ein letztes Mal vom Rasen ging, fungierte er in der darauffolgenden Saison als Teammanager.
Rund ein Jahr nachdem er diese Tätigkeit zugunsten seines Betriebswirtschafts-Studiums aufgegeben hatte, kehrte er im Oktober 2017 zum Traditionsverein zurück: als Leiter des Sponsoring-Aussendiensts. Doch das Engagement fiel genau in die Zeit der grösseren Turbulenzen bei den Ostschweizern, die schliesslich im Austausch des kompletten Verwaltungsrats und der Übernahme des Präsidiums durch den langjährigen Fernsehmoderator Matthias Hüppi gipfelten.
«Damals habe ich die anderen Seiten des Fussball-Business gesehen, Dinge, die nicht zu meinen Werten passen», schildert Montandon, «dafür muss man gemacht sein. Ich brauche aber etwas, wo ich mich fundiert und kontinuierlich weiterentwickeln kann.»
Als Vorwurf an die alten oder neuen St. Galler Führungspersonen will er dies explizit nicht verstanden wissen. Mit Hüppi, aber auch mit dessen Vorgänger Stefan Hernandez habe er ein gutes Einvernehmen gehabt. «Ich habe einfach gemerkt, dass das Business nicht zu mir passt.»
Kein Trainer-Nomadenleben
Den naheliegendsten Weg, mit dem Fussball in Verbindung zu bleiben, schlug der 217-fache Super-League-Spieler bewusst nicht ein. «Ich hätte mich durchaus als Trainer gesehen, vor allem im Juniorenbereich. Ich könnte mir gut vorstellen, den Jungen etwas weiterzugeben, es hätte mich auch gereizt», führt er aus, «aber letztlich ist man auch als Trainer immer ein Reisender – und das lässt sich nicht mit einem Familienleben mit Kindern vereinbaren. Und ich habe mich für die Familie entschieden.»
In der Familie spüre er heute jene schönen, intensiven Emotionen, die er früher auf dem Platz erlebte, wenn auch anders. Auf seine Spieler-Karriere blickt der frühere Innenverteidiger über fünf Jahre nach dem unfreiwilligen Schlusspunkt rundum zufrieden zurück. «Ich bin dankbar für alles, was ich erleben durfte, es war eine sehr schöne Karriere.»
Tatsächlich feierte der 1,90-Meter-Hüne beachtliche Erfolge. Nach seinem Wechsel vom Stammverein FC Brüttisellen in die Talentschmiede des FC Winterthur entwickelte er sich zum Schweizer Nachwuchs-Auswahlspieler und kam im zarten Alter von 16 Jahren zu seinem Challenge-League-Debüt.
«Natürlich wäre es schön gewesen, für die Schweiz aufzulaufen, oder hätte mich das Ausland gereizt, aber man muss sich auch selbst einschätzen können.»
Philippe Montandon
An seiner nächsten Station, im FC Wil, trug er 2004 seinen Teil zum überraschenden Gewinn des Schweizer Cups bei. Im selben Jahr gehörte er dem Kader der Schweizer U-21 an und trat im ersten EM-Gruppenspiel gegen Gastgeber Deutschland mit damals jungen Stars wie Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski oder Thomas Hitzlsperger an.
Auch seine drei Saisons im FC Lugano reiht Montandon trotz – oder gerade wegen – der jeweils am Saisonende knapp verpassten Aufstiege in die Super League zu den Höhepunkten ein.
«Es war eine sehr spezielle Zeit», meint er zu jenen Jahren, in die auch die Diagnose eines Hodenkrebses mitsamt der erfolgreichen Behandlung fiel. Den krönenden Abschluss bildeten der Super-League-Aufstieg mit dem FC St. Gallen 2012 und die erfolgreichen Folgejahre, in denen es die Ostschweizer bis in die Europa League schafften und auch dort eine mehr als gute Falle machten.
Mit sich im Reinen
Damit, dass er damals innert 14 Monaten drei Gehirnerschütterungen erlitt und darum früher als gedacht aufhören musste, hadert Philippe Montandon im Nachhinein nicht. «Natürlich hätte ich gerne noch zwei, drei Jahre weitergespielt», erklärt der 37-Jährige, «aber so konnte ich immerhin zu einem schönen Zeitpunkt abtreten, in der es der Mannschaft und mir sehr gut gelaufen ist. Manche verpassen ja den richtigen Moment.»
Dass es ihm nicht in die Schweizer A-Nati oder zu einem Auslandtransfer reichte, löst in ihm kein Bedauern aus. «Natürlich wäre es schön gewesen, für die Schweiz aufzulaufen, oder hätte mich das Ausland gereizt», kommentiert er, «aber man muss sich auch selbst einschätzen können. Für die Nati hat es knapp nicht gereicht, andere waren besser. Das ist völlig okay und für mich kein Tolggen im Reinheft.»
«Es ist ein schöner Ausgleich und macht richtig Freude, wieder auf dem Platz zu stehen.»
Philippe Montandon
Auch gesundheitlich sieht Montandon keinen Grund zur Reue: Spätfolgen der Gehirnerschütterungen spüre er heutzutage nicht. «Man weiss zwar nie, wie ich ohne die Gehirnerschütterungen zwäg wäre, aber auf jeden Fall geht es mir gut, und ich habe im Alltag gar keine Einschränkungen.»
Sogar Fussball zu spielen, liegt mit einer gewissen Zurückhaltung in Luftduellen wieder drin. Der ehemalige Bassersdorfer Leistungsträger, Trainer und Sportchef Marco Tanner lotste ihn zu den Senioren des FC Wallisellen, wo er bis zur Corona-Zwangspause über ein Jahr lang seiner grossen Leidenschaft wieder frönen konnte.
«Es ist ein schöner Ausgleich und macht richtig Freude, wieder auf dem Platz zu stehen.» So wird der Fussball nach der Krise auch wieder Platz in Philippe Montandons Leben einnehmen. Einen gebührenden – und für ihn genau passenden. (Peter Weiss)
