Am Heimturnier will er die Weltspitze ärgern
Zehn Jahre lang spielte Marcel Bodenmann Rollstuhlcurling auf Spitzensportniveau. Unterdessen ist er Breitensportler – und will am Internationalen Turnier in Wetzikon «Nadelstiche setzen».
Es gehört fix in den Terminkalender der Rollstuhlcurler, das Internationale Turnier in Wetzikon. Heuer findet es zum 17. Mal statt – und es ist so gross und vor allem so gut besetzt wie noch nie. Unter den 20 Equipen sind 15 Nationalteams, acht davon aus den Top Ten der Welt. Dazu kommen fünf Klubteams – darunter auch jenes des CC Wetzikon mit Skip Marcel Bodenmann. Wenn er an das Teilnehmerfeld denkt, sagt er: «Besser geht kaum. Man merkt, dass bald Paralympics sind.»
Bodenmann muss es wissen. Schliesslich gehört er am Wetziker Turnier quasi zum Inventar. Seit 2011 spielt er Rollstuhlcurling. Ist er gar der Rekordteilnehmer? «Ich bin nicht ganz sicher», sagt er, «doch es ist gut möglich.»
Und doch wird das Turnier, das von Donnerstag bis Sonntag dauert, für Bodenmann unter anderen Vorzeichen stattfinden als üblich. Denn er nimmt nicht mehr wie gewohnt als Spieler des Schweizer Nationalkaders teil. Bodenmann ist vom Spitzen- zum Breitensportler geworden. In der letzten Saison gab er den Rücktritt aus der Nationalmannschaft. «Ich hätte noch einmal für einen ganzen olympischen Zyklus zusagen müssen. Doch ich war lange dabei und habe viel erlebt. Es wäre zu viel gewesen.»
Er schrammte an einer WM-Medaille vorbei
Zehn Jahre lang war Bodenmann Mitglied in der Nationalmannschaft. Er nahm dabei unter anderem 2018 an den Paralympics in Pyeongchang in Südkorea teil, wo die Schweiz 6. wurde. Als Highlight bezeichnet er aber die Heim-WM in Luzern 2016, seine erste A-WM. Die Schweiz war damals B-klassig, durfte aber als Gastgeber teilnehmen – und schaffte es auf den vierten Rang. «Wir waren sehr nahe an einer Medaille, das Bronzespiel wurde mit dem letzten Stein entschieden», erinnert sich Bodenmann.
Er startete als Ersatzspieler und kam im Verlauf des Turniers aufgrund einer Verletzung eines Teamkollegen zum Einsatz. «Als es hiess, dass ich spielen soll, ging mir auf gut Deutsch gesagt schon der Arsch auf Grundeis», erzählt Bodenmann lachend.
Auf rund 15 bis 20 Stunden wöchentlich beziffert er die Zeit, die er während der Saison in seinen Sport investierte. Neben den zwei Eistrainings unter der Woche standen an den Wochenenden Kaderzusammenzüge und Turniere im Ausland an, oft in Europa, manchmal aber auch in Kanada, gerade etwa vor den Paralympics. «Es war ein ziemlicher Aufwand. Zeitlich, aber auch finanziell.» Bodenmann arbeitete stets mit einem 60-Prozent-Pensum in der Administration einer Generalunternehmung. «Ein flotter Arbeitgeber, der mich immer sehr unterstützt hat.»
Eine junge Disziplin
Im Gegensatz zu den besten «Fussgängern», wie Bodenmann die gehenden Curler nennt, ist es bei den Rollstuhlcurlern undenkbar, sich eine Saison ausschliesslich mit Sponsoren zu finanzieren. Preisgelder an den Turnieren reichen wenn überhaupt für ein Abendessen mit dem Team. Oder es gibt Sachpreise – wie in Wetzikon.
