«Am Ende überleben nur die Guten»
Lions-Erfolgscoach aus Dübendorf
Andrea Cahenzli ist bei den ZSC Lions ein Titelgarant. In dieser Saison wanderte ein U18-Meistertitel mehr auf sein Konto. Dabei geht es für den Dübendorfer Nachwuchstrainer erst in den Playoffs um den Erfolg.
Ein Dübendorfer führt die ZSC Lions zum zweiten Mal in Folge zum Meistertitel. So hätte es sich Marco Bayer gewünscht – doch dieser Traum ging am Sonntagabend in Davos abrupt zu Ende.
Doch die Lions bleiben in dieser Saison nicht ohne Titel. Dafür sorgte ebenfalls ein Dübendorfer. Unter Andrea Cahenzli gelang dem U18-Elit-Team – die zweithöchste Juniorenstufe, die bis vor dieser Saison U17-Elit hiess – am Ostermontag der Triumph. Es war sogar der dritte Meistertitel in Folge und der fünfte seit 2020. Bei vier davon war Cahenzli Chefcoach, zuvor hatte er 2011, 2012, 2014 und 2015 schon mit der Elite B der Lions triumphiert. Er feierte nun also seinen achten Meistertitel.
Die Frage liegt auf der Hand: Gibt es einen erfolgreicheren Nachwuchstrainer als ihn? «Nein», sagt Cahenzli emotionslos. Und weil er genug Vergleichsmaterial hat, liegt auch die Folgefrage auf der Hand: War an diesem Titel etwas speziell? «Du musst für jeden Titel grausam Gas geben. Aber diesmal war es noch ein bisschen härter.» Die Best-of-5-Finalserie gegen Kloten ging über die volle Distanz, drei Spiele wurden erst in der Verlängerung entschieden, auch das fünfte und letzte.
Und für Cahenzli war entscheidend, dass sich das Team während dieser Serie mental justierte, einen noch grösseren Willen entwickelte, sich in die Schüsse zu werfen, hart zu checken – kurz: Playoff-Hockey zu spielen. «Nicht jeder Spieler eignet sich das ohne zu murren gerne an», sagt Cahenzli. Das zu managen und zu spüren, wie das Team optimiert werden kann, dabei hilft ihm seine immense Erfahrung fraglos.

Den Spielern hilft das, was sie in solchen Situationen erleben, für ihre spätere Karriere. Insofern besteht Cahenzlis Arbeit nicht darin, nur an den kurzfristigen Erfolg in Form von Siegen und Titeln zu denken. Das ginge auch gar nicht, denn er und seine Equipe sind nur ein Rädchen in der grossen Lions-Organisation. Ein spannendes allerdings. «Mir stehen Anfang Saison praktisch ausnahmslos die besten Spieler der Stufe zur Verfügung», sagt er. Bei der U21-Elit ist es anders – da sind die besten bereits bei den GCK Lions in der Swiss League oder gar bei den ZSC Lions.
Im Verlaufe der Saison gibt auch Cahenzli Spieler nach oben – und hier ist die grosse Kunst, genau zu spüren, was für die Entwicklung des Spielers wichtig ist. Bleibt einer zu lange auf einer höheren Stufe, riskiert er, seine Stärken dadurch ein wenig zu verlieren. «Wir müssen schauen, dass die Mischung stimmt. Es geht nicht um Punkte, sondern um die Ausbildung. Das den Spielern und manchmal auch andern Trainern zu vermitteln, ist eine Kunst.»
Ausbildung statt unmittelbarer Erfolg, darum geht es auch während den 40 Qualifikationsspielen. Sie sind quasi ein Schaulaufen. «Jeden Tag besser werden», lautet Cahenzlis Maxime da, «jeder kann seine Visitenkarte abgeben und sich aufdrängen. Und jedem ist von Beginn weg klar: In den Playoffs spielen wir nur noch mit den Besten, dann wollen wir gewinnen.» Cahenzli zieht das konsequent durch und lässt unter der Saison im Powerplay und im Boxplay alle zum Zug kommen und nicht nur die Besten. Was Letztere nicht immer verstehen, für das Team insgesamt aber vertrauensstiftend ist.
