Er mag, wenn ihm etwas Angst macht
Der Pfäffiker Sampo Lenzi gehört seit mehr als einem Jahrzehnt zu den Organisatoren des Swissman Xtreme. Jetzt startet er erstmals selbst zum populären Langdistanz-Triathlon.
Von grosser Euphorie bis zur völligen Erschöpfung: Jahrelang hat Sampo Lenzi mit der Kamera all die Emotionen der Teilnehmenden am Swissman Xtreme Triathlon eingefangen. Lenzi wird sich auch heuer kurz vor vier Uhr morgens auf dem Schiff befinden, das die Athletinnen und Athleten auf dem Lago Maggiore zu den Brissago-Inseln fährt, dem Startpunkt der Schwimmstrecke.
Nur: Statt anderen die Gefühle zu entlocken, wird er erstmals seine eigenen preisgeben. Lenzi ist einer der vorbestimmten drei Teilnehmer, die sich das Kamerateam ausgesucht hat. Er lächelt beim Gedanken daran. Und geht davon aus, am 21. Juni kaum Worte zu finden. «Ich bin dann wohl zu nervös, um etwas zu sagen.»
Was ihn bei seiner Premiere auf der über drei Pässe führenden Strecke vom Tessin bis zum Ziel auf der Kleinen Scheidegg erwartet, weiss Lenzi. Sein Respekt vor dem Wettkampf ist nicht einfach nur gross, sondern schlicht «riesig, riesig». Ebenso aber auch die Vorfreude, als Mitgründer und aktueller Co-Präsident die andere Seite des Swissman kennenzulernen.
In den vergangenen zwölf Jahren hat der 42-Jährige mitgeholfen, den Wettkampf international populär zu machen. Zwischen 600 und 800 Personen registrieren sich jedes Jahr dafür, lediglich 250 Plätze gibt es. Sie werden ausgelost.
Der Traum, selbst zu starten
Aufs Losglück angewiesen war Lenzi indes nicht, wie er auf die entsprechende Frage entgegnet. Wer sich als Helfer betätigt, darf den Swissman auch bestreiten. Unzählige berührende Momente hat Lenzi an diesem erlebt.
Er dachte einst zwar über die Startenden: Die sind alle crazy. Was er keinesfalls abschätzig meint, sondern vielmehr Ausdruck seiner Bewunderung ist. Und er realisierte dann doch irgendwann: Wer gesund ist und gut vorbereitet, der kann es schaffen – warum also nicht auch er? Die Ausfallquote ist mit rund zehn Prozent jedenfalls überschaubar gering in Anbetracht der Intensität des Wettkampfs.
Lenzi sagt, über all die Jahre habe sich der Traum, selbst einmal zu starten, wie aufgebaut. Bis er im letzten September und nach einem persönlich sehr schwierigen Jahr entschied: «Jetzt ist meine Zeit gekommen.»
Für den zweifachen Vater widerspiegelt der Swissman das Leben – mit Höhenflügen und Tiefpunkten. Die Swissman-Strecke führt durch eindrückliche Landschaften, die Lenzi schwärmen lassen. Aber wie im Leben könne es im Wettkampf «brutal werden, man fällt in dunkle Löcher, muss sich rausholen». Mit Resilienz, aber auch mit der Hilfe von anderen.
In seiner schwierigen Phase hat sich Lenzi oft vorgestellt, an welcher Stelle des Swissman er jetzt wäre. Er schliesst daraus: «Mental habe ich den Wettkampf schon einmal gemacht.»
Nun also folgt der Ironman in echt. Wobei Lenzi gefühlsmässig wie ein Pendel hin- und hergeworfen wird. Es gibt Phasen, in denen ihn arge Zweifel plagen und er sich die Frage stellt: «Schaff ich das überhaupt?» Aber eben auch solche, in denen er vom Gelingen absolut überzeugt ist.
Seit Monaten trainiert Lenzi wöchentlich acht bis zehn Stunden. Sich dafür zu motivieren, macht ihm keine Mühe. Beim Treffen Ende Mai regnet es. Es ist kalt wie im Herbst, und doch wird Lenzi an jenem Tag später noch in den Pfäffikersee steigen fürs Schwimmtraining. «Habe ich ein Ziel vor Augen, geht das super», sagt er.
Weder Läufer noch Triathlet
Er wirft zugleich ein, beim Vorbereitungsstart im Herbst ausser beim Laufen bei null begonnen zu haben.
Lenzi ist immer polysportiv gewesen, das schon. Der Pfäffiker kam im Unihockey bis in die NLA. Er sei aber weder Läufer noch Triathlet, so Lenzi. «Ich mache alles ein bisschen, aber nichts so richtig», redet er seine Fähigkeiten wohl kleiner, als sie in Wirklichkeit sind.
Einige kräftezehrende Rennen hat er im Portfolio, allerdings liegen die meisten davon schon viele Jahre zurück. Er bestritt beispielsweise einen Triathlon, wenn auch nicht über die Langdistanz wie jetzt. Und absolvierte das Rennen Mallorca 312. Auf der gleichnamigen Insel spulte Lenzi auf dem Velo 312 Kilometer mit 5000 Höhenmetern ab.
Als Wettkampftyp sieht er sich trotzdem nicht. Stattdessen sagt er: «Ich mag Herausforderungen.»
Keine solchen, von denen Lenzi weiss, dass er sie sowieso meistert. Welcher Art denn? «Sie müssen mir etwas Angst machen.»
«Ich werde mich verfluchen»
So wie der Swissman Xtreme Triathlon mit seinen 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern Radfahren und 42 Kilometern Laufen. Zusammengezählt sind das 226 Kilometer, gespickt mit 5500 Höhenmetern. Allein diese Zahlen erklären Lenzis Furcht.
Allfällige starke Strömungen im Wasser, Hitze, Regen oder heftiger Wind noch nicht einmal mit eingerechnet.
Lenzis Tagesform dürfte eine wichtige Rolle spielen, wie sehr er leiden muss. «Ich werde Krisen haben, werde mich verfluchen», glaubt er, ist aber jetzt schon überzeugt: «Ich werde aus diesen Krisen kommen.»
Das Ziel? Durchzukommen. Die Zeit interessiert am Swissman niemanden. Es gibt nicht einmal eine offizielle Zeitmessung. «Es geht einzig darum, dass man es schafft», sagt Lenzi.
Welche Passagen hat er besonders im Blickfeld? Der 42-Jährige lacht. «Ich bin froh, wenn das Schwimmen durch ist.» Er freut sich auf dem Veloabschnitt auf die Tremola. Und das Laufen von Grindelwald hoch zur Kleinen Scheidegg? «Bringe ich irgendwie heim, auch wenn ich alle 100 Meter eine Pause brauche.»
Quasi jeden Abend spielt er den Wettkampf gedanklich durch. Auch den Zieleinlauf. Seine zwei Kinder sollen ihn dabei begleiten, wünscht er sich. Dann lacht er nochmals kurz. Und erklärt den Grund seiner Heiterkeit. «Ich bin gespannt, ob ich im Ziel wirklich stehen bleibe – oder wortlos Richtung Sanitätszelt weiterlaufe.»
Vielleicht reicht als Infusion aber auch schon die Genugtuung, die Herausforderung gemeistert zu haben, um wieder zu Kräften zu kommen.
