Eine Greifenseerin für die Seleção
«Seja bem vinda» – Herzlich Willkommen. Es ist einer von ganz vielen Kommentaren auf der Instagram-Site von Natascha Honegger zum neuesten Beitrag. Nur: Er stammt von Marta, mehrfache Weltfussballerin – und damit seit vielen Jahren der ganz grosse weibliche Star von Brasilien.
Der Grund dafür: Die Torfrau aus Greifensee gab bekannt, künftig für das Heimatland ihrer Mutter auflaufen zu wollen. Die Reaktion der Ausnahmespielerin Marta dürfte Honegger besonders freuen.
Die Entscheidung der 21-Jährigen überrascht und erstaunt zugleich. Weil man ähnliche Fälle bisher nur aus dem Männerfussball kennt – und vor allem da sie erst seit wenigen Monaten im Kreis des Schweizer Nationalteams stand.
Noch Mitte Januar zählte Honegger nämlich zum ersten Kader des neuen Coaches Nils Nielsen im Trainingslager in Andalusien. Und auch für den anstehenden Algarve-Cup von Ende Monat erhielt sie ein Aufgebot – welches natürlich nun hinfällig wurde.
Hin- und hergerissen
Überhaupt möglich wurde der Nationenwechsel aber auch nur, weil Honegger zuvor kein offizielles Länderspiel für die SFV-Auswahl bestritten hatte. «Es war eine schwierige Entscheidung. Ich bin hier aufgewachsen und dankbar für alles. Aber ich habe immer davon geträumt für Brasilien zu spielen – und diese Gelegenheit wollte ich nutzen», begründete sie ihren Schritt.
Für Honegger ist das Bekenntnis aber nicht nur eine Herzensangelegenheit. Die 1,79 Meter grosse Torhüterin rechnet sich in Brasilien auch mehr Chancen aus, um zu einer festen Grösse zu wachsen. Nicht zuletzt deshalb weil die beiden besten Torhüterinnen schon 30 Jahre oder sogar älter sind. Stammtorhüterin Bárbara droht sogar aufgrund einer Fingerverletzung für die Weltmeisterschaft vom Juni in Frankreich auszufallen.
«Natascha hat sehr viel Potenzial. Wir werden sie deshalb weiter beobachten.»
Vadão, Trainer Brasilien
Überzeugen konnte Honegger den Staff des WM-Finalisten von 2007 jüngst in einem Trainingslager im nationalen Leistungszentrum in der Nähe von Rio de Janeiro, wofür sie aufgrund ihrer Physis und technischen Fertigkeiten extra für eine Woche eingeflogen worden war.
«Natascha hat sehr viel Potenzial. Wir werden sie deshalb weiter beobachten», betonte Trainer Vadão hernach und räumte ihr auch für die Zukunft gute Chancen ein den Sprung in die weibliche Seleção schaffen zu können. Auch wenn es für die anstehende WM noch nicht reichen würde.
Dass es der brasilianische Fussballverband mit Honegger ernst meint, darauf schliesst auch ein extra erstellter Videobeitrag über «Natasha», wie sie genannt wird. Mit spürbar lateinamerikanischen Lebensfreude gibt sie darin ein erstes Interview auf portugiesisch – angereichert mit einigen Sequenzen aus dem Training.
Wieder im Alltag
Mittlerweile hat Honegger der Alltag längst wieder eingeholt. Sie steht am Samstag im Tor ihres Klubs Luzern. Seit zweieinhalb Jahren spielt sie bereits in der NLA – zunächst für eine halbe Saison beim SC Derendingen, ehe sie zum FCL wechselte und sich dort sofort als Nummer 1 etablierte.
Verwurzelt ist das Goalie-Talent aber nach wie vor mit Greifensee, wo sie noch immer bei ihren Eltern lebt – und auch einst im FC die ersten fussballerischen Schritte tätigte.
Später zog es Honegger zum FC Schwerzenbach und in den Nachwuchs des seit Jahren im Frauenfussball führenden FC Zürich. Zu mehr als einigen Einsätzen in Testpartien kam sie allerdings im NLA-Team des Serienmeisters nicht.
Doch klar ist auch: Wer die Herausforderung Brasilien nicht scheut, für den ist bestimmt auch der FC Luzern nicht das Ende des Horizonts. Natascha Honegger zieht es nämlich wie die meisten der Schweizer Nationalspielerinnen in eine grössere europäische Liga. Am liebsten schon im nächsten Sommer nach dem Abschluss der Berufsmittelschule.