Nicht abstrafen, sondern abhärten
Vertrauen ist ohnehin ein wichtiges Wort für Cahenzli. Entscheide transparent und für die Spieler verständlich zu kommunizieren, das ist ihm wichtig. «Ich will immer authentisch bleiben. Dann wissen die Spieler auch, woran sie sind», sagt er. Die harten Entscheide kommen im Playoff, wenn nur noch die Besten ran dürfen. Und sie sind auch eine Vorbereitung darauf, was die Spieler im Profigeschäft erwartet. «Ich will sie nicht abstrafen, sondern ihnen beibringen, dass solche Dinge dazugehören und man so etwas auch in einem positiven Sinn nutzen kann. Wenn man das nicht macht, können sie gar keine Resilienz aufbauen. Und am Ende überleben nur die Guten.»
Seit 2001 ist Cahenzli nun Nachwuchstrainer in der Lions-Organisation. Zwischendurch, von 2015 bis 2017, war er für das Fanionteam des EHC Dübendorf verantwortlich, führte es zum legendären Sieg im Cup-Spiel gegen Davos und zum Aufstieg in die damals neue höchste Amateurliga MSL (heute MHL). Dort wurde er in der ersten Saison noch vor Weihnachten durch Reto Stirnimann ersetzt, der wenige Monate später mit dem Team Meister wurde und sagte, auch Cahenzli habe seinen Anteil an diesem Titel.
Cahenzlis Verdienste im Lions-Nachwuchs mögen weniger Schlagzeilen generieren, doch sie sind umso eindrücklicher. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, welche grossen Namen er mitgeprägt hat. Die Liste ist sehr lang. «Sven Andrighetto, Pius Suter, Tim Berni, Sven Senteler, Dominik Schlumpf – und einen ganzen Haufen andere», sagt Cahenzli und schiebt noch nach, «Luca Cunti, Leonardo Genoni, Reto Berra». Zu vielen von ihnen hat er den Kontakt zumindest schriftlich behalten. Und mit einem – den Namen will er nicht nennen – trifft er sich nach jeder Saison auf das eine oder andere Bier.
Schon auf dieser Stufe hat jeder einen Agenten
Rund zwei bis drei Generationen Eishockeyspieler hat Cahenzli mitausgebildet und dabei verschiedenste Veränderungen hautnah miterlebt. Dass unterdessen nahezu jeder seiner Spieler einen Agenten hat, ist eine dieser grossen Veränderungen. Cahenzli wertet das nicht, sondern nimmt es als Fakt hin, der seine Arbeit beeinflusst. «Früher redete der Coach mit und die Eltern, jetzt bringt der Agent auch seine Interessen hinein. Das gehört zum Business, und das muss man annehmen.» Genauso wie die Tatsache, dass die Spieler heute mehr hinterfragen. «Früher konnte man ganz patriarchisch sagen: So läuft es.» Heute ist der Erkläraufwand höher, «manchmal kann das mühsam sein», sagt Cahenzli. «Aber die Spieler denken mit, und das ist positiv. Und als Trainer muss man sich anpassen. Wir sind ja auch in einem Entwicklungsprozess und dürfen nicht stehen bleiben.»
Wobei Cahenzli für seine eigene Weiterentwicklung nie einen neuen Arbeitgeber sehen musste, sondern seinen Weg im Lions-Nachwuchs ging. Und daran dürfte sich nichts mehr ändern. Schliesslich ist Cahenzli 62 Jahre alt und kann sich durchaus mit dem Gedanken anfreunden, im nicht mehr allzu fernen Pensionsalter das Leben mit seiner Familie zu geniessen. Aber das ist noch nicht sein Hauptziel. «Mein Job ist cool», sagt er. «Ich bin gespannt, wie die Mannschaft in der nächsten Saison aussieht.»
Dann geht der ganze Prozess wieder von vorn los. «Ich will einfach die Spieler besser machen. Die, die das wirklich wollen, mache ich besser.» Und ob es am Ende wieder einen Titel gibt oder nicht, daran denkt Cahenzli nicht. Viel wichtiger sind ihm Rückmeldungen wie diese, die er kürzlich von einer Lehrerin erhielt: «Wenn ich sehe, was unsere Jungs für eine Entwicklung machen, wenn sie bei dir sind, hockeytechnisch und menschlich … du kannst unglaublich stolz auf dich sein.» Cahenzli sagt: «Solche Dinge sind eine sehr schöne Anerkennung. Darum mache ich das auch so gerne.»