«Die sind an uns verzweifelt»
Für den EHC Dübendorf ging mit dem Out im Playoff-Viertelfinal gegen Thun die Ära mit Trainer Reto Stirnimann zu Ende. Der 51-Jährige blickt im Interview auf die neun Jahre zurück.
Reto Stirnimann, wie sehr schmerzt das 0:3 in der Playoff-Viertelfinalserie gegen Thun?
Ob 0:3 oder 2:3, es ist wie es ist. Wir hätten das erste Spiel gewinnen müssen, die Möglichkeit war gross. Das war der Knackpunkt. Hätten wir dieses Auswärtsspiel gewonnen, hätte die Serie einen ganz anderen Lauf nehmen können.
Frustriert Sie das Saisonende?
Mich frustriert eher das: Wir haben im Dezember gegen Seewen sensationell gespielt, haben sie an die Wand gespielt und gezeigt, was eigentlich in der Mannschaft steckt. Danach sind wir nie mehr daran herangekommen.
Warum nicht?
Am Ende fehlte uns auch die Breite. Wir waren grundsätzlich immer noch das gleiche Team, das aus der 1. Liga aufgestiegen ist. Natürlich hatten wir Zuzüge – mit Samuele Pozzorini oder Sebastian Steiner etwa. Dass die beiden mit Knieverletzungen ausfielen, war schon schwerwiegend. Das verkraftet man nicht so leicht. Auch wenn jeder Einzelne sein Möglichstes gibt.
Der EHCD hat sich zwar leicht verbessert – doch der Schritt war kleiner als erhofft. Wie blicken Sie auf die Saison zurück?
Wir haben mehrere Spiele aus der Hand gegeben, die wir eigentlich hätten gewinnen müssen. Wir hätten rund 15 Punkte mehr holen müssen. Da wären wir gleich auf einem ganz anderen Tabellenplatz, hätten einen anderen Playoff-Gegner. Wer weiss, was dann passiert wäre. Aber man kann manchmal noch so klar besser sein als der Gegner – man verliert, und weiss gar nicht, warum. Unser Ziel war es, weiterzukommen als in den Viertelfinal. Darum ist die Enttäuschung schon da. Und was man auch sagen muss: Thun hat sich mit drei oder vier Swiss-League-Spielern verstärkt vor den Playoffs. Das merkt man einfach. Das gibt Schub. Den hatten wir nicht.
Warum nicht?
So einfach ist es nicht. Wir waren auf diese Playoffs hin auch am einen oder andern Spieler dran. Es klappte nicht. Teils auch, weil sich der andere Verein querstellte, obwohl die Spieler liebend gerne gekommen wären.
Nun folgt noch ein Saisonschluss-Event. Wird der Abschied emotional für Sie?
Ich war als Spieler gewohnt, dass sich die Wege irgendwann trennen. Und ich glaube, dem EHC Dübendorf tut frisches Blut gut. Den emotionalsten Moment hatte ich schon. Es war ein extremer Moment, als ich dem Team im Oktober sagte, dass ich Ende Saison aufhöre. Ich konnte plötzlich nicht mehr reden und musste mich zuerst wieder sammeln. Vielleicht wird der Abschied auch wieder emotional, vielleicht auch nicht. Ich nehme es, wies kommt.
Wie präsent ist Ihre neue Aufgabe als Bereichsleiter Kunsteisbahn bei den Sportanlagen Dübendorf schon, die sie ab Mai bekleiden?
Dadurch, dass ich schon neun Jahre auf dieser Eisbahn bin, fallen mir viele kleine Details auf. Und ich habe auch hier meinen Ehrgeiz und meine Ziele. Eines davon ist, dass wir hier in Dübendorf das beste Eis der Schweiz haben. Dass Dübendorf einen guten Namen hat, dass die Qualität stimmt und dass die Mieter zufrieden sind.
So bleiben Sie auch nah am Hockey dran, obwohl Sie Ihre Karriere beenden.
Ja, das kann man so sagen. Mein Zuhause war immer die Eisbahn. Ob in Davos, später in Zürich oder Ambri und jetzt hier in Dübendorf.
Beruflich etwas komplett anderes zu machen, reizt Sie nicht?
Ich hatte mich einmal bei der Rhätischen Bahn als Lokführer beworben. Die ersten Gespräche und Tests waren positiv. Und dann habe ich beim ärztlichen Test mit 40 Jahren erfahren, dass ich eine Rot-Grün-Sehschwäche habe. Obwohl ich rot und grün sehen kann, einfach gewisse Nuancen nicht. Es ist verrückt.
Lokführer – war das ein Kindheitstraum?