Und das, obschon die Spitzenrollstuhlcurler und die «Fussgänger» auf ähnlichem Niveau spielen, wie Bodenmann sagt. «Der Sport hat sich sehr stark entwickelt. Er wird technisch immer anspruchsvoller. Früher reichte es, einfach Curling zu spielen. Jetzt sind Fitnesstraining, Taktik und das Mentale ebenso wichtig.»
Die Regeln sind fast dieselben wie bei den gehenden Curlern. Bei den Rollstuhlcurlern fällt das Wischen weg – was die Präzision bei der Steinabgabe noch wichtiger macht –, und in jedem Team müssen beide Geschlechter vertreten sein.
Rollstuhlcurling ist eine junge Disziplin. Es gibt sie erst seit dem Jahr 2000 – und die Schweiz war ein Pionierland. Die Schweizer holten 2002 den ersten (Heim-)Weltmeistertitel und gewannen danach noch zwei weitere WM-Medaillen. Unterdessen sind aber andere Nationen tonangebend.
«Wir sind in der Schweiz eine Randsportart. Und die Spitze ist international breiter geworden», sagt Bodenmann und ergänzt lachend: «Aber die Chinesen zählen immer zu den Favoriten. Die machen nichts anderes, als Curling zu spielen.»
Turnier mit hohem Stellenwert
In Wetzikon sind die Chinesen nicht mit von der Partie – was die Ausgangslage für das Turnier spannender macht, der Bedeutung aber keinen Abbruch tut. Im internationalen Turnierkalender nimmt Wetzikon eine wichtige Stellung ein. Lediglich das Turnier im schottischen Stirling eine Woche später ist ähnlich gut besetzt. «Das Wetziker Turnier ist mit der Szene gewachsen, es war immer beliebt, weil es gut organisiert ist und die Infrastruktur hier tipptopp ist», sagt Bodenmann.
Der Welt-Curlingverband schickt zudem «Classifier» nach Wetzikon – Funktionäre, die neue Athleten prüfen, um ihnen die Spielerlaubnis für Weltmeisterschaften und Paralympics zu erteilen. Grob gesagt geht es dabei um die Frage, wie stark jemand auf den Rollstuhl angewiesen ist. Es gibt aber im Gegensatz zu anderen Para-Sportarten innerhalb des Rollstuhlcurlings nicht verschiedene Klassen.
Für Bodenmann, der seit einem Militärunfall vor rund 30 Jahren von der Brust abwärts gelähmt ist, war Curling ein «Altherrensport», bevor er ihn erstmals ausprobierte. «Wer jung ist, will doch Action», sagt er. Badminton spielte er damals im Rollstuhl – und ging dann einmal aufs Eis, «weil ich jemandem beweisen wollte, dass das nichts für mich ist». Und doch blieb er hängen. «Mich faszinieren die Präzision, die Taktik – und vor allem auch die Fairness. Es ist wohl eine der wenigen Sportarten, die keinen Schiedsrichter brauchen.»
Im November wird Bodenmann 59 Jahre alt – und auch wenn er Rollstuhlcurling nicht mehr als Leistungssport betreibt, ist seine Leidenschaft ungebrochen. «Ich muss mich schon noch etwas an das Breitensportdenken gewöhnen», sagt er. Und setzt sich und seinem Team für das Wetziker Turnier zwei Ziele: «Wir wollen die Grossen ärgern und einige Nadelstiche setzen. Sie müssen, wir dürfen. Und es wäre schön, wenn wir am Sonntag in der Finalrunde um die Ränge 1 bis 12 mitspielen könnten.»
Zum Auftakt erhalten Bodenmann und seine Teamkollegen am Donnerstag um 9.30 Uhr aber gleich einen grossen Brocken vorgesetzt. Die Kanadier sind die nominell beste Equipe auf der Teilnehmerliste. «Da sind viele dabei, die ich aus dem Nationalteam noch kenne. Das gibt ein schönes Wiedersehen.»
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