Wie der EHCW mit der Rolle als Titelverteidiger umgeht
Es ist ein hübsches Detail. Nicht gross und doch unübersehbar. Auf dem dunklen Heimtrikot des EHC Wetzikon prangt das rote Meisterlogo auf dem Ärmel. Treten die Wetziker auswärts an, hat es seinen Platz sogar auf der Brust. Der EHCW ist auf den Gewinn des Schweizer Meistertitels in der 1. Liga zurecht stolz, was sich mit der kleinen Spielerei zeigt. «Die Trauben hängen dadurch aber auch hoch», sagt Trainer Roger Keller. «Wir müssen uns anstrengen, um diesem Logo gerecht zu werden.»
«Wir müssen uns anstrengen, um diesem Logo gerecht zu werden.»
Trainer Roger Keller
Als Gegner kann man die selbstbewusste rote Marke durchaus als Ansporn nehmen. Und an motivierten Gegnern wird es dem EHCW nach der letzten Saison nicht mangeln – der Meister ist der Gejagte. Es ist eine ungewohnte Rolle für die Wetziker, deren Erstliga-Titel 38 Jahre auseinander liegen. Sie ist auch für Trainer Keller neu. «Ich stand noch nie an diesem Punkt.»
Niederlagen werden kommen
Die Voraussetzungen scheinen für die Wetziker gut, um erneut eine wichtige Rolle in der Ostgruppe zu spielen. Die Spieler verfügen über viel Selbstvertrauen. Und sie haben die Winnermentalität nach einer Saison mit 33 Siegen in 42 Meisterschaftsspielen verinnerlicht. Das Team weiss: Mit seinen läuferischen und spielerischen Qualitäten kann es auf diesem Niveau jeden Gegner bezwingen.
Trainer Keller, der neu vorerst ohne Assistenten auskommen muss, nachdem sich die anvisierte Lösung nicht realisieren liess, aber hakt genau an diesem Punkt ein. In den Tests sei die Mannschaft zu verspielt gewesen, kritisiert er und spricht von einem schmalen Grat, auf dem man sich bewege. Schnell einmal sieht in seinen Augen ein Auftritt zu nonchalant aus. Das aber ist genau das Gegenteil von dem, was er will. Der Forderungskatalog des Trainers ist deswegen umfangreich. Zentrale Punkte sind: Er möchte ein Team sehen, das mit viel Leidenschaft auftritt, hart arbeitet, Respekt vor jedem Gegner hat und nach Niederlagen umgehend wieder aufsteht. «Und ohne solche werden wir nicht durchkommen.»
Verbundenheit als Puzzleteil
Was der Trainer im Sommertraining und danach ab Anfang August auf dem Eis an Einsatz und Trainingsintensität erlebte, lässt ihn daran glauben, dass der Kurs stimmt. «Der Hunger der Spieler ist da.» Auch die Substanz ist zumindest gleich gross geblieben. «In der Defensive haben wir uns qualitativ gar verbessert», glaubt Daniel Steiner, der zusammen mit Lukas Dietrich für die Kaderplanung zuständig war. Ein Quintett an Stammspielern ging wegen Rücktritten zwar verloren. Noch immer aber sind 19 Spieler aus dem über Jahre zusammengewachsenen Meisterkader dabei, darunter auch die vier besten Skorer der vergangenen Saison. Mehr als ein Dutzend Spieler steht seit drei oder mehr Saisons beim EHCW unter Vertrag. Das ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass in der Erstliga-Ostgruppe zuletzt über 180 Spielerwechsel stattfanden.
«In der Defensive haben wir uns qualitativ gar verbessert.»
Sportchef Daniel Steiner
Auch das Wetziker Kader hat eine Blutauffrischung erhalten, was sinnvoll ist. Der Konkurrenzkampf wird neu lanciert, jeder Spieler muss seinen Platz und seine Rolle wieder finden. Von den sieben Zuzügen weisen Luca Luchsinger, Michael Schaub und Yves Bader Erfahrungen in der zweithöchsten Schweizer Liga auf. Was ebenfalls wichtig ist: Mit Luchsinger, Nino Marzan und Dimitri Beer verpflichteten die Oberländer Spieler, die entweder im EHCW gross wurden oder wie der aus dem Nachwuchs der Rapperswil-Jona Lakers stammende Beer einen Bezug zur Region haben. Die grosse Identifikation mit dem Klub und der Zusammenhalt im Team gehören zu den Trümpfen, sagt Keller. «Das Zwischenmenschliche ist extrem viel wert.»
Ein Weg voller Marken
Das tiefe Durchschnittsalter (etwas über 24 Jahre) täuscht darüber hinweg, wie viel Erfahrung in der Mannschaft steckt. In der vergangenen Saison ist sie weiter gereift – auch dank 14 Partien in der K.o.-Phase. Es ist etwas, das dem EHCW nun zugute kommt. Die Herausforderung ist gross. Schliesslich sagt man, es sei einfacher, einen Meistertitel zu erringen, als diesen zu verteidigen.
Keller will sich mit dieser Thematik gar nicht erst aufhalten. Er verfolgt andere Ansätze, setzt einzelne Marken auf dem Weg. Eine davon ist, dass man sich das Heimrecht für die Playoffs sichern möchte. Um es für alle drei Runden in der Ostgruppe zu besitzen, muss man die Qualifikation erneut auf Platz 1 abschliessen. Daniel Steiner hütet sich aber davor, das explizit zu fordern. Er ist sich jedoch im Klaren, dass die Erwartungen im Umfeld des Vereins gross sind.
Weniger Gruppen, neue Konkurrenz
Neben der eigenen Rolle hat sich allerdings auch die Gruppenzusammensetzung verändert. «Die Auswirkungen davon kann man nicht abschätzen», sagt Steiner. Die 1. Liga besteht nur noch aus zwei Gruppen. Der Umbau beschert dem EHCW neue Gegner. Neben Aufsteiger Rheintal, gegen den die Wetziker am Samstag zum Auftakt spielen, sind das die Argovia Stars und Reinach. Die Red Lions waren vergangene Saison inferior, kassierten in 30 Spielen 29 Niederlagen. Immerhin: Nach der Verpflichtung von über einem Dutzend neuer und teils arrivierter Spieler scheint Reinach konkurrenzfähig.
MSL: Ja oder Nein?
Beim EHCW muss man derweil die wichtige Frage beantworten: Hält man am Aufstiegsverzicht in die höchste Amateurliga MSL fest? Steiner sagt, man werde bis im Dezember die Meinung der Mannschaft dazu einholen. Aus seiner Sicht sind von Vereinsseite aus zwei Punkte nötig, um einer Promotion zuzustimmen. «Das Team muss in die MSL aufsteigen wollen. Und man muss das Budget dafür stemmen können.» Wie auch immer der Entscheid ausfällt, er betrifft Steiner nicht mehr. Der 39-Jährige tritt an der Generalversammlung im September nicht mehr zur Wiederwahl als Sportchef an.
