Im Kampf um die besten Anschieberinnen liegt sie noch im Hintertreffen
Die Wisliger Bobpilotin Selina Isler steht vor dem Weltcup-Debüt – und muss um ihre beste Anschieberin bangen.
Vor einem Monat ist Selina Isler 22 Jahre alt geworden. Im Bobsport gilt die Wisligerin bis 26 als Juniorin. Und auch wenn sie vor ihrem Weltcup-Debüt steht: Mit einem Olympia-Ticket für den nächsten Februar liebäugelt sie nicht – ihr Fokus liegt jetzt schon auf den Spielen 2030. Dann will sie Schlagzeilen schreiben.
Jetzt tun das noch andere. Nicht andere Bobpilotinnen, sondern vor allem eine Leichtathletin: Salomé Kora. Die Ostschweizer Sprinterin stieg auf diese Saison hin als Anschieberin ein mit dem Ziel, sich nach zwei Teilnahmen an Sommerspielen nun auch für Olympische Winterspiele zu qualifizieren. Das Unterfangen scheint nicht unrealistisch; im Weltcup in Innsbruck fuhr Kora im Zweierbob mit Pilotin Inola Blatty auf den achten Rang, es war das beste Schweizer Duo.
Kora ist zwar eine der bekanntesten, aber längst nicht die erste Leichtathletin, die diesen Schritt macht. Mit Muswama Kambundji figuriert auch im Team von Melanie Hasler ein bekannter Name. Die Schwester von Mujinga und Ditaji Kambundji hat sich schon länger ausschliesslich dem Bobsport verschrieben, während Kora schon angetönt hat, dass sie nach dieser Saison den Fokus wieder auf die Leichtathletik legen will.
Solche Namen im eigenen Team zu haben – das ist für Isler derzeit unrealistisch. Die Weltcup-Pilotinnen haben die besseren Verkaufsargumente, das liegt auf der Hand. Isler steht in der Hackordnung weit hinten, wenn es um das Anwerben von starken Anschieberinnen geht. «Es ist lässig, dass solche Leute in den Sport kommen», sagt sie. «Mein Wunsch wäre es, dass sie auch im Sport bleiben und die Freude daran finden.»
Eine Minute Angst
Das mit der Freude, das ist so eine Sache. «Man muss der Typ dazu sein», sagt Isler. Denn es geht um viel mehr als nur gerade darum, am Start einen möglichst schnellen Sprint hinzulegen. Anschieberinnen sind auch Helferinnen, Mechanikerinnen, Transporteurinnen. Sie müssen mit Werkzeug hantieren, den Schlitten herumtragen. Und nicht zuletzt müssen sie mit den Unannehmlichkeiten einer Bobfahrt zurechtkommen.
«Manche finden das schrecklich, nachdem sie es einmal erlebt haben. Eine Minute lang nur Angst zu haben, das kann es ja auch nicht sein», sagt Isler. Für sie muss eine gute Anschieberin Athletik und Schnelligkeit mitbringen. «Und sie muss robust sein.» In ganz vielerlei Hinsicht.
Sieben Anschieberinnen gehören derzeit zu Islers Team – was nach viel klingt, aber vor allem daran liegt, dass keine Anschieberin das quasi vollamtlich macht. Alle opfern sie Ferien oder nehmen unbezahlten Urlaub für den Sport. Isler hat auf diese Saison hin mit Michelle Wagner ein neues Teammitglied rekrutiert; die 26-jährige Russikerin war früher Mehrkämpferin.
Und sie bringt etwas mit, was zuvor gefehlt hatte. «Mir ist aufgefallen, dass meine Anschieberinnen tendenziell zu leicht sind», sagt Isler. 75 Kilogramm wären das Idealgewicht – nicht nur, weil es Muskelmasse braucht, um den schweren Bob auf Tempo zu bringen, sondern auch, weil man möglichst nah ans Maximalgewicht heran will. Denn salopp gesagt gilt auch: Je schwerer, desto schneller.
Planspiele sind schwierig
Insofern hat Islers stärkste Anschieberin Andrea Schlatter einen Nachteil, weil sie mit 1,67 Metern vergleichsweise klein ist. Und doch ist die Schaffhauserin, die seit Anbeginn zu Islers Team gehört, eine der besten Anschieberinnen der Schweiz. Letzte Saison reiste sie im März als Ersatz an die WM nach Lake Placid mit – und Isler schliesst nicht aus, dass ihr Schlatter im Verlaufe dieses Winters zumindest temporär abhandenkommt.

Ende Dezember entscheidet sich, welche Anschieberinnen in die engere Auswahl für die Olympischen Spiele kommen – und fortan vom Verband eingeteilt werden. «Möglicherweise wird Andrea danach bei einem Weltcup-Team anschieben», sagt Isler. Solche Dinge gehören zu den Gedankenspielen, die sie als Pilotin eben machen muss. Und es erklärt auch, weshalb sie sagt: «Es ist in diesem Sport sehr schwierig, langfristig zu planen.»
Ihre eigenen kurzfristigen Pläne hingegen sind klar: Im Europacup zu den Besten gehören – da ist sie mit drei Podestplätzen in den ersten sieben Rennen auf gutem Weg. Und zum Ende der Saison stehen Ende Januar die Junioren-Weltmeisterschaften in St. Moritz an.
Isler strahlt Zuversicht aus – auch, weil sich die Startzeiten verbessert haben. «Ich bin mega zufrieden mit meinem Team», sagt sie. Mit gutem Grund: Bei den internen Selektionsrennen vor der Saison waren Islers Startzeiten besser als jene von zwei Weltcup-Teams.
Wie dieser Vergleich jetzt ausfällt, wird sie nach diesem Wochenende wissen. Am Samstag steht im lettischen Sigulda ihr Weltcup-Debüt im Monobob an, am Sonntag jenes im Zweier. Sie freut sich über diese Chance und findet: «Sie ist auch mit einem gewissen Druck verbunden, es ist Olympia-Saison, und es gibt sehr viele starke Teams.»
Doch es ist eben noch nicht ihre Olympia-Saison – und diesbezüglich plant sie durchaus langfristig. «Mir ist wichtig, dass es Schritt für Schritt vorangeht. Dass ich gut performen, aber auch noch lernen kann», sagt die Wisligerin. Die Zeit dafür hat sie.