Hockey-Nati-Arzt aus Uster: «Man darf sich für nichts zu schade sein»
Nach 42 Jahren ist Schluss
Der Ustermer Jean-Claude Küttel (70) hat als Teamarzt die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft bei ihrem Aufstieg an die Weltspitze begleitet. Zu seinem Abschied will er das Maximum: Gold an der Heim-WM in Zürich.
1:17 und 2:20. Die ersten Spiele, an denen Jean-Claude Küttel als Arzt eine Schweizer Eishockey-Auswahl begleitet, waren keine sportlichen Sternstunden. Im Sommer 1984 hatte der junge Mediziner bei der U18-Nati angeheuert. Die Duelle gegen die U17 der Tschechoslowakei zeigten ihm die Ausgangslage ziemlich schonungslos auf.
Aus heutiger Sicht erscheinen diese Resultate skurril, die Schweiz hat sich im Eishockey längst vom Exoten zum Faktor entwickelt. In die am Freitag beginnende Heim-WM in Zürich steigt die Nationalmannschaft als Mitfavorit. Und ihre Exponenten reden sich nicht klein. Sondern von Gold.
Natürlich wirft die Absetzung des Nationaltrainers Patrick Fischer lange Schatten. Der 50-jährige Zuger ist eine Lichtgestalt des Schweizer Eishockeys, verantwortlich für die WM-Silbermedaillen von 2013 (als Assistent), 2018, 2024 und 2025. Nun ist er unmittelbar vor seinem letzten Turnier über ein gefälschtes Covid-Zertifikat gestolpert.
Doch das bedeutet nicht, dass die Schweiz ihre Ambitionen begraben muss. Und schon gar nicht, dass dieser Fall das Bild aufs Ganze verstellen darf. Denn an dieser ersten Heim-WM seit 17 Jahren werden auch noch andere Geschichten geschrieben.
Geschichten wie eben jene des 70-jährigen Teamarztes Jean-Claude Küttel, der vor seinen letzten Partien mit dem Schweizerkreuz auf dem Sacco steht. Vor 42 Jahren hatte er noch Kanterniederlagen hinter dem eisernen Vorhang erlebt. Nun wünscht er sich, auf dem Höhepunkt der Schweizer Hockey-Evolution in Rente gehen zu können. Er sagt: «Die Medaille soll jetzt endlich die Farbe wechseln.» Und: «Wir sind weit gekommen.»
Von Meilenstein zu Meilenstein
Tatsächlich ist der Orthopäde aus Uster das dienstälteste Mitglied des Nati-Staffs. Im Verband hat er sich zuerst seine Sporen bis 1992 bei der U18 abverdient. Anschliessend übernahm er die Betreuung der U20 und ab 1998 für zwei Saisons jene des A-Nationalteams. 2010 kehrte er zur Nati zurück. Ein jahrzehntelanger Weg, bei dem er Meilenstein um Meilenstein mitpassierte.
Küttel stand hinter der Spielerbank, als die Schweiz an der U20-WM 1996 in Boston unter Trainer Arno Del Curto erstmals die Grossnationen herausfordern konnte und zwei Jahre später in Helsinki sensationell Bronze gewann. Mit der A-Nati erlebte er die Anfänge der Ära Ralph Krueger, 2013 an der Seite von Sean Simpson das WM-Silber von Stockholm und 2018 die Bestätigung in Kopenhagen im Staff von Patrick Fischer.

Nun empfängt er den Besuch in seinem Sprechzimmer in Uster. Er ist gut gelaunt, trägt ein rotes Poloshirt mit dem Emblem der Hockey-Nationalmannschaft. Neben ihm steht eine Einkaufstasche mit Memorabilia. Er hat all seine WM-Medaillen und signierte Hockeystöcke mitgebracht, Pucks, Wimpel und zwei gravierte Fingerringe.
Den Kaffee lässt er in einer Tasse mit dem Logo des EHC Kloten servieren. «Ich hoffe, das geht für Sie in Ordnung?», sagt er und lächelt verschmitzt. Für den Klub aus dem Zürcher Unterland ist er seit 1990 als Team- und phasenweise als Klubarzt zuständig. Mit ihm erlebte er vier Meistertitel, zwei Beinahe-Konkurse, einen Cup-Sieg, einen Abstieg und einen Aufstieg: das verbindet.
Zeitintensiv – nicht lukrativ
Vor 36 Jahren war der gebürtige Freiburger in die Region gekommen. Anfänglich in Russikon und später in Wermatswil zog er mit seiner Frau zwei Kinder gross, mit einem Partner baute er im Zentrum von Uster eine Praxis für Orthopädie und Sportmedizin auf. Seit seiner Teilpension vor zwei Jahren ist er noch in einem 20-Prozent-Pensum als Leitender Arzt Orthopädie angestellt.
Es ist denn auch diese Praxis, die ihm in seinem Berufsleben das Auskommen garantierte. Die medizinische Betreuung des EHC Kloten und der Nationalmannschaft ist zwar zeitintensiv. Aber nicht lukrativ.