Ja, ich habe das einmal in einem Buch aufgeschrieben als Kind. Maurer stand da auch drin – das war mir gar nicht mehr bewusst. Ich habe tatsächlich Maurer gelernt. Eishockeyspieler stand auch in dem Buch – das habe ich bekanntlich auch gemacht. Nur Lokführer zu werden, ist mir vergönnt geblieben.
Wenn Sie auf die neun Jahre hier zurückblicken, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?
Die Niederlage gegen Ambri im Cup. Gegen ein National-League-Team den Ausgleich zu schiessen, danach den Pfosten zu treffen – die sind an uns verzweifelt. Und dann verlieren wir nach Verlängerung. Ich glaube, Hofer hat das Tor geschossen, er hatte etwas zu viel Platz.
Man merkt: Sie nerven sich jetzt noch über diese Niederlage!
Ja, wir waren so nahe dran. Und das ist etwas nicht Alltägliches.
Bedauern Sie, dass es den Cup in dieser Art nicht mehr gibt?
Ja, mit den NL-Vereinen schon. Das brachte den Amateurklubs etwas, das gab spezielle Spiele und ein tolles Ambiente für die Leute. Auch wenn wir ein «Stängeli» kassierten wie gegen die Lions – für uns wars zu schnell, weil sie ihr Spiel durchgezogen haben, das zeugt von Respekt. Aber Ambri konnte damals nicht anders. Oder wir spielten einfach zu gut.
Was haben Sie in den neun Jahren gelernt?
Im Umgang mit Amateurspielern gewisse Dinge von einer anderen Seite zu sehen. Nicht mehr so schnell auf 180 zu sein. Manches begriff ich am Anfang überhaupt nicht. Man plant Training und Taktik, hat eine Idee, was man mit der Mannschaft anschauen will – und dann kommen Absagen, wegen einem Geschäftsanlass, wegen Ferien und so weiter. Man hat nie das ganze Kader da – das fand ich am Anfang unheimlich schwierig. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran.
Gab es Dinge, an die Sie sich nie gewöhnt haben?
Gewisse Gründe, um nicht ins Training zu kommen, ja. Man entscheidet sich, auf einem gewissen Niveau Hockey zu spielen – da braucht es einfach einen Aufwand und ein Commitment. Egal, ob man Amateur ist oder nicht. Ausgang vor dem Spiel und Alkohol, das waren auch solche Sachen, mit denen ich mich schwergetan habe.
Sie dürften über all die Jahre viele Anekdoten erlebt haben.
Ja. Man könnte ein Buch schreiben. Vor dem vierten Finalspiel in Huttwil 2018, wo wir Meister wurden, haben zwei Spieler die Stöcke in Dübendorf vergessen. So etwas habe ich überhaupt noch nie erlebt. Vor dem wichtigsten Spiel der Saison die Stöcke zu vergessen. Das ist ein No-Go. Du bist verantwortlich für dein Material – ob du nun Amateur bist oder nicht. Und vor so einem Spiel schaust du gleich doppelt, ob du alles dabei hast.
Was hat sie neun Jahre in Dübendorf gehalten? Sie hatten ja auch Anfragen von andern Klubs.
Ich hätte einmal die Möglichkeit gehabt, während der Saison nach Visp zu gehen, ja. Ich wollte den EHCD aber nicht im Stich lassen. Ich schätze das Umfeld hier sehr, man hat viele Freiheiten und kann etwas bewirken. Das findet man nicht überall.
Sie waren nicht nur Trainer des Fanionteams, sondern hatten viele Aufgaben daneben. Der Aufwand war gross.
Ja, im Winter ist man schon mal 65 Stunden pro Woche unterwegs. Als Profitrainer gehört das dazu. Es braucht Herzblut dafür. Und man macht viele Dinge, die die Leute gar nicht sehen. Es ist eine Riesenverantwortung, und irgendwann hat man die Energie dafür nicht mehr.
Vor drei Jahren sind sie mit dem EHCD abgestiegen. Es hagelte Kritik von aussen. Dachten Sie da ans Aufhören?
Ich konnte für mich nicht sagen: Jetzt läuft es schlecht, jetzt höre ich auf. Ich bin überaus dankbar dafür, dass der Verein mich damals behalten hat. Eine Trennung hätte ich verstanden – so etwas gehört im Sport im Misserfolg einfach dazu. Ich wollte einen Effort bringen, damit der Verein zurückkehren kann. Und die Kritik hat meinen Ehrgeiz eher noch verstärkt. Jetzt steht der Klub zwei Jahre nach dem Wiederaufstieg anders da.
Nun kommt Christian Weber – was denken Sie, was unter ihm anders wird?
Das ist schwierig zu beurteilen. Schliesslich muss jeder die Spieler so anpacken, wie sie sind, und den bestmöglichen Effort aus ihnen herausholen. Ich werde zuschauen und das Hockey mal auf eine andere Art geniessen. Und wenn sie Erfolg haben, freut mich das wie verrückt.