Eine Saison wie eine Durchhalteübung
Kein Absturz, kein Fortschritt
Dimitri Steinmann gehört zu den besten Squashern der Welt. Doch der Dübendorfer ist unzufrieden. Denn ihm ist ein Gefühl abhandengekommen.
Der Instagram-Post wirkt düster. Dimitri Steinmann, der beste Squasher der Schweiz, beschreibt seine Saison so: «Bei Weitem die herausforderndste, die ich bisher gespielt habe. Viele Unsicherheiten und unvorhergesehene Probleme. Ich habe mich nie wirklich wohlgefühlt mit meiner Art und Weise, wie ich gespielt oder performt habe.»
Der Dübendorfer hat keinen Absturz hinter sich. Trotzdem findet er harte Worte für sich selbst. In der Weltrangliste liegt er auf dem 21. Rang. 16. war er vor knapp einem Jahr einmal, es ist sein Bestwert. In die Top 20 ist er erstmals Ende Oktober 2024 vorgestossen, in der vorletzten Saison.
Diese vorletzte Saison liegt am Ursprung seiner Selbstkritik. Sie war für ihn nicht nur wegen des erstmaligen Vorstosses in die Top 20 ein Durchbruch, sondern auch wegen Siegen gegen Top-Ten-Spieler, Matchbällen gegen die Weltnummer zwei und eines knapp verpassten Vorstosses in den WM-Viertelfinal.
«Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl: Ich weiss, was ich machen muss. Ich weiss, wie das Spiel wirklich funktioniert», beschreibt Steinmann jenen Zustand, den Spitzensportler als «Flow» bezeichnen – einen Zustand, in dem alles automatisch so funktioniert, wie man sich das wünscht.
In der vergangenen Saison suchte er den Flow vergeblich. «Ich habe probiert, dieses Gefühl zu rekreieren, aber bin dabei immer wieder auf Herausforderungen gestossen, die mich daran gehindert haben.»
Wo ist der Weg zur Lockerheit?
Im Mannschaftssport spricht man oft von der schwierigen zweiten Saison nach einem Aufstieg. Steinmann erlebt das als Einzelsportler. Der Hauptgrund für den Flow ist die Lockerheit. Dass sie sich nicht erzwingen lässt, illustriert er mit einem Vergleich: «Es ist, wie wenn man zu einem, der kurz vor dem Verdursten ist, sagt: ‹Hör auf, Wasser zu suchen. Der Regen wird schon kommen.›»
Also sucht Steinmann nicht nach Wasser, sondern nach jenen Stellschrauben, an denen er drehen kann, um voranzukommen. Auf der Hand liegen die Lösungen nicht, denn weit oben in der Weltrangliste ist die Luft dünn. «Es wäre ja schön, wenn ich einfach sagen könnte: Ich muss an meiner Rückhand arbeiten.»
Es sind Details neben dem Platz, die Steinmann optimieren will. Mehr Schlaf. Regelmässige Massagen. Bewussteres Aufwärmen. Alles zielt auf Regeneration ab. 29 wird Steinmann im Juli. «Ich habe zum ersten Mal gemerkt, dass auch mein Körper älter wird.» Er, der sich über Aufwärmübungen bisher eher lustig machte, will diese nun durchziehen. «Und zwar 15 Minuten und nicht nur 5 – auch wenn ich mich gut fühle.»
Die grösste Hürde ist sein Kopf. Steinmann ging bisher nach dem Prinzip vor: Wer an die Spitze will, muss hart arbeiten. Als «obsessiv mit dem Drang, besser zu werden», beschreibt er sich. Noch mehr trainieren. Noch fitter werden. «Doch ab und zu ist mehr eben nicht mehr. Und es war unglaublich schwierig für mich, das zu verarbeiten.»
Steinmann klingt sehr reflektiert, als er über die Saison spricht – obwohl die frustrierenden Erlebnisse noch nicht lange her sind. «Jetzt, bei einem Kaffee, lässt sich auch gut reden. Kurz nach einem verlorenen Match wären die Antworten vulgärer», sagt er und lacht.
Olympia-Chancen bleiben intakt
Steinmann hat die Saison abgehakt. Sie war kein Rückschritt, sondern ein weiterer Schritt auf dem Weg an die Weltspitze. Er spricht von einer «Durchhalteübung», die ihn voranbringen soll mit Blick auf 2028, wenn Squash erstmals olympisch ist und er an den Sommerspielen in Los Angeles dabei sein will.
Stichtag für die Verteilung der Quotenplätze nach dem Weltranking ist erst Ende Mai 2028. Wenn er sich vorher schon ein Ticket sichern will, muss er in einem Jahr Europameister werden.
Logisch also, dass er die Europaspiele im Juni 2027 als nächstes Ziel sieht. Er wird sie im Bewusstsein anpeilen, dass er zwar den Erfolg als Ziel hat, dabei aber die Freude am Sport und am Spiel nicht vergessen darf. «Denn sonst gibt man sich die Möglichkeit nicht, agil genug zu sein im Geist, um die richtige Antwort zu haben auf verschiedene Herausforderungen.»