Konkrete Zahlen will Küttel keine in der Zeitung lesen. Zur Einordnung solle man doch schreiben, dass er in Kloten mit zwei Saisonkarten entlöhnt wird. Er sagt: «Den Job als Teamdoktor macht man nicht fürs Geld. Es geht vielmehr um Freude, Ehre, Stolz, manchmal Renommee. Und ja, natürlich ist man Fan.»
Dass sich die Arbeit der Ärzte finanziell nicht rechnet, ist im Schweizer Eishockey Naturgesetz. Ergo gilt es, den Aufwand für sie vertretbar zu halten. Deshalb reisen etwa in der Qualifikation der National League (anders als in den Playoffs) die Mannschaften ohne ihren Arzt an die Auswärtsspiele. Stattdessen übernimmt der Arzt des Heimteams die medizinische Verantwortung für alle.
Darüber hinaus arbeiten fast alle Klubs mit mehreren Ärzten, die sich abwechseln, respektive ergänzen. In Kloten beispielsweise beaufsichtigt und koordiniert Küttel ein Team von Sanitätern und Ärzten, das sich um die Zuschauer kümmert. Der Teamarzt steht derweil hinter der Bande und nimmt sich den Spielern an. Ist er aus irgendeinem Grund verhindert, springt Küttel ein.
Der erste am Buffet
Ähnliches gilt für die Nationalmannschaft. Hier bildet Küttel seit mehr als 15 Jahren ein Duo mit dem Rheintaler Orthopäden Johannes Keel. Die beiden teilen sich alle Termine auf. So ist jeweils nur einer der beiden dabei – egal, ob Vorbereitung, Olympia oder Weltmeisterschaft. Dass die WM-Medaillensätze diesem Modell Tribut zollen und jeweils zwei Stück für die Ärzte miteinkalkuliert sind, entschädigt zusätzlich.
Dazu muss man wissen, dass sich die medizinische Arbeit eines Teamarztes vor Ort primär auf die akute Versorgung beschränkt: Erste Hilfe leisten, Schrammen nähen, kleine Blessuren behandeln, bei Bedarf die Überweisung zum Spezialisten oder ins Spital vornehmen und den Spieler begleiten – und sofort den zuständigen Klubarzt informieren.

Das ist in der Regel Routine, wenn auch nicht immer appetitlich – speziell wenn es um Zahn- und Gesichtsverletzungen geht. Es ist auch schon vorgekommen, dass Küttel mit dem Handtuch aufs Eis rennen musste, als ein Spieler einen Slapshot blockieren wollte und aus kürzester Distanz vom Puck im Gesicht getroffen wurde.
Ausserhalb des Spielbetriebs sind seine Aufgaben weiter gefasst. Selbstredend überwacht er den Gesundheitszustand der Nati-Spieler und steht ihnen als Ansprechperson zur Verfügung. Ebenfalls zentral: der Speiseplan. Diesen erhält und studiert er bereits Wochen vor dem Turnier. Am ersten Morgen im Hotel steht er dann jeweils besonders früh auf, um das Buffet zu studieren.
«Ich kenne die individuellen Bedürfnisse der Spieler. Wer etwa wann noch seinen Snack oder Teigwaren will, wer welche Allergien hat», sagt Küttel. In der Moderne – mit tollen Hotels, guten Köchen und einer tollen Ausstattung – sei die Aufgabe glücklicherweise erheblich weniger anspruchsvoll als früher.
«1988, an einer U18-EM in der Tschechoslowakei, hatten wir einen eigenen Koch mitgenommen, weil wir die Umstände kannten. Als die Mannschaft eines Mittags zum Essen kam, stand an jedem Platz ein Teller mit einer undefinierbaren grauen Masse. Die Erleichterung war gross, als unser Koch den Irrtum des Personals bemerkte, die Teller abräumen liess und wir einen köstlichen Salatteller geniessen durften.»
Walk with the Doc
Eine andere Routine, die einst von Küttel ins Leben gerufen wurde, sind die sogenannten «Walks»: Spielt das Team am Mittag, wird am frühen Morgen ein gemeinsamer halbstündiger Spaziergang angesetzt – obligatorisch für alle.

«Das Ziel ist, Geist und Körper zu aktivieren», erklärt er. Für ihn selbst war das stets eine Gelegenheit, mit den Akteuren ein wenig ins Gespräch zu kommen und über Dinge zu sprechen, die nichts mit Medizin oder Hockey zu tun haben.
Küttel übernimmt allerdings auch vermeintlich Profaneres. Etwa die Getränke für die Trainings zu mischen oder die Spielerbank vorzubereiten. Darin spielt sich aus seiner Sicht die Philosophie der Nationalmannschaft: «Der Staff ist ein über Jahre eingespieltes Team, es läuft alles automatisch. Gleichzeitig sind wir Teil des Ganzen und leben den Spirit der Mannschaft. Da darf man sich auch als Arzt für nichts zu schade sein.»
Ins Mark getroffen
Auf diesen Spirit ist die Delegation nun mehr denn je angewiesen. Die Entlassung von Patrick Fischer hat sie ins Mark getroffen – das gilt insbesondere für Jean-Claude Küttel. «Ich kenne Patrick seit mehr als 30 Jahren und schätze ihn sehr. Nun nicht gemeinsam mit ihm abtreten zu können, ist äusserst schmerzhaft.»
Umgekehrt ist er überzeugt, dass die Mannschaft nun mit einer «Jetzt erst recht»-Attitüde für ihren ehemaligen Trainer antreten wird. Das Gros der Akteure hat viele gemeinsame Erfahrungen gemacht und das System Fischer auf und neben dem Eis verinnerlicht – das gilt auch für den vom Assistenten zum Cheftrainer aufgestiegenen Jan Cadieux. Küttel sagt: «Wir wollen dieses Gold jetzt für Patrick holen.»
Diese besondere Wertschätzung zeigt sich übrigens auch in Patrick Fischers Gefühlen gegenüber seinem langjährigen Weggefährten. Drei Tage vor der folgenschweren Enthüllung hat er dieser Zeitung für diesen Beitrag noch eine Würdigung mitgegeben: «Danke vielmals Jean-Claude für alles, was du für uns und das Schweizer Eishockey gemacht hast. Du hast dir einen wunderschönen Abschluss verdient.»