Den Schmerz verarbeitet
Die Rückkehr aus den USA hatte sich Janine Alder anders vorgestellt. Doch am Ende musste es aufgrund der sich zuspitzenden Coronavirus-Situation schnell gehen.
Für grosse Abschiedsszenen blieb deshalb trotz fast vier Jahren an der Universität von St. Cloud, einer Kleinstadt im Bundesstaat Minnesota, keine Zeit. Ihr Studium in Journalismus und Psychologie schliesst sie nun in diesem Frühjahr online ab – im heimischen Mönchaltorf.
Aufs Eishockey hatte das Ganze allerdings keinen Einfluss. Für die St. Cloud State Huskies war die Meisterschaft beim Shutdown bereits zu Ende. Wiederholt klassierten sie sich am Tabellenende der Western Collegiate Hockey Association.
Alder hatte allerdings als neuer Teamcaptain («Das ist eine grosse Ehre») nur bedingt Einfluss auf die Resultate.
Die noch in der letzten Saison für ihre starken Leistungen (93 Prozent abgewehrte Schüsse) von der eigenen Universität und der College-Liga ausgezeichnete Oberländerin kam nämlich nur in vier von 33 Partien überhaupt zum Einsatz.
Fataler Schuss an den Kopf
Doch weshalb überhaupt? Nach einem Schuss an den Kopf erleidet sie im Oktober einen Krampfanfall und muss hospitalisiert werden. «Es war wie eine Ganzkörperlähmung», erinnert sich Alder. Hinterher will sie nichts riskieren und unterstützt fortan ihr Kolleginnen vor allem neben dem Eis auf psychologischer Ebene. «Ich konnte mich dafür persönlich weiterentwickeln», sagt Alder.
Im Dezember lässt sie sich am Swiss Concussion Center in Zürich (Klinik für Patienten mit Kopfverletzungen – die Red.) behandeln. Die Mönchaltorferin erhält dort die Gewissheit, dass sie keine Epilepsie hat.
Überhaupt: Dass Janine Alder ihre Rückkehr nicht stärker forciert, hat einen guten Grund. Schon an der Weltmeisterschaft in Finnland vor einem Jahr war ihr nach ihrem Einsatz gegen die USA im Hotel ein «Status epilepticus» (ein prolongierter epileptischer Anfall) widerfahren.
Der Schweizer Nationaltorhüterin wird zunächst schlecht, ehe sie völlig die Kontrolle über ihren Körper verliert. «Im Kopf war ich voll da, konnte mich aber nicht bemerkbar machen», sagt die 24-Jährige.
Zum Glück reagieren aber ihre Kolleginnen und der Teamarzt zeitnah – die Rettungskräfte sind schnell vor Ort. «Den Spezialisten habe ich zu verdanken, dass ich keine bleibenden Schäden davongetragen habe», sagt sie. Alder wird sogar in ein künstliches Koma versetzt, um die Hirnströme zu beruhigen.
Erst Tage später wacht sie auf der Intensivstation wieder auf. Dazu kommt: Eine Lungenentzündung, die sie aufgrund der Intubation erleidet, macht ihr lange zu schaffen. Die Ursache für den Anfall? Eine Kombination aus vielen Umständen.
Schreiben als Therapie
Im Sommer begibt sich Alder in einem Goalie-Camp in Zuchwil erstmals wieder aufs Eis. Den emotionalen und körperlichen Schmerz verarbeitet die Oberländerin dazu in einem Buch mit der Überschrift «Der erste Gedanke».
Es entsteht innerhalb von nur zweieinhalb Monaten. Ihr dient das Schreiben als eine Art Therapie. «Der Titel steht für den ersten und wichtigsten Gedanken, den meine Familie hatte, während ich im Koma war – ob ich wieder aufwache», sagt sie.
Alder reist voller Zuversicht wieder in die USA. «Ich fühlte mich gut erholt, auch wenn das Sommertraining nicht ideal war.» Ihr Comeback ist vielversprechend. Bis zum neuerlichen Rückschlag.
«Es ist wie bei einem Soldaten, der aus dem Krieg zurückkehrt.»
Janine Alder, Eishockey-Torhüterin aus Mönchaltorf
«Die Psyche hat das Ganze noch nicht richtig verarbeitet. Es ist wie bei einem Soldaten, der aus dem Krieg zurückkehrt», sagt Alder jetzt.
Sie will nun genau beobachten, «wie sich ihr Stresslevel entwickelt». Helfen dürfte Alder ihr vertrautes Umfeld. Mögliche Gedankenspiele, die Karriere in Schweden fortsetzen zu können, wo sich schon einige Schweizer Nationalspielerinnen etablierten, sind vorläufig weit weg.
Ihre Zukunft sieht Alder deshalb vorderhand in der Schweiz. Sie tritt eine neue Stelle im Kommunikationsbereich an, und will in eine eigene Wohnung einziehen. Die Prioritäten haben sich verschoben.
